Als „European Shooting Star“ der Berlinale ist Emma Drogunova 2019 internationalen Stars wie Alicia Vikander, Maisie Williams und Carey Mulligan nachgefolgt – und mit den richtigen Rollenangeboten wäre es der Berlinerin durchaus zuzutrauen, diese großen Fußstapfen in den kommenden Jahren auszufüllen.

Nach einigen Fernsehproduktionen spielte Drogunova in der Seethaler-Verfilmung „Der Trafikant“ 2018 ihre erste große Kinorolle. Im vergangenen Jahr lief die Serie „Wild Republic“ bei der Berlinale, eine Co-Produktion von MagentaTV, ARTE und dem WDR, mit Drogunova in einer der Hauptrollen. Die moderne „Herr der Fliegen“-Interpretation ist ab dem 19. Mai in der ARTE-Mediathek abrufbar.

Geboren in der sibirischen Stadt Tjumen zog Drogunova mit zwei Jahren nach Berlin. Sie wuchs in Moabit auf und erinnert sich heute noch gern an verrückte Nachbarkids und die Hansa-Grundschule. Weil ihre Mutter aber wollte, dass Emma neben Deutsch, Russisch und Englisch noch eine vierte Sprache lernt, wechselte sie schließlich auf eine französische Schule und studierte nach dem Abitur Russisch und Französisch an der Humboldt-Universität. Drogunovas Mutter spricht russisch mit ihrer Tochter, sie antwortet dann auf deutsch: „Ich verstehe alles, aber mein Wortschatz ist begrenzt, weil ich immer mehr deutsch gesprochen habe. Wenn ich zum Beispiel meine Gefühle ausdrücken will, wird’s schwierig auf russisch.“ Emmas Vater lebt in Russland.

Berliner Zeitung: Frau Drogunova, Sie haben russische Wurzeln, leben aber in Berlin, seit Sie zwei Jahre alt sind. Was hat sich für Sie persönlich seit dem 24. Februar verändert?

Emma Drogunova: Irgendwie sehr viel. Wie ganz viele von uns habe ich mich in den letzten Jahren mit dem Krieg in der Ukraine nicht so viel beschäftigt, wie ich es eigentlich hätte tun müssen – die Eskalation im Februar hat mich dann komplett überrumpelt. Meine erste Reaktion war Sorge um Freunde. Ich habe keine Familie in der Ukraine, anders als viele andere Russen, aber über Ecken kenne ich doch viele Menschen, die dort jetzt leiden. Emotional ist die Situation sehr schwierig. Eine Woche nach Kriegsbeginn ging es mir extrem schlecht, aber man muss sich aus diesem Loch, aus diesem Gefühl der Ohnmacht, auch wieder freikämpfen. Für mich war eine gute Strategie, aktiv zu werden und zu helfen.

Inwiefern sind Sie aktiv geworden?

Ich habe gespendet, vermittelt und demonstriert. Es gibt jetzt keine Heldengeschichte von mir, aber ich habe geholfen, so weit es mir möglich war.

Wie hat der Krieg Ihre Emotionen in Bezug auf Ihr Geburtsland Russland verändert?

Die Emotionen zu meinem Heimatland waren schon immer ambivalent. Politisch konnte ich Russland nie viel abgewinnen. Auf der menschlichen Ebene ist das komplizierter – es gibt ja auch in Russland viele Menschen, die sich für Freiheit und Toleranz engagieren. Manchmal fällt es mir schwer, das zu trennen. Gespräche mit konservativen Russen aus der älteren Generation sind schon oft ein Kampf, auch innerhalb meiner Familie. Ich glaube, das erleben gerade viele Post-Ost-Jugendliche oder junge Erwachsene. Ich kenne einige, die versuchen, ihren Großeltern in Russland klarzumachen, dass man ihnen Propaganda vorsetzt. Die denken dann aber wiederum genau das gleiche, nur eben über uns. Dann redet man dagegen an, gegen Menschen, die man liebt, und möchte einfach, dass sie einen verstehen. Aber oft man dreht sich dabei im Kreis.

Das ist extrem schwierig. Welche Strategie hat sich für Sie in solchen Gesprächen bewährt?

Ich glaube, das Wichtigste ist, immer mit Liebe und Verständnis an die Sache ranzugehen, zuzuhören, und sich bei der Argumentation auf Fakten und nicht Emotionen zu konzentrieren. Dem anderen zu suggerieren, dass er keine Ahnung hat und man selbst alles besser weiß, bringt nichts. Streit muss man dann aushalten und sich einfach immer weiter bemühen, nicht aufgeben. Und manchmal funktioniert es auch, das höre ich immer wieder aus der Community. Zu reden ist immer besser als nicht zu reden.

Nehmen Sie seit Kriegsbeginn im Alltag mehr antirussische Ressentiments wahr?

Mir sieht und hört man das Russischsein ja nicht an, deshalb kann ich da nur bedingt mitreden. Ich habe in letzter Zeit öfter von solchen Geschichten gehört, mein Vater hat mich nach Kriegsbeginn auch sofort angerufen, weil er sich Sorgen um mich gemacht hat. Besonders absurd ist ja, dass jetzt manchmal auch Menschen aus der Ukraine angegangen werden, wenn sie russisch sprechen, weil man sie für Russen hält. Das zeugt natürlich von wenig Wissen über die Situation. Es passt aber dazu, wie Menschen aus Deutschland in den Osten blicken.

Nämlich wie?

Meistens wird alles in einen Topf geworfen. Polnisch, Ukrainisch, Russisch, Rumänisch, Tschechisch – für viele ist das mehr oder weniger dasselbe. Ein bisschen mehr Interesse für die unterschiedlichen Kulturen würde mich sehr freuen.

Haben Sie in der Vergangenheit in Berlin Erfahrungen mit Russophobie oder generell Vorurteilen gemacht?

Selten. Manchmal kommen dumme Sprüche, zum Beispiel, wenn Leute meinen Nachnamen lesen, meistens irgendwas mit Wodka. Wirklich angefeindet wurde ich aber noch nie, oder zumindest sehr lange nicht mehr. Einmal wurde bei einer Produktion ein Hotelzimmer für mich gebucht, das lief dann plötzlich auf den Namen „Olga Drogunova“. Das hat mich verletzt, muss ich sagen, und mich auch wütend gemacht. Als Kind wollte ich mal mit meinem Bruder eine Geschwisterkarte für irgendwas kaufen, da gab es dann Probleme, weil mein Nachname Drogunova ist und der meines Bruders Drogunov. Das ging bis zur Drohung, die Polizei zu rufen.

Spüren Sie bestimmte Klischees auch bei den Rollen, die Ihnen angeboten werden?

Auf jeden Fall. Osteuropäische Rollen haben definitiv überproportional häufig etwas mit Sex- oder Care-Arbeit zu tun. Das hat natürlich seinen Grund, aber es ist zu einseitig und verfestigt Vorurteile. Wir sind auch Ärztinnen und Anwältinnen, wir arbeiten in allen Bereichen, mit und ohne Akzent.

Lehnen Sie solche Rollen prinzipiell ab?

Mittlerweile schon. Aber ich bin da natürlich in einer privilegierten Position. Viele Schauspielerinnen sind aber darauf angewiesen, diese Rollen zu spielen. Ich war es ja früher auch.

Generell hat sich ja die Sensibilität, was bestimmte Rollenklischees angeht, in den letzten Jahren sehr gesteigert – warum nicht in Bezug auf Osteuropa und Russland?

Ich verstehe es auch nicht so richtig. Seit Black Lives Matter hat sich ja wirklich viel getan und der Konsens ist doch eigentlich: Wenn zum Beispiel People of Color sagen: „Wir empfinden das als rassistisch, das geht nicht, das tut uns weh, bitte benutzt bestimmte Worte nicht, oder geht anders mit Themen um“, dann haben wir als weiße Menschen das zu akzeptieren! Wenn diese Menschen sagen, „das ist Rassismus“, dann ist das Rassismus. Kein Aber. Genau so würde ich mir das in Bezug auf Antislawismus auch wünschen. Dass wir das, was wir in den vergangenen Jahren gelernt haben, auch auf andere Gruppen übertragen könnten.

Wie hat Sie die Black-Lives-Matter-Bewegung beeinflusst?

Sie hat mich politisiert. Vorher habe ich relativ unbedarft mein Leben gelebt, aber mit dem Tod von George Floyd gab es für mich einen echten Wendepunkt. Über politische Accounts, denen ich bei Instagram gefolgt bin, kam ich dann irgendwann auch auf engagierte Post-Ost-Leute und habe gemerkt, dass es da eine Community gibt, zu der ich irgendwie auch gehöre. Dass ich mit gewissen Problemen und Erfahrungen nicht allein bin.

Wie groß ist Ihr Bedürfnis, sich dort auch selbst politisch oder privat zu äußern? Vor ein paar Wochen haben Sie zum Beispiel etwas über Ihre Therapie gepostet und angeprangert, dass mentale Gesundheit in Deutschland noch immer eher stiefmütterlich behandelt wird.

Ich bin manchmal einfach sehr impulsiv. An dem Tag hatte ich frei, während eines Drehs, der psychisch ziemlich belastend war, weil es um sexuelle Gewalt ging. Und plötzlich war ich einfach total dankbar, dass ich einen Tag lang die Zeit und die Möglichkeit hatte, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Ich kenne so viele Leute, die das gerne tun würden, aber keinen Therapieplatz kriegen, oder nicht mehr in der Lage sind, sich einen zu suchen, zum Beispiel weil sie schon zu lange unerkannt in eine Despression gerutscht sind. Da ist im System etwas kaputt. Es braucht mehr Plätze und einen besseren Zugang. Und mehr Leute, die darüber sprechen, auch deshalb habe ich es gemacht. Viele Leute denken ja immer noch, dass mit einem etwas nicht stimmt, wenn man zur Therapie geht. Das stimmt aber nicht. Ich glaube auch, je älter man wird, desto mehr steigt der Druck, weil man das Gefühl hat „endlich mal klarkommen“ zu müssen. Man kommt aber nie ganz klar, denn man ist ein Mensch und es gibt immer Situationen, die einen überfordern.

In der Serie „Wild Republic“ geht es auch um eine Form der Therapie. Eine Gruppe jugendlicher Straftäter unternimmt eine Expedition in die Alpen, gedacht als pädagogischer Schritt in Richtung Resozialisierung. Sie spielen eine junge Frau, Kim, die einem sogenannten Loverboy zum Opfer gefallen ist, also einem Mann, der ihr über Monate vorspielt, sie zu lieben, ihr sogar einen Heiratsantrag macht, und sie dann auf den Strich schickt und sie dazu bringt, ihm beim Menschenhandel zu helfen. Da sind wir wieder bei der Sex-Arbeit.

Das stimmt. Allerdings kommt Kim nicht aus Osteuropa und mich hat an der Rolle sehr gereizt, dass sie nicht als klischeehaftes Opfer erzählt wird, sondern trotz all dem Leid letztlich eine selbstständige und irgendwie sogar optimistische Figur geblieben ist. Die sich nicht von dem, was ihr angetan wurde, definieren lassen will. Sie trägt zwar viel Wut in sich, hat es aber auch geschafft, ihre weiche, verletzliche Seite nicht ganz darunter zu vergraben.

Die Produktion fand unter extremen Bedingungen statt. Es war ein langer Dreh, zum Teil in ziemlicher Einsamkeit in wilder Natur. Dazu das harte Thema und dann kam noch Corona dazu mit Drehstopp und anschließend strengen Auflagen. Hat Sie der Dreh verändert?

Auf jeden Fall, und ich glaube, alle von uns. Wir sind als Gruppe extrem zusammengewachsen, haben viel über uns selbst gelernt und unsere Sicht auf die Welt auf den Prüfstand gestellt. Ich bin auch mit dem Ergebnis sehr zufrieden und denke generell mit viel Liebe an alles zurück. Würde ich es noch mal machen? Das weiß ich nicht genau.

Warum?

Es war einfach extrem anstrengend. Aber ohne Corona wäre es wahrscheinlich deutlich einfacher gewesen. Und gelohnt hat es sich auch. Also doch, einer zweiten Staffel wäre ich wohl nicht abgeneigt.

Luis Zeno Kuhn, Lailaps Pictures
Emma Drogunova als Kim in „Wild Republic“

Nach dem Dreh haben Sie gesagt, dass die Berlin-Pause das Bedürfnis in Ihnen geweckt hat, spontan Ihre Koffer zu packen und umzuziehen. Was ist daraus geworden?

Tja, ich hatte tatsächlich beschlossen, zur Probe mal drei Monate nach Wien zu ziehen und es war schon alles organisiert. Ich hatte eine Wohnung gefunden und meine in Berlin untervermietet – dann kam das Einreiseverbot nach Österreich. Also bin ich bei meiner besten Freundin eingezogen und habe das zum Anlass genommen, mir in Berlin eine neue Wohnung zu suchen. Das ist ja eh ein Thema für sich. Wenn gerade ein Stern vom Himmel fällt, in die dritte Dimension und du stehst im richtigen Kreis, dann kriegst du eine Wohnung, die dir gefällt. So in etwa war das dann bei mir. Die Umzugspläne sind jetzt also erstmal verschoben, aber irgendwann mache ich das noch. Berlin bleibt ja eh immer in einem drin, egal wie sehr man die Stadt gerade hasst. Es ist einfach mein Zuhause.

Was sind Ihre Lieblingsorte in Berlin?

Die Gegend um die Turmstraße herum liegt mir sehr am Herzen, da bin ich aufgewachsen. Da laufe ich noch immer gerne rum, gehe zu Humana oder in andere Second Hand Shops. Im Schwarzen Café war ich früher auch sehr oft. Ich muss zugeben, dass ich mich seit meinem Umzug tatsächlich total in Schöneberg verliebt habe. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich mich in der Stadt mal irgendwo wohler fühlen könnte als in Moabit.

Was nervt Sie an der Stadt?

Die Leute. Und manchmal verlangt Berlin einfach zu viel von einem. Gerade drehe ich in Köln und es hat schon auch was Schönes, wenn man innerhalb von 20 Minuten mit den Öffentlichen überall hinkommt, oder generell das meiste zu Fuß erledigen kann.

Wenn junge Schauspieler früher das Non Plus Ultra für ihre Karriere erträumt haben, war das die Kinoleinwand. Hat sich das verändert?

Mein Herz wird immer für das Kino schlagen. Netflix zum Beispiel interessiert mich aber natürlich auch, einfach weil man dort so viel mehr Menschen erreicht. Da verschiebt sich gerade etwas, zumal Deutschland ja auch noch nie so eine Kinonation war wie zum Beispiel Frankreich. Hier funktionieren vor allem Komödien, Arthouse naja. Und natürlich möchte man, wenn man Kraft und Liebe in etwas reinsteckt, dass es auch so viele Menschen wie möglich zu sehen kriegen.

„Wild Republic“ ist ab dem 19. Mai in der Arte-Mediathek abrufbar und läuft ab dem 3. Juni im Ersten.