Heimkehr: Die Filme des jüdischen Regisseurs Michael Roemer in Berlin

Als Kind entkam er 1939 den Nazis, später wollte er mit seinen Filmen zur „Normalisierung des Judentums“ beitragen. Einige davon sind nun im Arsenal zu sehen.

Szene aus „Nothing But a Man“ von Michael Roemer, 1964
Szene aus „Nothing But a Man“ von Michael Roemer, 1964Michael Roemer/Arsenal Berlin

Wenn es eine Arche des Kinos gibt, dann ist dort bereits ein Platz für Michael Roemer reserviert. Sein Südstaaten-Drama „Nothing But a Man“ zeigte 1964 einen bis dahin unbekannten Filmblick auf den Alltag der Schwarzen in den USA. Die Geschichte um den Gelegenheitsarbeiter Duff, der nicht bereit ist, die ihm vorgefertigten Rollen innerhalb der weiß dominierten Gesellschaft zu übernehmen, strotzt noch heute vor Kraft und Wahrhaftigkeit. Duff begnügt sich nicht mit einem gönnerhaft zugestandenen „kleinen Glück“. Er ringt für seine Nächsten und sich um Würde. Und zerbricht fast daran.

Es war nicht nur Empathie, mit der Roemer und sein Co-Autor und Kameramann Robert M. Young vermochten, einen Prolog für das „African-American Cinema“ zu schaffen – das sich ja erst mehr als zehn Jahre später entwickeln konnte. Fotografie und Musik, die Authentizität der Schauplätze und die von Laien besetzten Nebenrollen machten „Nothing But a Man“ zum zeitlosen Kunstwerk von hohem Rang. Der Film gewann Preise auf Festivals und wurde – weitaus wichtiger – auch von der schwarzen Community gefeiert. Sein Regisseur hätte zufrieden sein können. Doch für ihn stimmte etwas nicht. Die zahlreichen Angebote, als Weißer weitere Filme mit Schwarzen zu drehen, lehnte er ab. Er wollte sich nun dem eigenen, jüdischen Hintergrund zuwenden.

Szene aus „The Plot Against Harry“ von Michael Roemer, 1969
Szene aus „The Plot Against Harry“ von Michael Roemer, 1969Michael Roemer/Arsenal Berlin

Dass es auch jüdische Gangster gab, wollte niemand wissen

Die Idee, Elie Wiesels Post-Holocaust-Roman „Morgendämmerung“ zu verfilmen, verwarf er. Stattdessen entschloss er sich zu einem selbstverfassten, komödiantischen Stoff – ein Glücksfall für die Filmgeschichte! „The Plot against Harry“ wurde 1969 zu einem der schönsten, weil hintersinnigsten Gruppenporträts aus New Yorks jüdischer Mittelklasse. Als der Spielhöllen-„Mobster“ Harry Plotnick nach neun Monaten aus dem Knast zurückkehrt, versteht er seine kleine Welt nicht mehr: im alten Revier tummeln sich Latinos, Asiaten und Schwarze, die Loyalität seiner Untergebenen bröckelt, die gesamte Szene entgleitet ihm. Im Gegenzug rückt ihm die eigene Familie umso dichter auf den Pelz. Das Karussell der um Harry kreisenden Geschwister, Vettern, Basen, Kinder und Enkel dreht sich immer schneller. Der überforderte Ganove droht zu kollabieren. Zuletzt wird er wider Willen jedoch zum Wohltäter.

„The Plot against Harry“ scheiterte beim Start kolossal, wurde erst zwanzig Jahre später als Meisterwerk wiederentdeckt. Dies spricht von der konsequenten Haltung seines Urhebers. Wie bei seinem Debüt war er seiner Zeit auch diesmal weit voraus. Dass es auch jüdische Gangster gab, wollte damals niemand wissen. Für den Regisseur war sein „Harry“-Film ein Beitrag zur „Normalisierung des Judentums“, wie er selbst meinte. „Man muss nicht mehr das erwählte Volk sein, man kann auch klein sein.“ Der 1928 in Berlin geborene Michael Roemer wurde 1939 durch einen „Kindertransport“ nach England vor der Ermordung durch die Deutschen gerettet. Nach dem Krieg zog er in die USA um, wo er heute noch lebt. Mit der aktuellen Retrospektive kehrt er an seinen Geburtsort zurück.

Die Filme von Michael Roemer laufen im Rahmen des Festivals „Unknown Pleasures“ im Arsenal noch bis zum 16. Januar.