Wie beharrlich die Zukunftsmaschine Kino arbeitet, ist am besten an ihrer Historie ablesbar. Hier begegnen uns Werke, die so frisch wie am ersten Tag wirken. Sie überleben durch ihre unverstellte Sicht auf die Welt und durch die Art ihres Erzählens. Die konkret verhandelten Zukunftsträume haben damit nur wenig zu tun. Sieht man heute etwa die frühen Thesenfilme von Harun Farocki, lässt sich deren politische Naivität zwar leicht belächeln, doch in der Perspektive boten sie damals – zumindest im bundesdeutschen Kino – etwas völlig Neues. Sie beobachteten dabei auch immer sich selbst, stellten die Bilder quasi auf den Kopf oder, je nach Blickweise, vom Kopf auf die Füße. Es ging und geht immer um die Infragestellung von Konventionen. Nur so lässt sich Neues finden.

Als die 1941 in Finnland geborene Filmemacherin Ingemo Engström 1975 vom gediegenen München ins chaotische West-Berlin fuhr, um hier gemeinsam mit Farocki einen diskursiven Film zu drehen, muss Seelenverwandtschaft eine Rolle gespielt haben. Programmatisch mit dem Titel „Erzählen“ überschrieben, wurden hier die Zusammenhänge von Dramaturgie und Revolution verhandelt, dies im deklamatorischen Stil eines Brechtschen Lehrstücks. Dabei besitzt der Film manchen Schauwert. Er zeichnet seltene Spuren eines inzwischen mehrfach überschriebenen Berlins nach. Otto Sander spielt auch mit. Und Hanns Zischler hämmert eine grandiose Blues-Nummer von B.B. King in die Tasten: „O Baby, How Blue Can You Get“.

Engström erzählt von Fluchten nach innen und außen

„Erzählen“ wird innerhalb einer Retrospektive gezeigt, die der zu Unrecht weithin vergessenen Regisseurin Ingemo Engström gewidmet ist. Farocki habe, so bekennt sie heute, „mit seinen Innovationen bis zu seinem Tod auf mich eingewirkt“. Dabei wurde sie keineswegs zur Apologetin des 2014 Verstorbenen. Ihr Kosmos stellt sich vielmehr als ein offenes System dar, das mit vielerlei Einflüssen spielt und diese in eine sehr eigene Sprache transformiert. Um dies zu verdeutlichen, laufen neben ihren neun eigenen Arbeiten auch solche von Wenders, Kluge, Mizogushi, Bresson und von ihrem langjährigen Lebens- und Arbeitspartner Gerhard Theuring.

Wollte man Grundessenzen von Engströms Oeuvre zu fassen versuchen, so wären dies vor allem die Bewegungen, auch Fluchten, stets nach innen wie außen gerichtet. Ihr letzter Kinofilm „Ginevra“ (1991) kondensiert diesen Fluchtimpuls als Reise vom europäischen Norden bis zu den Pyrenäen. Hinter der Folie der Artus-Sage vollzieht sich eine schmerzhafte, fast zum Tod führende Selbstsuche. Anders als in der keltischen Vorlage macht sich nicht der König mit seinen Rittern auf den Weg, sondern seine Frau, die Titelheldin, eigentlich eine Schauspielerin. Tief im Süden trifft sie ihren Lancelot – ohne dass sich mit ihm das Versprechen von Zweisamkeit erfüllen ließe. „Ginevra“ gehört auf die Leinwand. Nur hier entfaltet sich die ihm innewohnende Magie aus Landschaften, Räumen, Texten und Körpern. Ein Film zum Einlassen, höchst lebendig an die Utopie eines anderen Erzählens erinnernd.

Retrospektive Ingemo Engström, Kino Arsenal, 2. bis 19. Juni 2022