Diva wider Willen: Zum Tod der italienischen Filmikone Gina Lollobrigida

Die Italienerin war eine der größten Leinwanddiven aller Zeiten – und noch viel mehr. Das bewies sie unter anderem als Jurypräsidentin bei der Berlinale.

Gina Lollobrigida in „Geh nackt in die Welt“ (1960) von Ranald Macdougall 
Gina Lollobrigida in „Geh nackt in die Welt“ (1960) von Ranald Macdougall imago

Das italienische Nachkriegskino beschenkte die Welt nicht nur mit dem Neorealismus. Was es dem breiten Publikum auch zurückgab, war ein Divenkult, wie ihn Hollywood schon mit dem Karriereende von Greta Garbo ein Jahrzehnt zuvor begraben hatte. Während dort die PR-Maschinen etwa mit Marilyn Monroe die Frau von nebenan glorifizierten, erzählte man in Italien das Märchen von Cenerentola, von Aschenputtel. Entdeckt im Volk, thronten Stars auf erhabenen Sockeln.

Gina Lollobrigida war – neben Sophia Loren – die Inkarnation dieses italienischen Typs der Leinwandgöttin. Wie sonst nur in der Welt der Oper ersetzte ein selbstverständliches „die“ ihren Vornamen, und wem vier Silben zu lang für den Rest waren, sagte schlicht: „la Lollo“. Oder, in ihrer Heimat, durchaus patriotisch: Gina Nationale.

Als Dreijährige zum schönsten Kleinkind Italiens gewählt

Auch wenn letztlich Schauspieltalent und Ausstrahlung über dauerhafte Leinwandkarrieren entschieden, begannen diese doch meist bei Schönheitswettbewerben. Bereits als Dreijährige war die kleine Gina zum „schönsten Kleinkind Italiens“ gewählt worden, es folgten 1947 ein zweiter Platz im Wettbewerb zur „Miss Roma“ und ein dritter bei der Wahl zur „Miss Italia“. Da spielte die Kunststudentin am renommierten Liceo Artistico in Rom bereits Kleinstrollen in Filmen, nachdem sie der Produzent Mario Costa auf der Straße entdeckt hatte. Der Film, der sie international bekannt machte, war 1952 aber eine französische Produktion. An der Seite von Gérard Philippe spielte sie in Christian Jacques Abenteuerfilm „Fanfan, der Husar“ die forsche Tochter eines Armee-Werbers. Auch heute noch ist diese rasante Geschichte von beidseitig versuchter Eroberung und strategischem Rückzug eine überraschend moderne Romanze – auch Dank Lollobrigidas Ausstrahlung von Unabhängigkeit.

Denn genau das war es letztlich, was sie, ebenso wie ihre sieben Jahre jüngere Rivalin Loren, wirklich auszeichnete: Beide Stars entwischten der Aschenputtel-Schublade schon im Augenblick ihrer ersten Erfolge.

Bereits im Folgejahr inszenierte kein Geringerer als John Huston Lollobrigida als untreue Ehefrau Humphrey Bogarts im satirischen Abenteuerfilm „Schach mit dem Teufel“. In seiner Genrekritik seiner Zeit voraus, floppte das Werk an den Kinokassen, ohne jedoch den Aufstieg der Lollo zu behindern. Unter der Regie von Luigi Comencini spielte sie gleich darauf in den leichtfüßigen Komödien „Brot, Liebe und Phantasie“ (1963) und „Liebe, Brot und Eifersucht“. Ihr Filmpartner, Vittorio de Sica, war einer der Meister des Neorealismus, aber Comencini brachte in den Film eine eigene Poesie. In der volkstümlichen Rolle der Bersagliera ist Gina Lollobrigida die allseits umworbene Dorfschönheit, die von ihren verschmähten Verehrern zu Unrecht moralisch in Misskredit gebracht wird.

Comencini, der auf der Berlinale für den ersten Teil einen silbernen Bären erhielt, sollte später eine noch märchenhaftere Rolle für die Lollo bereithalten. In der Miniserie „Pinocchio“, der bis heute texttreuesten Collodi-Verfilmung, spielt sie 1972 mit blauer Perücke und hinreißend ätherischer Aura Fata, die Fee. Es war eine von nur drei Filmrollen, die sie in den 70er-Jahren spielte. So rasant ihr Aufstieg in den 50er- und 60er-Jahren verlaufen war – mit Hollywooderfolgen wie „Trapez“, „Der Glöckner von Notre-Dame“ und „Salomon und die Königin von Saba“ oder, an der Seite von Rock Hudson, „Happy End im September“ und „Fremde Bettgesellen“ –, blieb sie künstlerisch unbefriedigt. Anders als Sophia Loren, die als Ehefrau des Produzenten Carlo Ponti gewissermaßen an der Quelle attraktiver Rollen saß, fehlten Lollobrigida solche Herausforderungen.

Ihre eigentliche Begabung sah Lollobrigida in der bildenden Kunst

Tatsächlich hatte die Geschichte der Aufsteigerin aus einer kulturfernen Unterschicht nie zu ihrem Leben gepasst. Ihr Vater war als Möbelfabrikant erst verarmt, als seine Fabrik im Krieg zerstört wurde. Gina Lollobrigida sah ihre eigentliche Begabung in der bildenden Kunst, die sie dank eines Stipendiums hatte studieren können. In den 70er-Jahren begann sie eine zweite Karriere als Porträt- und Reportagefotografin und veröffentlichte vier Bildbände. Aus einer Porträtsitzung mit Fidel Castro entwickelte sie einen eigenen Dokumentarfilm über den kubanischen Revolutionär, „Ritratto di Fidel“ (1972).

Wer sie deshalb für eine bedingungslose Förderin des politischen Kinos hielt, erlebte bei der Berlinale 1986 eine Überraschung. Als Jurypräsidentin distanzierte sie sich von der knappen Mehrheitsentscheidung für Reinhard Hauffs theatralisches RAF-Drama „Stammheim“. Anstatt ihre Kritik jedoch künstlerisch zu begründen, nannte sie die Entscheidung „vorfabriziert“ und „absurd“. Vom Festivalleiter Moritz de Hadeln als „antidemokratisch“ gescholten, wurde Lollobrigida besonders in der deutschen Presse für ihren Auftritt heftig kritisiert. Dabei wäre der Zweitplazierte, Nanni Morettis psychologisches Kammerspiel „Die Messe ist aus“, vielleicht wirklich ein würdigerer Gewinner gewesen.

Was blieb, war der Eindruck der Leinwanddiva – nun mit allen negativen Konnotationen der selbstgefälligen Schönheit, die Gina Lollobrigida nie gewesen war. Was ihr blieb, war eine dritte Karriere – nun in der Profession, die sie zuerst erlernt hatte, der Bildhauerei. Auch die ekstatischen Figurinen, die sie oft in gewaltiger Größe in Bronze gießen ließ, schienen nicht ganz in die Zeit zu passen, waren jedoch zweifellos Talentbeweise. Immer wieder zelebrierte sie dabei ein Sujet, für das sie wohl die größte Spezialistin war: die Diva.