Berlin -  „In unserem Lande und in unserer Epoche schreibt man Romane für die Schublade.“ – Wenn ein solcher Satz mitten in den 1970er-Jahren in einem Fernsehfilm aus Adlershof fiel, klingelten vermutlich alle Alarmglocken des kulturpolitischen Aufsichtspersonals. Doch „Im Schlaraffenland“, das große, teure Bildschirmspektakel von Regisseur Kurt Jung-Alsen, spielte ja keineswegs in der DDR, sondern im Wilhelminischen Kaiserreich. Und weil aktuelle Bezüge nicht zu erkennen waren, konnte auch dieser Satz als Kritik an einer längst vollendeten Vergangenheit abgetan werden.

Der Roman allerdings, der 1900 erschien, hatte den 30-jährigen Heinrich Mann seinerzeit durchaus in die Schlagzeilen gebracht. „Im Schlaraffenland“ ist eine ätzende Satire auf den Berliner Kulturbetrieb: die durch Börsenspekulationen reich, aber nicht klug gewordene Bourgeoisie, den angepassten Journalismus, die moralische Verkommenheit der „besseren“ Gesellschaft. 

Ein Ensemble erlesener Darstellerinnen

Weil die 1951 uraufgeführte Defa-Adaption des „Untertan“ weltweit für Furore gesorgt hatte und die Verfilmungsrechte an Heinrich Manns Werken vergleichsweise leicht zu haben waren, stand auch „Im Schlaraffenland“ lange Jahre in den Plänen des Kinostudios. Als daraus nichts wurde, nahm sich das DDR-Fernsehen des Romans an und ermöglichte einem mit Literatur erfahrenen und ästhetisch gebildeten Regisseur den Zugriff. Kurt Jung-Alsen, der zuvor unter anderem Filme nach Franz Fühmann und Peter Edel inszeniert hatte, vertraute auch hier wieder auf ein Ensemble erlesener Darstellerinnen und Darsteller. 

Jan Spitzer spielt den aus der Provinz angereisten Andreas Zumsee, der von einem Leben ohne Anstrengung träumt: dem Schlaraffenland eben, in dem Milch und Honig fließen. Die Gattin des neureichen Bankiers Türkheimer holt ihn in ihr Bett und öffnet ihm die Türen zur Berliner Hautevolee: Marylu Poolman stellt eine pralle Sinnlichkeit aus; Erwin Geschonneck als ihr Mann gibt den verschmitzten Geldjongleur, der zwar tölpelhaft tut, aber insgeheim Fallstricke legt.

Die eigentliche schauspielerische Entdeckung des Films ist aber Katharina Thalbach als Tanzelevin Agnes: eine schrille Berliner Göre, der man ihre Herkunft aus der Ackerstraße 36, Hinterhaus sofort abnimmt. Die Thalbach zeigt sich grell, frech, komisch, mit weit aufgerissenen Augen, gierig aufs Leben. Eine zeitlose Charakterstudie: der Underdog auf dem Weg in die goldene Zukunft, der dann doch nur wieder in die Gosse führt.

Im Schlaraffenland, DDR 1975. Regie: Kurt Jung-Alsen, DVD, Studio Hamburg Enterprises, ab 12,99 €