Berlin - Die wichtigsten Botschaften sind immer die kürzesten, sagt Angelica Domröse in ihrer Autobiografie. Sie bezieht sich auf das, was sie dem Regisseur Heiner Carow ins Telefon rief, nachdem sie ein Drehbuch von Ulrich Plenzdorf gelesen hatte: „Ich bin’s! Ich bin Paula.“ Es mutet heute seltsam an, dass sie damals für sich werben musste, gilt sie doch seit dem Erscheinungsjahr des Films „Die Legende von Paul und Paula“ 1973 wie mit ihm verwachsen.

Zu bekannt schien sie dem Regisseur damals allerdings zunächst, denn Angelica Domröse war mehrmals zum „Fernsehliebling“ gewählt worden, spielte seit 1959 kleine und große Rollen in Kinofilmen, hatte ein Engagement am Berliner Ensemble, bis Helene Weigel sie als „Pupperl“ wegschickte, war dann von Benno Besson an die Volksbühne geholt worden. Ihre Mutter wurde, etwa beim Arzt, bei Nennung des eigenen Namens gefragt, ob sie „mit der Domröse“ verwandt sei, aber die Film-Paula sollte von der Straße kommen, musste die Poesie der Straße haben. „Sag ich doch, stimmte ich Carow zu, passt einfach alles, und ob ich von der Straße komme!“

Foto:  dpa/Nestor Bachmann
Im Filmmuseum in Potsdam steht eine nachgebaute Filmszene aus „Die Legende von Paul und Paula“.

Aus der Gartenstraße 85 in Berlin-Mitte kam sie, einem Haus, aus dessen Fenstern Menschen beim Mauerbau 1961 noch versuchten, in den Westen zu fliehen, das gesprengt wurde und einem Wachturm Platz machte. Ihren Vater, einen südfranzösischen Fremdarbeiter, hat sie nie kennengelernt, der Stiefvater misshandelte sie. „Die Stadt hat mich adoptiert. Ohne Berlin hätte ich es nicht ausgehalten.“ Die Autobiografie unter dem Titel „Ich fang mich selbst ein“, 2003 erschienen, ist heute leider nicht mehr lieferbar. Angelica Domröse zitiert Heiner Carow, wie er bei Probeaufnahmen mit ihr und Winfried Glatzeder seine Meinung änderte, denn sie verwandelte sich: „Sie war nicht nur viel jünger, sie war scheinbar eine ganz andere Person. Naiv, zärtlich, voll von Liebessehnsucht und absolut in ihrem Anspruch auf Harmonie und Glück.“

Angela Merkels Lieblingsfilm

Als „Die Legende von Paul und Paula“ in die Kinos kam, wollten die Beteiligten kaum glauben, dass sie dort bleiben durften, nach den Erfahrungen der vielen verbotenen Filme seit dem Kahlschlagplenum des ZK der SED 1965. Das Publikum reagierte dankbar auf die Geschichte einer Liebe, die sich gegen die durchgeplante Gesellschaft mit ihren vorgefertigten Meinungen stellte, die Anarchie wagte. Fremde Frauen umarmten Angelica Domröse wegen dieser Paula, die von Kerlen schlecht behandelt wurde und sich dennoch nicht kleinmachen ließ. Und sie wollte sich gegen diese Zuneigung nicht wehren, weil diese Rolle auch für sie selbst ganz besonders war: „Ich habe diese Paula nicht gespielt, habe sie mir nicht bloß anempfunden, sondern sie war mein gesteigertes Selbst. Das haben die Menschen gespürt.“

Jahrzehnte sind vergangenen, seit sie diese Sätze mit Unterstützung der Journalistin Kerstin Decker für ihr Buch formulierte. Noch einmal zehn Jahre weiter, 2013, zum 40. Geburtstag des Films wird die Bundeskanzlerin bei einer Vorführung im Kino Filmkunst 66 dazu befragt. Sie war 18, als er herauskam, er wurde ihr Lieblingsfilm. Angela Merkel lobte die Darstellung der Realität genauso wie das „Abwandern ins Surreale“.

Ausreise nach der Biermann-Ausbürgerung

Auf die kurze Zeit, da Angelica Domröse als Paula in der DDR eine bestimmte Lebensweise repräsentierte und anderen Menschen Mut machte, folgte die totale Ernüchterung. Gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, dem Schauspieler Hilmar Thate, gehörte sie im November 1976 zu den Unterzeichnern des Briefs gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Das war der Einschnitt, der das Kulturleben im Osten umwälzte, etliche bedeutende Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Schauspielerinnen und Schauspieler sahen sich, sofern sie sich nicht für die Kulturpolitik der DDR aussprachen, mundtot gemacht oder gar zur Ausreise gedrängt. 38 Jahre war Angelica Domröse alt, als sie im Westen neu anfing, kein gutes Alter für eine Schauspielerin. Doch hatte sie längst schon Rollenangebote bekommen, spielte dann in Hamburg, Bochum, Wien, bekam ein festes Engagement am Schiller-Theater in West-Berlin, 1993 wurde sie im wiedervereinten Berlin Zeugin von dessen Schließung durch den damaligen Kultursenator Ulrich Roloff-Momin.

Angelica Domröse im Jahr 2012 mit ihrem Mann Hilmar Thate (1931–2016).

Im Kino war sie dann seltener zu sehen, im Fernsehen zunächst recht viel, so in Helmut Dietls Serie „Kir Royal“ und im „Polizeiruf 110“. Die letzte größere Rolle hatte Angelica Domröse in der Alten-Komödie „Bis zum Horizont – dann links!“ von Bernd Böhlich 2012. „Wer älter wird, sollte heller werden, nicht bitter“, sagt sie in ihrem Buch. Nun hat sie am Sonntag ihren 80. Geburtstag, zu dem auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schon öffentlich Glückwünsche schickte. Ihr künstlerisches Wirken habe das Land geprägt. Sie lebt zurückgezogen, lässt aber eine dpa-Reporterin zum Interview ein. „Ein paar Dinge lassen sich einfach gelassener sagen und empfinden im Alter“, sagt Angelica Domröse zu ihr. Das ist doch auch eine gute Botschaft.