Wenn ein Schauspieler bekannt wird durch Rollen, die ihn jung zeigen, wirkt es etwas uncharmant, wenn man im Alter noch daran erinnert. Bei Peter Reusse, der am vergangenen Sonnabend im Alter von 81 Jahren gestorben ist, liegen allerdings sein Ruhm und seine Tragik in einer Rolle begründet, die er mit 24 Jahren in geradezu idealer Weise verkörpert hatte. Er spielte 1965 in dem Defa-Film „Denk bloß nicht, ich heule“ einen jungen Mann, der seine eigenen Fragen stellen und sich nicht ständig von den Alten belehren lassen wollte. Der Film fiel wie viele andere 1965 dem kulturellen Kahlschlag beim 11. Plenum des ZK der SED zum Opfer.

Peter Reusses Gesicht hatte sich damals schon seinem Publikum eingeprägt, spielte doch zuvor bereits in zwei sehr erfolgreichen Filmen mit, in „Beschreibung eines Sommers“ (1962) und „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1964). Nach dem Verbotsplenum dauerte es zwölf Jahre, bis er wieder eine Hauptrolle im Kino bekam: In der Komödie „Ein irrer Duft von frischem Heu“ gab er einen Parteisekretär mit besonderen Ahnungen.

An der Seite seiner Frau im „Polizeiruf 110“

Im DDR-Fernsehen sah man ihn mal als Liebhaber, mal als Ganove. Beide Seiten lagen ihm. Dazwischen hielt sich eine Melancholie, die mit jenem Karriereknick in der Jugend zu tun haben konnte. Im „Polizeiruf 110“ agierte er in einigen Episoden an der Seite der von seiner Ehefrau Sigrid Göhler gespielten Kommissarin als Ermittler.

Als „Denk bloß nicht, ich heule“ 1990 uraufgeführt wurde, war Peter Reusse 49 Jahre alt. Und wurde sozusagen neu entdeckt. In den ersten Nachrufen, die online am Montagmittag auf die Nachricht von Peter Reusses Tod erschienen, wird die taz zitiert, die ihn damals den „James Dean des Ostens“ nannte.

Seine schauspielerische Heimat war fast drei Jahrzehnte lang das Deutsche Theater in Berlin, ein Ensemble wie eine Familie. Während der friedlichen Revolution gehörte Reusse zu den Mitorganisatoren der Demonstration am 4. November 1989 und arbeitete im Bürgerkomitee zur Aufklärung der Stasiverbrechen mit. Im vereinten Lande bekam er interessante Fernsehaufgaben etwa an der Seite von Iris Berben, Mathieu Carriere oder Charles Aznavour.

Doch 1993 brach die Schauspielkarriere Reusses jäh ab. Nach einem Gedächtnis-Aussetzer bei einer Probe am DT, der ihn in eine Klinik führte, sortierte er sein Leben neu: als Schriftsteller und Keramiker. Er erzählte davon in dem Buch „Der Eismann geht“. Der Titel nimmt Bezug auf Eugene O’Neills Stück „Der Eismann kommt“, bei dessen Endproben der zweite tiefe Einschnitt im Leben des Peter Reusse geschah.