„Er ist alt. Er ist problematisch. Aber er ist der Einzige, der den Job erledigen kann.“ So kurz wie treffend tweetete kürzlich jemand über Tom Cruises Helden (und wohl auch den Schauspieler selbst) in „Top Gun Maverick“ – und traf damit den Nagel gleich in mehrfacher Hinsicht auf den Kopf. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen wurde das Sequel, das nun 36 Jahre nach dem Original in die Kinos kommt, vergangene Woche bei den Filmfestspielen in Cannes gefeiert wie kaum ein anderer Film der letzten Zeit.

Pete „Maverick“ Mitchell, der damals in „Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ als Kampfpilot in der titelgebenden Elite-Jagdflugschule der US-Navy seine Spezialausbildung durchlief, ist jedenfalls tatsächlich nicht mehr der Jüngste, auch wenn er in Lederjacke, weißem T-Shirt und Sonnenbrille auf dem Motorrad durch die Mojave-Wüste brausend noch immer jugendliche Lässigkeit verströmt. Bei der Navy fliegt er immer noch, wobei er es über den Rang des Captains nicht hinausgebracht hat. Das hat natürlich mit dem Problematischsein zu tun: An Regeln hält sich Maverick gemäß seines Spitznamens noch immer nicht gerne; Autoritäten beugt er sich ungern.

Tom Cruise ließ nicht locker

Unerwartet auf den letzten Karrieremetern noch einmal zu Top Gun nach San Diego zurückbeordert wird er also nicht weil, sondern obwohl sein Ruf ihm vorauseilt. Doch für eine kurzfristige, hochriskante Mission, bei der im Feindesland eine illegale Plutonium-Anlage ausgeschaltet werden soll, gilt es, in kürzester Zeit die besten Kampfjet-Piloten auszubilden. Und dass zu der jungen Truppe auch Bradley „Rooster“ Bradshaw (Miles Teller), der Sohn seines besten, im Einsatz gestorbenen Freundes Goose gehört, macht diesen mutmaßlich letzten Job für Maverick zu einem sehr persönlichen.

Dass diese Fortsetzung, auf die eigentlich niemand gewartet hat, nun existiert, liegt am gegenwärtigen popkulturellen Nostalgie-Wahn genauso wie an der Hartnäckigkeit von Tom Cruise. Der hat sich als Produzent mit engen Vertrauten wie Regisseur Joseph Kosinski („Oblivion“), der die Nachfolge des verstorbenen Tony Scott antritt, sowie „Mission: Impossible“-Mastermind Christopher McQuarrie, der hier am Drehbuch mitschrieb, zusammengetan und setzt – neben jeder Menge „altes Eisen“-Anspielungen – auf das Blockbuster-Kino der alten Schule. Die Action-Flugszenen sind spektakulär und hochmodern, doch was Dramaturgie und Erzählung angeht, ist „Top Gun: Maverick“ vom Original nie weit entfernt, weder in den bombastischen, mit Filmmusik von Harold Faltermeyer, der schon 1986 der Komponist war, Hans Zimmer und Lady Gaga unterlegten Zeitlupen und Montagen, noch was die zentralen Themen wie Tapferkeit oder Rivalität angeht.

Verklärter Machismo-Americana-Militärkitsch

Fans von früher kommen ohnehin auf ihre Kosten, nicht zuletzt dank des bewegenden Auftritts von Val Kilmer als Iceman. Seit einer schweren Kehlkopfkrebserkrankung kann der Schauspieler nicht mehr wirklich sprechen und ist hier womöglich zum letzten Mal auf der Leinwand zu sehen. Auch die legendäre, homoerotisch inszenierte Volleyball-Szene von damals findet eine Entsprechung, dieses Mal wird leichtbekleidet und verschwitzt Football am Strand gespielt.

Ebenfalls an das Original erinnert der magere  Frauenanteil: Für Kelly McGillis‘ Charlie oder Meg Ryan als Roosters Mutter war kein Platz, und auch den Neuen – Monica Barbaro als Pilotin und Jennifer Connelly als Admiralstochter, Barbesitzerin und Cruise-Romanze – gestehen die Filmemacher weder viel Raum noch Persönlichkeit zu. Bei Licht betrachtet ist „Top Gun: Maverick“ letztlich vor allem eine große Portion verklärter Machismo-Americana-Militärkitsch, bei der es niemanden wundert, dass das Pentagon ihr explizit seinen Segen gegeben hat.

Doch wie heißt es hier im Film so schön? It’s not the plane, it’s the pilot. Und wie es dem sich gewohnt eitel in Szene setzenden, vor Filmstar-Charisma nur so strotzenden Cruise und seinen Mitstreitern gelingt, all das in perfekt aussehende, kurzweilige, altmodisch-emotionale und temporeiche Unterhaltung zu verwandeln, ist stellenweise eindrucksvoll. Und lässt all die Comicverfilmungen, die dieser Tage die großen Leinwände dominieren und im Einerlei ihrer nur noch aus dem Computer stammenden Bilder immer austauschbarer zu werden drohen, ganz schön alt aussehen.

Wertung: 4 von 5

Top Gun: Maverick, Spielfilm, 131 Minuten, ab 26. Mai im Kino