Das deutsch-polnische Grenzland ist Gegenstand dieses Films. Oder vielmehr die Menschen dort, die alten und die neuen. Und nichts könnte die Geschicke dieser von den Katastrophen und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts geprägten und gebeutelten Region besser symbolisieren als die Flüsse, die die Grenze bilden, Neiße und Oder. Weltkrieg, Flucht und Vertreibung, neue Länder, Grenzen, Mauerfall, Niedergang, Neuanfänge. Alles ist in Bewegung, nichts bleibt fest, auf nichts ist Verlass. Alles verändert sich immer. Flussphilosophie ist Geschichtsphilosophie ist Lebensphilosophie.

Es ist das zweite Mal, dass sich der Regisseur dieses Films Andreas Voigt in diese Region aufmacht.  Das erste Mal hat er kurz nach der Wende die Menschen hier befragt. Denn das tut Voigt vor allem: Menschen zu Wort kommen lassen, ihnen zuhören, direkte Fragen stellen, immer einfühlsam. „Wie finden Sie den Abriss der eigenen Stadt?“, fragt er zwei Männer, die der Zerstörung eines Plattenbaus in Hoyerswerda zusehen.  Von einer Parkbank aus. Nur einer dreht sich um und spricht. Mehr als 70.000 Einwohner habe die Stadt mal gehabt, heute noch 30.000. Mit Eingemeindungen. Aber er hänge an Hoyerswerda. Werkzeugmacher hat er gelernt, doch er fühlt sich zu alt für einen Neuanfang, hat das Selbstvertrauen verloren, es mit den neuen Maschinen aufnehmen zu können. „Wissen Sie, was mir fehlt? Etwas, worauf man sich freuen kann.“ Wenn im Briefkasten kein Brief vom Amt liegt, ist er froh.

Für den kurdischen Syrer Salman, vor ein paar Jahren übers Mittelmeer geflüchtet, ist das deutsche Grenzland nicht Endstation, es ist der Ort der Ankunft und der Zukunft. Er arbeitet in Hoyerswerda als Autolackierer. Bei all seinem Geschick, die Menschen zum Sprechen zu bringen, die sogenannten kleinen Leute – an Salmans deutschen Arbeitskollegen scheitert sogar der zugewandte Andreas Voigt. Ihr Misstrauen gegen die Medien ist wie eine Wand. Salman zeigt ihm sein Haus, in dem es schon die Kinderzimmer gibt, obwohl er noch nicht mal eine Freundin hat. Seine kurdischen Kumpels aus Syrien, dem Irak, der Türkei helfen ihm beim Renovieren und loben die Freiheit in Deutschland, wo jeder glauben könne, was er möchte und Sorbisch an den Schulen gelehrt wird. Die Sprache der Minderheit. Nicht wie bei ihnen. Manchmal ist es nicht schlecht, die eigene Welt durch eine andere Perspektive zu sehen. Später hat Salman ein NPD-Graffiti auf seinem Auto.

Carla aus Guben lebt seit Mitte der 90er-Jahre in Niedersachsen. Voigt kennt sie seit dem ersten Film, er zeigt noch einmal die Aufnahmen von damals: Carla, eine schöne junge Frau mit Lust am Risiko, am Aufbruch. 20 Jahre später lebt sie in Niedersachsen, wischt die Automaten in einem tristen Spielcasino sauber. „Da, wo ich gelernt habe, in der Gubener Wolle, wachsen Bäume aus den Fenstern.“ Drei Jahre war sie arbeitslos, 1995 ist sie in den Westen gegangen. „In der DDR war mehr Gemeinschaft“, sagt sie. Der Regisseur wendet sich in den langen Pausen zwischen den Sätzen nicht ab. Es wartet, dass der nächste Gedanke die Lippen erreicht. „Klar kannste jetzt reisen und machen und tun“, sagt Carla. „Aber ich muss das nicht haben. Ich kann keinen großen Unterschied feststellen, mir ging’s in Guben genauso gut.“ Der Systemvergleich auf dieser Ebene fällt anders aus, als viele Westler glauben.

Alle paar Jahre fährt Carla in die alte Heimat, sitzt mit ihrer Freundin im Kleingarten, sie quarzen, trinken Rotkäppchensekt, früher Mangelware, jetzt kaufen sie den Sechserpack für 15 Euro. Polen ist das Land, in dem sie billig tanken und Zigaretten kaufen können.

Das deutsch-polnische Grenzland ist eine Vielvölker-Region

Die australische Familie, die sich auf der polnischen Seite niedergelassen hat, zieht auch einen Vergleich: „Polen ist mehr wie Australien als Deutschland.“ Sie meinen den Spirit, die Wildheit, die Energie, das Gefühl der Freiheit. „Man hat das Gefühl, dass man hier Dinge tun kann.“ Der Vater sitzt mit seinem Cowboyhut auf dem Kopf neben seiner Tochter im Garten und lässt sich polnische Vokabeln beibringen.

Mit Andreas Voigt trifft man noch viel mehr Menschen. Elena etwa, die Polin mit griechischem Migrationshintergrund, wie man in Deutschland sagen würden. Sie führt zum Grab ihres Vaters, eines Kommunisten, der nach dem Bürgerkrieg in Griechenland in einen von den Deutschen verlassenen Ort floh, dem Polen Asyl bot. Da ist Zofia, deren Mutter 1946 aus der Gegend von Wilna ins Grenzland kam, damals Polen, heute Weißrussland. Die Deutschen hatten ihr Haus niedergebrannt. Andere Deutsche hatten im Garten des Hauses, das ihnen zugewiesen wurde, noch Bohnen gesät. So begann ein Kreislauf. Diese deutsche Bohnen sät Zofia jedes Jahr von neuem. So viele Menschen, Schicksale, sind verwoben mit dieser Vielvölker-Region mitten in Europa.

Die Deutschen entlang der Grenze lernen kein Polnisch, aber Voigt, geboren 1953 in Eilsleben, spricht die Sprache. Er hat in den 70er-Jahren ein Jahr lang in Krakau Physik studiert; zwei Jahre, bevor die Mauer fällt, beendet er sein Studium an der Filmhochschule Babelsberg. Der Umbruch wird zu seinem großen Thema. 1989 dreht er „Leipzig im Herbst“, es folgen vier weitere Leipzig-Dokumentarfilme. Andreas Voigt begegnet Orten und Menschen gern mehr als einmal. Auch im Grenzland.