Dass Polen für die Demokratie nicht verloren ist, zeigt auch seine Kultur. Was zwischen Masuren und Neiße, zwischen Oderhaff und Karpaten an Filmen entsteht, gehört zum Besten, was Europa zu bieten hat. Weniges davon schafft es auf deutsche Leinwände. Mit „film POLSKA“ aber kommt alljährlich eine handverlesene Auswahl gegenwärtiger Filmkunst direkt zu uns, dies schon zum 17. Mal.

Worin das Geheimnis für die Lebendigkeit polnischer Filme besteht, verrät ein Blick auf den Eröffnungsbeitrag. „Wszystkie nasze strachy“ (All unsere Ängste) spielt in der tiefsten Provinz, in Masowien, nordwestlich der Hauptstadt. Hier, in der Nähe des Städtchens Sierpc, lebt Daniel Rycharski. Er ist ein bunter Vogel, dabei fest eingebunden in den ländlichen Alltag. Seine Installationen gehören zum dörflichen Umfeld, sind gleichzeitig auf dem Kunstmarkt hoch begehrt. Offen schwul, ist er doch auch inbrünstiger Kirchgänger. Nach dem Selbstmord eines jungen Mädchens wird ihm die Schuld in die Schuhe geschoben, seines schlechten Einflusses wegen. Nach und nach eskaliert die Situation.

Unspektakuläre Orte werden zu Schauplätzen für großes Kino

Das klingt jetzt nach einer schönen Drehbuchidee, die beim „Pitchen“ zugespitzt wurde. Aber alles ist wahr. Der in Polen berühmte Rycharski (Jahrgang 1986) sieht sogar ganz genau so aus, wie von Dawid Ogrodnik verkörpert: wie er da in seiner LGBT-Trainingsjacke und seinen blond gefärbten Haaren mit dem Motorrad über die löchrigen Dorfstraßen jagt. Solche Details wären an sich sekundär. In Verbindung mit dem Kern der Geschichte wird durch sie jedoch eine enorme soziale Brisanz sichtbar. Es geht um Anpassung und Verweigerung. Ästhetische Entscheidungen sind dabei von Haltungsfragen nicht zu trennen.

Regie führte mit Łukasz Ronduda ein Mann, der sich als Kurator, Experimentalfilm-Forscher und Autor bereits einen Namen erarbeitet hatte, bevor er sich der Filmregie zuwandte. Mit seinem Co-Regisseur und Kameramann Łukasz Gutt hat er in „All unsere Ängste“ eine Utopie erfüllt, an die sich hierzulande kaum mehr jemand erinnern kann. Eine kluge, relevante Geschichte wird mit hohem Schauwert in Szene gesetzt, als pures Kino!

Auch weitere Filme des Wettbewerbs erfüllen dieses Versprechen. Mehrfach dienen unspektakuläre Orte als Schauplatz, etwa das Karpaten-Vorland in „Sonata“ von Bartosz Blaschke. Mitte der 90er-Jahre diagnostiziert hier eine Therapeutin den vermeintlichen Autismus eines Kindes als Folge von nicht erkannter Gehörlosigkeit. Mithilfe eines Hörgerätes, eines Klaviers und Beethovens „Mondscheinsonate“ öffnen sich endlich die verschütteten Innenwelten des Jungen. Und dann die zwei einsiedlerischen Frauen ohne Strom und fließend Wasser im Dokumentarfilm „Bukolika“ von Karol Pałka! Ihr archaisches Dasein wird liebevoll beobachtet, dabei immer wieder kurzgeschlossen mit der brachial-zarten Musik der Band „We will fail“. In Leipzig gab es für diese Leistung eine hochverdiente „Silberne Taube“.

Festival „film POLSKA“, diverse Kinos, 22. bis 29. Juni