„Guillermo del Toros Pinocchio“: Aus ganz neuem Holz geschnitzt

Der Meister des fantastischen Horrors hat sich der bekannten Holzpuppe angenommen – und einen der großartigsten Familienfilme seit langem geschaffen.

Keine von Mussolinis Marionetten: die gutherzige Holzpuppe Pinocchio.
Keine von Mussolinis Marionetten: die gutherzige Holzpuppe Pinocchio.Netflix

Muss man denn wirklich noch eine „Pinocchio“-Verfilmung haben? Die Frage ist berechtigt: Der Stoff des italienischen Autors Carlo Collodi wurde bereits unzählige Male adaptiert. Disney legte nach dem Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1940 erst in diesem Jahr, unter der Regie von Robert Zemeckis („Forrest Gump“), eine Neuverfilmung vor.

Der Trend der Filmindustrie, sich auf der Jagd nach alten Erfolgen ständig selbst zu wiederholen, anstatt sich an neue Erzählungen zu wagen, ist mitunter ermüdend. Doch in diesem Fall hat sich die Sache gelohnt. Man kann sogar sagen, dass Guillermo del Toros Interpretation der Geschichte um eine Puppe, die zum Leben erweckt wird, die einzige ist, die man gesehen haben muss.

Der Meister des fantastisch aufgeladenen Horrors, der gemeinsam mit dem Stop-Motion-Experten Mark Gustafson die Regie übernommen hat, behält die groben Handlungsstränge der prominenten Vorlage bei, erschafft aber dennoch etwas völlig Neues, indem er das Geschehen im faschistischen Italien der 1930er-Jahre ansiedelt. Durch das neue Setting begibt sich del Toros „Pinocchio“ nicht nur in düstere Gefilde, sondern setzt gleichsam zu einer erhellenden Erzählung über Ungehorsam, Akzeptanz und vorbehaltlose Liebe an.

Anders als die Disney-Interpretation ist del Toros Film kein an Kinder gerichtetes Lehrstück über die Bedeutung der Folgsamkeit, ganz im Gegenteil: Hier ist es die Puppe, die ihren eigenen Kopf benutzt und auf ihr organisch nicht vorhandenes Herz hört, während die Menschen um sie herum zu Mussolinis Marionetten werden.

Diese Menschen begegnen Pinocchio (im Original gesprochen von Gregory Mann) aufgrund seiner Andersartigkeit mit Ablehnung, obwohl er in seiner Naivität und häufig Chaos verursachenden Tollpatschigkeit keinerlei Böses im Sinn hat.

Auch Schreinermeister Gepetto (David Bradley), der Pinocchio aus Einsamkeit nach dem Tod seines Sohnes geschnitzt hat, bezeichnet seine Kreation schließlich als „Bürde“, auf Druck der Dorfgemeinschaft, insbesondere des Ortsvorstehers (Ron Perlman).

Pinocchio ist unsterblich

Anders als in der prominenten Vorlage schließt sich Pinocchio in der Folge nicht etwa einem örtlichen Puppentheater an, um dem Schulunterricht zu entkommen – sondern um als der angenommen zu werden, der er ist, und um unter Gleichgesinnten zu sein. Der Theaterchef Graf Volpe (Christoph Waltz), stets in Begleitung seines missgünstigen Äffchens Sprezzatura (Cate Blanchett), nimmt ihn freilich nur auf, um aus ihm größtmögliches Kapital zu schlagen.

Del Toros Abenteuergeschichte, die Pinocchio im weiteren Verlauf unter anderem in eine Kaderschmiede für Elitesoldaten und den bekannten Bauch eines Wals führt, richtet sich mehr an Erwachsene als an Kinder – sie appelliert daran, Eigenheiten von Kindern mit Wohlwollen und Liebe anstatt mit einer erdrückenden Erwartungshaltung zu begegnen. Zudem nutzt der Film die Tatsache, dass Pinocchio ewig lebt, für eine Reflexion über Sterblichkeit und die Kostbarkeit von gemeinsam verbrachter Zeit.

Einem gutmütigen, feenähnlichen Waldgeist, der der Puppe einst das Leben einhauchte, steht dessen todbringende, an eine geflügelte Sphinx erinnernde Schwester gegenüber (beide gesprochen von Tilda Swinton), die in der Unterwelt wacht. Dorthin muss Pinocchio kurzzeitig immer dann zurückkehren, wenn er – wäre er ein Mensch – eigentlich sterben würde. Diese ernsten Anklänge werden durch die besserwisserischen Kommentare einer zur Arroganz neigenden, aber im Grunde weichherzigen Grille (Ewan McGregor), die als Erzähler durch den Film führt, aufgelockert.

Ewan McGregor spricht Sebastian J. Grille.
Ewan McGregor spricht Sebastian J. Grille.Netflix

Obwohl der Film visuell äußerst finster daherkommt, ist er dank seines omnipräsenten Comic Relief auch für ein jüngeres Publikum geeignet. Mit seinem zugänglichen, dabei niemals plumpen Sinngehalt erweist sich del Toros „Pinocchio“ als einer der seelenvollsten Familienfilme seit langem.

Wertung: 5 von 5 Punkten

„Guillermo del Toros Pinocchio“. Spielfilm, 117 Minuten, ab 24. November im Kino, ab 9. Dezember bei Netflix