Fußball, Frauen, die Liebe: Ja mei, wer kann Franz Beckenbauer schon böse sein?

Das Sky-Biopic „Der Kaiser“ über Franz Beckenbauer ist denkfaul, aber immerhin eine lebensverlängernde Maßnahme für den letzten deutschen Kaiser. 

Deutschlands liebster Kaiser, gespielt von Klaus Steinbacher.
Deutschlands liebster Kaiser, gespielt von Klaus Steinbacher.BavSky Deutschland GmbH/Bavaria Fiction GmbH/Stanislav Honzíkaria

Der letzte deutsche Kaiser ist auf dem rechten Auge blind. So selten ist das nicht nach einem Infarkt. Aber in diesem Fall: Bitte nicht mit der alten Volkskrankheit verwechseln, die wieder überall im Land grassiert. Dass er fortan nur noch mit halber Sehkraft voranschreiten kann, hat der Kaiser, inzwischen 77 Jahre alt, uns Fußballuntertanen kurz vor der Weltmeisterschaft in Katar wissen lassen. Um die ganze Leidensgeschichte zu erfahren, mussten wir allerdings die kaiserliche Hauspostille, die Bunte, kaufen. Und weil er wohl ahnte, wie diese Nachricht die Angst um sein baldiges Abdanken anfachen könnte, ließ der Kaiser uns gleich wieder aufatmen: „Die Leute denken wohl, der lebt nimmer lang, aber ich versuche, euch noch eine Weile erhalten zu bleiben."

Nach Katar ist der Kaiser diesmal nicht geflogen, nicht mal mit dem Hubschrauber, denn zu seiner Augenschwäche gesellt sich ja noch ein schwächelndes Herz, das keine öffentlichen Auftritte verträgt, seit einem Jahr auch keinen Stadionstress mehr. Dabei waren der Fußball und zwischen den Spielen und Turnieren die Frauen immer eine besondere Herzensangelegenheit für den Kaiser, eine logistische Herausforderung zudem. Seine bisherige Bilanz: zwei WM-Titel, drei Ehen. Fußball und Frauen – der Kaiser liebte beide. Und beide liebten ihn zurück. Das war nicht immer leicht: „Haben sie schon mal versucht, gleichzeitig Weltmeister zu werden und ein guter Ehemann zu sein?“

„Mir war es wichtig, dass wir ihm mit dem Film eine Freude machen.“

Das hat Franz Beckenbauer so nicht selbst gesagt, sondern der Schauspieler Klaus Steinbacher, der den Kaiser in dem schon bei der Titelwahl ambitionslosen Biopic „Der Kaiser“ spielt. Es ist der zentrale, mit einem – ja mei – Lächeln formulierte Satz in einem Film, der sich Beckenbauers Doppelliebesleben nähert – und daran scheitert, scheitern muss. Denn wer braucht schon ein weiteres Denkmal für den Kaiser? Allenfalls die Geschichte seines Absturzes würde das deutsche Fußballvolk noch interessieren. Doch die will „Der Kaiser“ nicht erzählen. Der Süddeutschen Zeitung sagte Steinbacher: „Mir war es wichtig, dass wir ihm mit dem Film eine Freude machen.“ Eine Gefälligkeitsarbeit also, eine lebensverlängernde Maßnahme womöglich.

Der Film beginnt und endet – wenig überraschend – 1990 in Rom, auf dem Rasen des Olympiastadions, wo der Teamchef Beckenbauer den Weltmeistertitel abseits seiner Mannschaft genießt, ganz still, nur für sich, die Goldmedaille um den Hals, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Man kennt die Bilder. In diesem Moment wendet sich der Filmkaiser an das Publikum und sagt: „Mehr ging nicht, dabei wäre es beinahe nichts geworden.“ Es ist immerhin der Versuch, so etwas wie Spannung zu erzeugen. So, als wüssten wir nicht längst, welche Hürden Beckenbauer nehmen musste in seinem Leben, wo die Schatten auf die Lichtgestalt fielen, was ihn antrieb.

Nach der WM ist vor der EM ist vor dem nächsten Werbevertrag, und nach Brigitte ist vor Sybille, vor Heidi, dem nächsten Liebesblitz, der einschlägt. Stand doch schon alles in seinen Autobiografien „Einer wie ich“ (1975) und „Ich – Wie es wirklich war“ (1992) oder später regelmäßig in der Bunte. Hat man doch alles schon in „Libero“ (1973) oder „Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“ (2015) gesehen. Aber hey, okay, einen Versuch ist es wert. Heißt es nicht, der Fußball schreibt die besten Geschichten?

Doch am Ende ist es nur ein halbherziges, halb lustiges, halb ernstes Dokudrama, ein Kostümfilm vor einer westdeutschen Wohnzimmerkulisse mit wackelig sitzenden Perücken. Über jeder Szene könnte stehen: A Hund is a scho, der Franz, aber wie könnte man ihm, dem Ehebrecher und Steuerhinterzieher, etwas übel nehmen, böse sein, die anderen sind schuld, und jetzt geht’s raus und spielt’s Fußball und lasst den Kaiser in Ruh. Oder in einem Satz: Drücken wir noch mal ein Auge zu.

Der Kaiser. Spielfilm, 104 Minuten, Sky Cinema und WOW