„Harry & Meghan“-Doku auf Netflix: Eine Platte mit Sprung

Das geschasste Herzogspaar von Sussex wollte in einer Doku-Serie mit Enthüllungen aus dem Palast schockieren und Sympathien wecken. Es erreicht das Gegenteil.

Das Leben vor dem Palast: private Bilder aus glücklichen Zeiten des Herzogspaares.
Das Leben vor dem Palast: private Bilder aus glücklichen Zeiten des Herzogspaares.Courtesy of Prince Harry and Meghan, The Duke and Duchess of Sussex

Nach den Trailern zu urteilen, sollte es in der Netflix-Serie von und mit „Harry & Meghan“ um Leben und Tod gehen. „Ich will nicht, dass die Geschichte sich wiederholt“, sagt Harry darin und zieht eine Parallele von seiner Mutter zu seiner Frau. Im Januar erscheint sein Buch – mit dem provokanten Titel „Reserve“ –, in dem er seine Kindheit im Königshaus und die Entscheidung des Paares, von ihren königlichen Pflichten zurückzutreten, schildert. Was wollen Harry und Meghan nun also mit dieser persönlichen Doku-Serie erzählen, was dem Buch und ihrem Interview mit Oprah Winfrey aus dem vergangenen Jahr hinzufügen? Und mit welchem Ziel?

Das sind Fragen, die in der ersten Hälfte der sechsteiligen Serie erstmal unbeantwortet bleiben. Mehrmals versichert das Paar in den ersten drei Folgen, dass die beiden einfach „ihre Seite der Geschichte“ erzählen wollten. Dabei wird vor allem ihre Behandlung durch die Medien thematisiert – Harry schildert, wie sich die mediale Verfolgung seiner Mutter auf sie, ihn und seinen Bruder auswirkte, er wolle jetzt „Ausbeutung und Bestechung“ in der Presse aufdecken.

Die Türen des Palastes bleiben geschlossen

Tatsächlich erfahren die Zuschauer nur sehr wenig Neues: Die zweifelhaften Boulevard-Storys, die parteiische und oft rassistische Berichterstattung über Meghan, die Beiträge von ihrem Vater Thomas und Halbschwester Samantha, das sind alles Themen, zu denen sich das Paar bereits mehrfach geäußert hat. Das Königshaus dürfte erleichtert sein.

Die ersten Trailer der Serie provozierten mit Bildern einer wütend aussehenden Prinzessin Kate und der ganz selbstverständlich daherkommenden Aussage von Harry, es gebe in der königlichen Familie eine „Hierarchie“. Die versprochenen Blicke hinter die verschlossenen Türen des Palastes bleiben die ersten drei Folgen mit Ausnahme von kleinen Anekdoten weitgehend schuldig. So sollen Prinz William und Kate bei ihrem ersten Treffen mit Meghan schockiert gewesen sein, weil Harrys neue Freundin das royale Paar umarmen wollte. Nun ja. 

Wie schon im Oprah-Interview ist das Thema Rassismus erneut sehr präsent. Die Macher spannen einen weiten Bogen, sie schauen zurück in die Geschichte des Sklavenhandels und analysieren die Rolle der britischen Monarchie darin. Zu den Skandalfotos, die Harry im Jahr 2005 in einer Nazi-Uniform bei einer Kostümparty zeigten, sagt der Herzog: „Das war einer der größten Fehler meines Lebens. Aber ich habe daraus gelernt.“ Er sei nach der Kontroverse nach Berlin gereist und habe sich mit einem Holocaust-Überlebenden getroffen. Noch heute arbeite er an seinen „unbewussten Vorurteilen“.

Aber es werden, anders als im Trailer versprochen, keine Namen genannt im Zusammenhang mit dem Vorwurf des strukturellen Rassismus im Königshaus, von dem das Paar im Oprah-Interview erzählte – zum Beispiel, welches Familienmitglied über die Hautfarbe des ersten Kinds des Paares, Archie, spekuliert haben soll. Dass Princess Michael of Kent – die Ehefrau eines Cousins der verstorbenen Queen – zum ersten gemeinsamen Essen der Familie mit Meghan eine rassistische Brosche trug, wurde medial längst groß thematisiert – Harry und Meghan fügen der Geschichte nichts Neues hinzu.

Der Wunsch nach Aufmerksamkeit

Fans des Paares werden der Doku wahrscheinlich trotzdem einiges abgewinnen können. Es werden viele private Fotos vom Beginn der Beziehung gezeigt, auch ein kurzes Video von Archie. Zahlreiche Freunde der beiden, insbesondere von Meghan, bringen überschwänglich ihre Bewunderung für sie zum Ausdruck. In den Interviews, die Harry und Meghan in ihrem kalifornischen Zuhause aufgenommen haben, erzählen die beiden unbeschwert von ihrem ersten Treffen und der idyllischen Anfangsphase ihrer Beziehung – bevor sich alles änderte.

Unparteiische Zuschauer werden „Harry and Meghan“ mit ihrer Doku allerdings kaum auf ihre Seite ziehen, wahrscheinlich eher im Gegenteil. Zu leer die Versprechen, zu dramatisch die Inszenierung, als dass wirklich Mitgefühl aufkommen könnte. Der angebliche Wunsch, etwas mitteilen zu wollen, wirkt so mehr wie ein Wunsch nach Aufmerksamkeit. In einer Woche wird der zweite Teil der Serie erscheinen, dessen Inhalt noch unbekannt ist. Wenn sich das Muster des ersten Teils fortsetzt, laufen Harry und Meghan Gefahr, die letzte öffentliche Unterstützung, die sie noch haben, zu verspielen.

Harry & Meghan. Doku-Serie, 6 Folgen, Netflix