Lars Eidinger: „Man kann Greta Thunberg mit einem Messias vergleichen“

Lars Eidinger ist in Endzeitstimmung. Er träumt von transparenten Löhnen, mehr Pazifismus und Umweltschutz. Seiner Generation traut er das nicht mehr zu.

Lars Eidinger: „Ich glaube, man kann die Traumata einer Vorfahrengeneration von Geburt an in sich tragen.“
Lars Eidinger: „Ich glaube, man kann die Traumata einer Vorfahrengeneration von Geburt an in sich tragen.“Nils Mueller

Beruflich könnte es für Lars Eidinger nicht besser laufen. Zwei Jahre in Folge hat er bei den Salzburger Festspielen den Jedermann gegeben, auch seine Projekte vor der Kamera sind hochklassig und immer öfter international. Nächste Woche wird er in „White Noise“ von Noah Baumbach zu sehen sein, der dieses Jahr das Filmfestival in Venedig eröffnet. Die Netflix-Adaption des mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Romans „All the Light We Cannot See“ ist abgedreht, die vierte Staffel von „Babylon Berlin“ kommt im Herbst.

Viel Kritik musste der Schauspieler in diesem Jahr für sein politisches Engagement einstecken, im April hatte er einen offenen Brief an Olaf Scholz unterschieben, in dem die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine infrage gestellt wurde. Eidinger begründete seine Unterschrift später bei Instagram mit seiner pazifistischen Grundeinstellung. Kurz darauf zog er sich von der Plattform zurück. Wir haben Lars Eidinger zum Gespräch über seinen Film „Die Zeit, die wir teilen“ in Salzburg erreicht. Er spielt darin einen Schriftsteller, den Geliebten seiner Verlegerin, gespielt von Isabelle Huppert, die sich mit ihrer Vergangenheit, insbesondere der Beziehung zu ihrem Sohn, auseinandersetzen muss.

Hallo Herr Eidinger, wie geht’s Ihnen in Salzburg?

Sehr gut! Ich habe hier eigentlich nicht viel zu tun, wir spielen ja in einer total geringen Frequenz. 15 Vorstellungen in anderthalb Monaten, das heißt nur alle 3 bis 5 Tage.

Wenn Sie, so wie jetzt, längere Zeit weg sind aus Berlin – was vermissen Sie an der Stadt?

Ich bin geborener Berliner, was ja meistens, und so auch in meinem Fall, bedeutet, dass man die Stadt gar nicht zu hoch hält. Ich frage mich oft, warum ich es eigentlich nicht geschafft habe, mal woanders hinzugehen. Es hat sich bei mir einfach so ergeben, ich habe mich nie bewusst für Berlin entschieden. Ich bin halt an der Berliner Schauspielschule „HfS Ernst Busch“ angenommen worden und direkt von dort an die Schaubühne gegangen. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen kommen ja von überall aus Deutschland und der Welt, ich bin da als in Berlin Geborener die Ausnahme. Ich genieße es deshalb sehr, auch mal weg zu sein. Die Gastspiele im Ausland habe ich in den vergangenen zwei Jahren extrem vermisst, die wurden ja alle abgesagt. Die Fremde, oder die Ferne, sind für mich sehr attraktiv.

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Ingo Pertramer
Zur Person
Lars Eidinger, geboren 1976 in West-Berlin, wollte schon als Kind Schauspieler werden. Von 1995 bis 1998 besuchte er die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, zusammen mit Devid Striesow, Fritzi Haberland, Mark Waschke und Nina Hoss. Im Jahr 2000 wurde er Teil des Ensembles der Berliner Schaubühne.

Neben seiner Theaterarbeit ist Eidinger immer öfter in Film- und Fernsehrollen zu sehen, etwa im „Tatort“, „Babylon Berlin“, „Faking Hitler“ und „Irma Vep“.

Wohin würden Sie denn gern auswandern?

2004 war ich zum ersten Mal auf einem Gastspiel in Taiwan und vorher total gespannt, wie das Land auf mich wirken würde. Und dann kam ich in Taipeh an und dachte, ich bin zu Hause! Mit diesem Gefühl konnte ich dann natürlich erstmal gar nichts anfangen. Da ist mir klargeworden, dass man wohl eher nicht zu Hause geboren wird, sondern ein Zuhause finden kann.

Hier kann ich vielleicht den Bogen zur Antwort schlagen, was ich an Berlin vermisse! Mein Lieblingsrestaurant in der Kantstraße, die ja in gewisser Weise die neue Torstraße ist, ist ein taiwanesischer Familienbetrieb: Lon Men’s Noodle House. Sowieso, dass man in Berlin so gut und fremdländisch essen kann, das vermisse ich in Salzburg. Wobei es hier wiederum die traditionelle österreichische Küche gibt. Na gut. Bisschen lahm die Antwort?

Gar nicht. Was war es denn an Taiwan, das Sie sich so heimisch hat fühlen lassen?

Darauf habe ich keine Antwort gefunden. Ich habe einfach gespürt, dass mir die Kultur und die Tradition nahe sind. Wenn ich mit Messer und Gabel anstatt mit Stäbchen esse, fühle ich mich mittlerweile wie ein Ritter, der sein Essen mit dem Schwert schneidet. Ist doch eigentlich komisch, sich Metall in den Mund zu stecken. Das ist jetzt eine wüste Theorie, aber, wenn ich mir überlege, wie sehr ich mich bis heute an den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs abarbeite, weil mein Großvater im Krieg gekämpft hat und mein Vater im Krieg geboren ist, dann könnte ich mir vorstellen, dass meine früheren Vorfahren vielleicht in Taiwan gelebt haben.

An so etwas glauben Sie?

Deshalb habe ich das mit dem Zweiten Weltkrieg gesagt. Ich glaube auf jeden Fall nicht, dass ein neugeborener Mensch frei ist von den Eindrücken der Generationen vor ihm. Ich glaube, man kann die Traumata einer Vorfahrengeneration von Geburt an in sich tragen.

Aber momentan befinden uns ja gerade ohnehin in extrem dystopischen Zeiten, in denen man sich ständig fragt, wie und ob man da je wieder rauskommt. Einer apokalyptischen Endzeitstimmung gleich. Es gibt doch eigentlich gerade nichts, was einen hoffen lässt.

Wie gehen Sie damit um?

Man muss immer aufpassen, dass man nicht zum Zyniker wird oder in so ein fatalistisches Denken à la „nach mir die Sintflut“ kommt. Mir fällt das im Moment wirklich schwer. Ich kann mir kaum vorstellen, dass meine Generation sich noch irgendwie dazu motiviert, eine große Veränderung herbeizuführen. Meine Hoffnung liegt da eher auf der nachfolgenden Generation. Da spüre ich ein ganz neues Bewusstsein und eine neue Sensibilität füreinander. Ich merke das bei meiner Tochter. Sie sagt immer zu mir: „Sei nicht so judgy!“ Man könnte das als Jugendsprache abtun, aber ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt. Dass man aufhört, sich ständig gegenseitig zu bewerten. Das führt ja meistens doch nur zu Verachtung und Missbilligung, anstatt dass es einen weiterbringt. Bei Debatten geht es momentan doch immer nur um Sieg oder Niederlage. Da stehen verhärtete Positionen einander gegenüber und es geht eigentlich nie darum, aufeinander zuzugehen. Es geht ums Gewinnen und nicht ums Überzeugen. Wenn ich jetzt zurückblicke und überlege, wie sehr sich mein Bewusstsein und auch meine Haltung zu vielen Dingen in den letzten Jahren durch Debatten zum Beispiel rund um Black Lives Matter oder Fridays for Future geändert hat, dann ist es doch eine wichtige Erkenntnis, dass eine Persönlichkeit immer in Bewegung ist. Brecht hat ja schon gesagt: „Die Widersprüche sind unsere Hoffnungen“. Darin ist doch das Menschliche verborgen, über das man auch zurückfinden und sich noch mal verändern kann. Der Mensch ist fehlbar und das macht ihn aus.

Der nachfolgenden Generationen wird allerdings auch oft ein Hang zur ironischen Distanz nachgesagt.

Christoph Schlingensief hat schon im Jahr 2000, das muss man sich mal überlegen, gesagt: „Ironie ist systembestätigend.“ Diese Gefahr sehe ich auch, aber nicht unbedingt von der nachfolgenden Generation, sondern eher in meiner. Alle Fernsehformate, bis hin zu den Tagesthemen, sind ja inzwischen geradezu durchseucht von Ironie. Alles wird einem immer mit einem Augenzwinkern präsentiert. Ich glaube, das verhindert aber, dass man aufbegehrt oder rebelliert. Die mächtigsten Menschen dieser Welt werden zu Witzfiguren stilisiert, und das nimmt ihnen die Gefahr. Das finde ich besorgniserregend.

Halten Sie das im Hinterkopf, wenn Sie Ihre Projekte auswählen? In der Serie „Faking Hitler“ haben sie ja zum Beispiel den Journalisten Gerd Heidemann gespielt, einen Nazi oder mindestens Verharmloser des Nationalsozialismus, der die falschen Hitler-Tagebücher in den Stern geholt hat. Das war auch eine satirische Komödie.

Ich suche meine Rollen danach aus, ob mich etwas interessiert und ich einen spielerischen Impuls verspüre. Die Figur des Gerd Heidemann beschreibt eine ganze Gesellschaft, das war für mich das Spannende daran. Dass man in den höchsten Reihen des Stern jemanden beschäftigte, der offen ein Faible für Nazi-Insignien auslebte, sich die ehemalige Jacht von Hermann Göring kaufte und eine Affäre mit dessen Tochter hatte, beschreibt natürlich einen bestimmten Umgang mit der Vergangenheit. Das war eine Form von Verharmlosung, Ignoranz und Sensationslust, die ich für die Zeit sehr bezeichnend finde.

Hat der Satire-Trend vielleicht auch etwas mit der aktuellen Medienlandschaft zu tun? Dass man aufgrund des extremen Überangebots auf den unterschiedlichen Plattformen Formate braucht, die entweder „Events“ sind oder zu denen man extrem schnell Zugang findet – wofür sich komödiantische Formate natürlich besser eignen als Dramen?

Da kann ich jetzt nur von mir reden. Ich bin neulich auf Bitten meiner Tochter in „Top Gun“ gegangen und konnte nicht glauben, dass dieser Film den Machern nicht rechts und links um die Ohren gehauen wird. Das ist ja dermaßen anachronistisch und gewaltverherrlichend. Ein vollkommen veraltetes Weltbild. Und das in kriegerischen Zeiten wie diesen! Und der lief in Cannes!

Und wie. Mit Düsenjets über der Croisette.

Das gibt’s doch gar nicht. Wie blind sind die Menschen? Nichts gelernt würde ich sagen. Wieso gibt es da so wenig kritische Berichterstattung?

Über die Jets gab es schon welche. Aber es stimmt, der Film selbst kam gut an, auch beim Publikum. Ihr neuester Kinofilm ist ein Drama, „Die Zeit, die wir teilen“ mit Isabelle Huppert. Die Dreharbeiten sind jetzt schon fast zwei Jahre her und fanden unter strengen Corona-Bedingungen statt. Hatte das vielleicht auch Vorteile, bei so einer intimen Geschichte? Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Aus heutiger Sicht finde ich es tatsächlich schade, dass Masken in der Fiktion quasi gar nicht präsent sind. Ich glaube in ein paar Jahren wären wir froh, wenn es aus dieser Zeit mehr Zeitdokumente gäbe, die das auch abbilden. Ich hätte den Film mit einer FFP2-Maske zum Beispiel interessant gefunden. Weil dann natürlich der Moment, in dem man die Maske abnimmt, zum Beispiel für einen Kuss, viel bedeutender wird. Für mich fühlen sich Umarmungen bis heute noch ganz anders an als vor der Pandemie. Das war nach meiner Wahrnehmung seit langem zu einer hohlen Geste verkommen, aber jetzt haben Umarmungen wieder etwas mit Vertrauen zu tun. So war es auch bei Isabelle und mir. Wir hatten unseren ersten Drehtag in Köln, in der Hochzeit der Pandemie, und es stand die Frage im Raum, wie wir die Kussszene zwischen unseren Figuren drehen sollten, ohne dass sich die Lippen berühren. Isabelle hat dann vorgeschlagen, unbemerkt ihre Hand davor zu halten. Ich war natürlich enttäuscht, das war ja eine einmalige Chance für mich, diese Szene mit der größten Schauspielerin unserer Zeit! Aber als wir dann gedreht haben, hat sie mich doch geküsst. Das war dann natürlich noch um vieles aufregender und bedeutender und ein klares Bekenntnis zueinander.

Lars Eidinger und Isabelle Huppert beim ersten Drehtag von „Die Zeit, die wir teilen“ in Köln. Die Kusszene unter Corona-Bedingungen sorgte am Set für Diskussionen. 
Lars Eidinger und Isabelle Huppert beim ersten Drehtag von „Die Zeit, die wir teilen“ in Köln. Die Kusszene unter Corona-Bedingungen sorgte am Set für Diskussionen. Joan Verra Presse/Camino Filmverleih

Fühlt man sich neben Isabelle Huppert beim Spielen mehr verunsichert oder beflügelt?

Gar nicht verunsichert. Beflügelt ist eigentlich das treffendste Wort. Man kann das mit einer Metamorphose vergleichen. Die Raupe und der Schmetterling sind auch dieselbe Kreatur, aber nach der Verpuppung kann das Wesen fliegen und so fühlt sich das an, wenn man mit ihr spielt.

Erinnerungen spielen in „Die Zeit, die wir teilen“ eine große Rolle, insbesondere der persönliche Blick, mit dem man die eigene Vergangenheit im Nachhinein manchmal verklärt. Kennen Sie das?

Ja. Ich will jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich kenne aus meiner Familie, dass ich manchmal mit meinem Bruder über Vergangenes rede, und er sich gar nicht mehr erinnern kann. Ich glaube ihm das dann auch, aber finde es sehr verblüffend. Dass der Mensch zu so einem Grad an Verdrängung in der Lage ist. Ich glaube, dass das eine ��berlebensstrategie ist, die dazu führt – und das frustriert mich im Moment eigentlich am meisten –, dass es so wenig Veränderung gibt. Dass es scheint, als wären viele unserer zentralen Konflikte unüberwindbar. Dass wird sie uns noch so oft vor Augen führen können, aber keine Veränderung eintritt.

Welche Konflikte meinen Sie?

Ein Beispiel: In Salzburg spiele ich den Jedermann draußen auf dem Domplatz, und der Regisseur Michael Sturminger hat den armen Nachbarn, der dem Jedermann in der ersten Szene begegnet, als eine Gruppe von Bettlern inszeniert. Moment, wie sagt man eigentlich politisch korrekt? Man soll ja zum Beispiel nicht Obdachloser sagen. Sondern Mensch ohne Obdach, um niemanden zu stigmatisieren. Wie ist es beim Bettler richtig? Ein bedürftiger Mensch, sollte man wahrscheinlich am besten sagen.

Jedenfalls laufe ich dann nach der Vorstellung relativ unbemerkt mit dem Publikum zum Festspielhaus zurück, das sind nur 200 Meter. Dabei kommen wir an einem Franziskanerkloster vorbei, wo unter dem Kruzifix ein Mensch sitzt, der bettelt. Wir laufen da mit 2500 Leuten vorbei. Meinen Sie, da hat schon mal einer was gegeben? Die haben das alle gerade auf der Bühne gesehen, auch die Argumentation des Jedermann, warum er nichts gibt. Und ich behaupte, dass fast alle ihn dafür verachten! Aber die gleiche Argumentation wenden sie selbst später auch an, oder haben tausend andere Gründe, warum sie jetzt nichts geben. Ich kann dann nicht fassen, dass der Mensch offenbar nicht in der Lage ist, diese minimale Transferleistung zu erbringen. Ich habe schon manchmal überlegt, ob ich mich nicht neben den Menschen stelle und sage, so, jetzt schmeißen wir da mal alle was rein. Dann würde sich ja was verändern.

Warum haben Sie das noch nicht gemacht?

Erstmal muss ich zu der ganzen Diskussion sagen, dass ich diese Konflikte vor allem mit mir selbst austrage. Auch ich bin Jedermann. Ich kann mich über andere echauffieren, meine mich damit aber auch selbst. Ich habe mir jetzt angewöhnt, auf dem Hinweg etwas zu geben und auf dem Rückweg nichts mehr. Was natürlich auch eine seltsame Logik ist, oder ein komischer Pragmatismus.

Beschäftigen Sie sich mit dem Klimawandel?

Ich glaube sehr stark an die Bewegung von Greta Thunberg. Ich glaube, dass man sie durchaus vergleichen kann mit Heilsbringern wie Jeanne d’Arc, oder vielleicht sogar einem Messias. Und es ist doch erstaunlich, dass die Gesellschaft dazu neigt, diese Heilsbringer zu überhören, zu verhöhnen, oder zu kreuzigen. Ich glaube, wir täten gut daran, sie sehr ernst zu nehmen. Wir wissen alle, was los ist, und wir könnten reagieren, tun es aber nicht oder kaum.

Der Vergleich hinkt jetzt sehr, aber ich habe darüber dieses Jahr auch nachgedacht, als ich meinen Instagram-Account gelöscht habe. Davon haben mir viele Menschen abgeraten, und ich hatte auch selbst Bedenken, inwieweit mir das schaden könnte. Dieser Diskurs führt aber immer dazu, dass man am Ende nichts verändert. Für mich war es total gesund, den Account einfach zu löschen und dann zu gucken, was das für Konsequenzen hat. Die Angst war natürlich, dass, wenn ich da Veranstaltungen nicht mehr ankündige, keiner kommt. Aber man muss sich eben einfach Gedanken darüber machen, wie es anders gehen kann. Und das kann man auf alle möglichen Debatten übertragen.

Wenn ich weiß, Autos sind schlecht für die Umwelt, wieso kann ich sie nicht einfach stehen lassen? Warum setzt immer sofort die Argumentation ein: „So einfach ist es nicht, da hängt eine große Industrie dran“, „Wie soll ich denn von A nach B kommen?“, „Auf dem Dorf sind die Menschen darauf angewiesen“ usw. Das führt dazu, dass die Autos weiter durch die Gegend fahren. Es wird aber langfristig auch dazu führen, dass die Erde schneller untergeht, als uns allen lieb ist. Der Aktivismus zu sagen: Ich mach’s einfach! Das würde die Welt verändern.

Haben Sie noch Hoffnung, dass das irgendwann passiert?

Da würde ich wieder mit Brecht antworten: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch“. Da denkt man natürlich sofort an etwas Negatives. Aber ich glaube, so ist es gar nicht gemeint. Sondern es ist erstmal eine Feststellung und der Begriff Schicksal in der Deutung offen.

Bei meiner Arbeit als Fotograf merke ich immer, wie interessant es sein kann, sich über Bilder mitzuteilen. Und wie schwer es Menschen fällt, ein Bild zu betrachten, ohne es sofort zu bewerten. Wenn man anfängt zu verstehen, was diese Bewertungskriterien sind, dass sie uns als Mensch ausmachen, und wenn man mal versuchen könnte, diese zu durchbrechen, würde uns das sicher als Gesellschaft weiterbringen, und es wären ganz andere Begegnungen möglich.

„Die größte Schauspielerin unserer Zeit“ nennt Lars Eidinger seine Spielpartnerin Isabelle Huppert.
„Die größte Schauspielerin unserer Zeit“ nennt Lars Eidinger seine Spielpartnerin Isabelle Huppert.Joan Verra Presse/Camino Filmverleih

Welche Konsequenzen hat eigentlich der gelöschte Instagram-Kanal für Ihre Tätigkeit als Fotograf? Im vergangenen Jahr hat mir Tom Schilling erzählt, dass er immer öfter durch die Stadt läuft und denkt „Das ist ein Lars-Eidinger-Motiv“.

Ich fotografiere auf jeden Fall weniger. Es ging mir ja vor allem darum, meinen Blick zu teilen. Und dadurch, dass ich ihn nicht mehr teile, habe ich auch weniger das Bedürfnis, Dinge festzuhalten. Ich sehe sie ja.

Fehlt Ihnen etwas? Die Reaktionen zum Beispiel?

Im Gegenteil. Weil, und da bin ich wieder an dem Punkt von eben, die Reaktionen vordergründigen Bewertungskriterien unterworfen sind. Und ich dann das oft Gefühl hatte, die Bedeutung der Bilder wird kleiner durchs Teilen. Jetzt habe ich noch ein paar WhatsApp-Gruppen mit Freunden und Freundinnen, in die ich Fotos reinstelle. Da weiß ich, das sind Leute, die sich darüber freuen, und mit denen ich mich gern austausche. Das war schon immer etwas, das mich gestört hat, auch an der Bewertung von Theater oder Kunst im Allgemeinen: dass das unter so sportiven Kriterien wahrgenommen wird. Ist etwas gut oder schlecht? Ist es ein Erfolg oder Misserfolg? Das interessiert mich aber nicht. Ich möchte über die Vorstellung mit jemandem ins Gespräch kommen. Wenn mir Leute sagen, dass sie eine Vorstellung ganz toll fanden, dann frage ich: Was denn genau? Was dann kommt, ist oft hochinteressant.

Bald sind Sie in „White Noise“ von Noah Baumbach zu sehen, der dieses Jahr das Filmfestival in Venedig eröffnet, außerdem haben Sie eine Netflix-Serie von dem „Stranger Things“-Regisseur Shawn Levy abgedreht. Wird Ihre Karriere in Zukunft weiter in diese Richtung gehen, weg vom Theater?

Ich merke, dass sich gerade viel einlöst, was ich mir von dem Baumbach-Film versprochen habe. Das Gefühl ähnelt dem von 2009, als ich in Maren Ades „Alle Anderen“ gespielt habe. Das war ja auch ein ganz wichtiger Einstieg für mich. Noah Baumbauch ist im Moment einer der wichtigsten Filmemacher für den kommerziellen amerikanischen Arthouse-Film, und ich empfinde es als riesiges Glück, Teil davon zu sein. Ich bin jetzt 46 und würde gern so frei und offen wie möglich in die Zukunft gehen und abwarten, wie das meinen Weg verändert.

Gehen Sie eigentlich offen mit Ihren Gagen um?

Ja. Bei der Schaubühne hatten wir früher immer transparente Gagen, und das halte ich auch für das einzig Gerechte. Ich habe sehr dafür gekämpft, dass wir das so beibehalten, wurde da aber von der Mehrheit überstimmt. Dabei ist es so wichtig, dass man damit unter Kollegen offen umgeht, damit man überhaupt eine Verhandlungsbasis hat. Es gibt gegen transparente Gagen und generell Löhne doch kein einziges Argument, außer dass es sich dazu eignet, Menschen übers Ohr zu hauen. Kein Mann dieser Welt kann sich vor eine Frau setzen und offen sagen „du verdienst weniger, weil du eine Frau bist“.

Welche Gegenargumente kursieren denn in der Branche?

Die gleichen wie überall: dass die Transparenz zu Konflikten führt, weil Menschen neidisch und missgünstig sind. Aber darum geht es ja gerade. Dass man darüber spricht, was gerecht ist.

Wir danken für das Gespräch.

Die Zeit, die wir teilen läuft ab dem 31. August im Kino. In Berlin wird es zwei Screenings in Anwesenheit von Lars Eidinger geben, am 4. September um 13 Uhr im Filmkunst 66 und um 15:15 Uhr im Bundesplatz-Kino.