Es trifft sich gut, dass Julia Ducournau die erste Frau ist, die in Cannes als Regisseurin allein mit der Goldenen Palme für den besten Film geehrt wurde. 1993 bekam Jane Campion die höchste Auszeichnung des bedeutendsten Filmfestivals 1993 noch zu gleichen Teilen mit ihrem Kollegen Chen Kaige. Ducournau vertritt einen ausgesprochen modernen Feminismus. Ihr Streben nach Gleichberechtigung gilt dem Individuum an sich. Noch vor der Verleihung sagte sie in einem Interview mit dem Filmportal Indiewire, dass es sie eher irritiere, wenn die Leute betonten, dass sie eine Regisseurin sei: „Ich mache Filme, weil ich ich bin, nicht weil ich eine Frau bin.“ Und so zeige ihr ausgezeichneter Film „Titane“ Geschlechterfluidität natürlich und nicht politisch.

Auch in anderen Aspekten irritiert die 1983 in Paris geborene Julia Ducournau mit ihrer Arbeit Sehgewohnheiten. Es geht ihr um die Filmkunst. Sie verbindet technische und sciencefictionhafte Szenen mit großer Körperlichkeit. Sie beleuchtet grell, was sonst im Dunkeln bleibt, erzählt visuell, Dialoge sind zweit- oder drittrangig bei ihr. Ihr erster Spielfilm, „Raw“, in Cannes 2016 mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet, folgt in zuweilen drastischen Aufnahmen der Wandlung eines als Vegetarierin aufgewachsenen jungen Mädchens zur Frau, die rohes Fleisch isst – auch von Menschen. Bei den Filmpremieren in Toronto und Göteburg verließen einige Zuschauer vor Ekel die Aufführungen. In Deutschland kam „Raw“ außer beim Fantasy Filmfest nie in die Kinos, wurde nur als DVD verkauft.

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