Berlin - Alma und Tom sind ein schönes Paar. Wenn sie zusammen irgendwo auftauchen, merkt niemand, dass die Wissenschaftlerin mit einem Roboter unterwegs ist. „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader, auf der Sommer-Berlinale gefeiert, erzählt von unserem Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz so, dass man sich keine technischen Fragen mehr stellt – philosophische, ethische, moralische aber umso mehr. Nun kommt der Film in die Kinos. Wir sprachen mit Jan Schomburg, der zusammen mit Maria Schrader das Drehbuch geschrieben hat.

Berliner Zeitung: Wie kommt man darauf, einen Film über Künstliche Intelligenz zu drehen mit einer Künstlichen Intelligenz, die nichts Roboterhaftes mehr hat?

Jan Schomburg: Mich interessieren in meiner Arbeit die Fragen der Identität: Welcher Unterschied besteht darin, jemand zu sein und jemanden darzustellen? Deshalb war mir das Thema schon sehr nahe, als der Vorschlag kam. Denn den Kern des Films haben wir uns ja nicht ausgedacht. Er gelangte als Kurzgeschichte zu uns, die Emma Braslavsky im Auftrag des SWR geschrieben hatte.

Also waren Sie mehr an der Realität als an Science-Fiction interessiert?

Schon jetzt treffen Algorithmen Entscheidungen für uns im Internet und in Apps oder bieten uns Dinge an. Das muss man nur ein wenig weiter denken, dann kann man grundsätzlicher und philosophisch werden: Welche Folgen hat das für die Liebe und das Begehren?

Tom wurde so programmiert, dass er Alma gefallen soll. Für sie ist das Anlass, darüber nachzudenken, wer sie ist. Ich musste da an Ihren Film „Vergiss mein Ich“ denken. Gibt es da eine Verwandtschaft?

Da geht es um eine Frau, die ihr Gedächtnis verliert und dann nach ihren eigenen Vorgaben wieder geformt wird. Sie will die Person werden, die sie mal war. Für ihren Mann ist das irritierend zu erleben, weil er immer das Gefühl hat, sie spielt nur. Da liegt tatsächlich eine Ähnlichkeit: Die Frau in „Ich bin dein Mensch“ trifft auf ein Gegenüber, das eigentlich eine Ausstülpung des eigenen Ichs ist.

Damals hatten Sie Maria Schrader in der Hauptrolle besetzt. Nun ist sie die Co-Autorin Ihres Drehbuchs, das sie inszeniert hat. Wie sind Sie mit dieser Rollenverkehrung klargekommen?

Da müssen Sie sich um mein Ego nicht sorgen. Wir haben schon in den unterschiedlichsten Konstellationen miteinander gearbeitet: Wir haben das Drehbuch von „Vor der Morgenröte“ zusammen geschrieben. Sie hat meinen Roman „Das Licht und die Geräusche“ als Hörbuch eingelesen und sie hat in dem Film gespielt, den ich geschrieben und inszeniert hatte. Ich finde das fantastisch, wenn jemand wie Maria, der ich total vertraue, Sachen von mir inszeniert.

Was bedeutet Vertrauen in dem Zusammenhang?

Ich habe noch nie für jemand anderen ein Drehbuch geschrieben als für sie. Maria kann aus Szenen etwas herausholen, das noch einmal größer ist als die formulierte Szene.

Wie schreibt man Dialoge für eine KI? Dadurch, dass Tom wie ein Mensch aussieht, musste sich das Besondere ja an der Sprache festmachen.

Man bewegt sich beim Schreiben auf einer Metaebene: Man weiß, es soll eine KI sein und nutzt doch eigene Erfahrungen. Dadurch hat alles einen doppelten Boden, der Spaß machen kann. Denken Sie an die Autofahrt, bei der Tom ihr ungefragt erklärt, wie sie das Fahrzeug besser beherrschen könnte. Er verhält sich wie die meisten Ehemänner in der Beifahrer-Rolle.

Der schlaue Tom zitiert da Statistiken, wie auch im Versuch der Verführung mit Champagner und Rosenblättern: Haben Sie dafür recherchiert oder sind die ausgedacht?

Ich liebe es, etwas anzurecherchieren und von da aus zu erfinden. Als wir überlegten, was Alma beruflich machen kann, das mit der Menschheitsgeschichte zu tun haben könnte, kam ich auf die Keilschrift und habe diese Szenen entwickelt, ohne besonders viel darüber zu wissen. Erst als Maria beim Pergamonmuseum anfragte, ob wir dort drehen könnten, erfuhren wir, dass es weltweit führend in der Erforschung der Keilschrift ist. Das hat uns wirklich glücklich gemacht. Und ich weiß natürlich, wie wichtig Recherche manchmal ist: Ich schreibe gerade einen historischen Roman, der zwischen 1890 und 1940 spielt, da müssen die Fakten überprüfbar sein.

privat
Zur Person

Jan Schomburg, 1976 in Aachen geboren, studierte Visuelle Kommunikation und Audiovisuelle Medien in Kassel und besuchte die Drehbuchwerkstatt München. Er schrieb und inszenierte u.a. die Kinofilme „Über uns das All“ (Prix Europa Cinemas bei der Berlinale 2011) und „Vergiss mein Ich“ (Filmkunstpreis in Ludwigshafen 2014). Zu dem Film „Vor der Morgenröte“ (2016) schrieb er gemeinsam mit Maria Schrader das Drehbuch wie auch jetzt für „Ich bin dein Mensch“.  2017 erschien bei dtv sein Roman „Das Licht und die Geräusche“. „Ich bin dein Mensch“, bei den Berliner Filmfestspielen 2021 uraufgeführt, kommt ab 1. Juli regulär in die Kinos.

Emma Braslavsky hat vor zwei Jahren einen Roman veröffentlicht, in dem Künstliche Intelligenz sehr präsent in Berlin ist: „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“, der ist aber ganz anders als Ihr Film. Wie verhält sich ihre Geschichte zu Ihrem Drehbuch?

Die Grundkonstellation war dieselbe: Eine Frau hat einen Roboter zu Hause, der auf sie programmiert ist. Emma hat vielleicht den Fokus eher auf die Unzulänglichkeiten der Maschine gelegt, wir waren mehr daran interessiert, was passiert, wenn sich die KI sozusagen als der bessere Mensch herausstellt – in den Belangen, die wir als typisch menschlich ansehen. Also Empathie, Großzügigkeit, Freundlichkeit.

Und Humor! Wir lachen ja nicht nur über Tom, sondern später auch mit ihm. Warum soll der Robotermann wie ein Engländer wirken?

Wir wollten nicht eine Puppe animieren – dieses Budget hätten wir gar nicht gehabt –, sondern einen Menschen auftreten lassen. Alles Künstliche sollte im Kopf des Zuschauers entstehen. Der britische Akzent schafft die Nuance einer Fremdheit. Außerdem dachten wir, wenn man den Schauspieler nicht aus dem deutschen Fernsehen kennt, fällt es leichter, ihn als Roboter wahrzunehmen.

Toms Sprache wird innerhalb der Aussagen eher kürzer, dafür auch genauer. Haben Sie die bewusst in einem Rhythmus arrangiert?

Ich wechsele gern von einem slapstickhaften Humor zu ernsthaften philosophischen Überlegungen und zu berührenden Momenten. Dass es auch innerhalb der Sätze einen Rhythmus gibt, merke ich, wenn ich Prosa schreibe. Im Film konnten wir mit der Sprache auch spielen, mit Redensarten wie: Alles klärchen! Tom nutzt sie, Alma gefallen sie nicht. Ziemlich am Anfang sagt er etwas relativ Normales, „Du bist ein Schatz!“, das klingt aber so dämlich aus seinem Mund, dass es lustig ist. Später wirkt es schräg, wenn er alltägliche Sachen sagt wie: „Das finde ich superinteressant.“ Dan Stevens spielt das sehr gut, natürlich auch, weil Maria es so inszeniert.

Wie haben Maria Schrader und Sie zusammen an dem Drehbuch gearbeitet in Corona-Zeiten?

Pandemiegerecht noch vor der Pandemie! Wir saßen an verschiedenen Orten und haben die Texte hin und her geschickt.

Anfang des Jahres hielt Daniel Kehlmann einen Vortrag über sein Experiment, mit KI einen literarischen Text zu schreiben, „Der Algorithmus und ich“. Denken Sie mit Sorge an die zukünftige Rolle Künstlicher Intelligenz?

Es gibt längst Kompositionen im Stil von Bach oder programmierte Bilder. Als Drehbuchautor merke ich, wie langsam ich im Denken und Schreiben bin im Vergleich zu solch einer Datenverarbeitung. Doch KI ist weder gut noch böse. Die meisten Erzählungen handeln ja davon, dass die KIs am Ende die Welt übernehmen und sich gegen uns wenden. Positive Visionen gibt es da eher selten.

Wir sehen in Ihrem Film an dem älteren Herrn, den Jürgen Tarrach spielt, wie glücklich KI einsame Leute machen könnte.

Ich mag diese Szene sehr. Wenn eine KI solchen Menschen, die ihr ganzes Leben keine Zärtlichkeit erfahren haben, sie ihnen schenken könnte, warum nicht? Es kann eine Utopie geben und zugleich eine Dystopie: Dass der Mensch danach süchtig wird, abhängig von dieser Bestätigung. Aber wenn man andere Arten von Begegnungen meidet, die vielleicht mehr Reibungen bedeuten, frustrierender sind, bleibt man in der eigenen Filterblase. Manchmal denke ich, das einzige, was den Menschen wirklich originell macht, ist die Unvernunft, die Idiotie, das Irrationale. Seit ich mich damit beschäftigt habe, empfinde ich sogar ein bisschen Sympathie für die Impfgegner.

Wie bitte?

Ich halte das für ultimativ unvernünftig, aber menschlich. Eine KI würde nie solche Schlüsse aus Halbwahrheiten oder falschen Aussagen ziehen.