Netflix-Serie „Wednesday“ – zu mainstream für die Addams Family

Das beliebteste Mitglied der Addams Family wird erwachsen, unter der Obhut Tim Burtons. Theoretisch eine spannende Idee – in der Praxis eine Enttäuschung.

Wednesday Addams (Jenna Ortega) mit ihrem treuen Begleiter Eiskaltes Händchen
Wednesday Addams (Jenna Ortega) mit ihrem treuen Begleiter Eiskaltes HändchenNetflix

Es sagt doch einiges über die Idee der amerikanische Idealfamilie, wenn heute ausgerechnet zwei satirische Interpretationen davon zu den bekanntesten und beliebtesten US-Familien der Welt gehören: „Die Simpsons“ und „Die Addams Family“. Letztere schuf der Comiczeichner Charles Addams 1938 für das Magazin The New Yorker, es folgten zahlreiche Serienadaptionen und zwei Filme von Barry Sonnenfeld 1991 und 1993. Spätestens mit dessen Inszenierung avancierte die Tochter Wednesday zum Publikumsliebling des düsteren Addams-Clans, gespielt von der zehnjährigen Christina Ricci, die mit nihilistischem Charme Pfadfinderinnen fertigmachte und zu jeder Gelegenheit versuchte, ihren neugeborenen Bruder zu töten. Sie ebnete den Weg für Figuren wie Emily the Strange oder MTVs Daria, junge Frauen, die den Mainstream verachten: Trost- und Vorbilder für Außenseiterinnen in der amerikanisch geprägten Jugendkultur.

Nun bringt Netflix Wednesday Addams als Hauptfigur zurück, inszeniert von Tim Burton. In der Theorie könnte man sich für eine zeitgenössische Wednesday-Erzählung keinen besseren Interpreten vorstellen als den Macher von „Sleepy Hollow“, „Corpse Bride“ und „Sweeney Todd“ – doch in der Praxis büßt die Anti-Cheerleaderin unter Burtons Regie einiges von ihrem lebensverneinenden Reiz ein. 

Ein Hoden ging an den Piranha

Zum Serienauftakt fliegt die hier 15-jährige Addams-Tochter (Jenna Ortega) mal wieder von der Schule. Um ein paar mobbende Jungs zu bestrafen, hatte sie eine Horde Piranhas ins Schwimmbad der High School entlassen, einer der Fische bekam einen Hoden zwischen die Zähne. Bereuen tut Wednesday nur, dass die Fische nicht erfolgreicher waren. Und so bleibt nur noch eine akademische Institution übrig, die bereit ist, die blasse Jugendliche mit dem charakteristischen Kragen und Killerblick aufzunehmen: die Nevermore Academy. Die Alma Mater ihrer dauerknutschenden Eltern Morticia (Catherine Zeta-Jones) und Gomez (Luis Guzmán) ist auf „Außenseiter“ spezialisiert, damit gemeint sind vor allem übermenschliche Jugendliche wie Werwölfe, Vampire, Gorgonen und Meermenschen. Wer nach 2000 geboren ist oder Kinder im Teenager-Alter hat, wird nun an Mattels „Monster High“ denken, und auch der „Harry Potter“-Vergleich liegt nicht allzu fern. Allein aus dem Netflix-Katalog drängen sich so viele Parallelen auf, dass auch die besondere Heldin „Wednesday“ nicht davor bewahren kann, ein gutes Stück im Einheitsbrei der düsteren High-School-Serien zu versinken.

Schon kurz nachdem Wednesday von ihrer aufgekratzten Mitbewohnerin Enid (Emma Myers), einer Werwölfin mit Verwandlungsproblemen, in den Schulalltag eingeführt wurde, hat sie eine Leiche vor der Nase zu liegen. Darüber müsste die Antiheldin, so wie sie erdacht wurde, natürlich hocherfreut sein, doch der Humor des Originals und der bisherigen Adaptionen funktionierte auch immer über die Tatsache, dass viel über Blutiges fantasiert, aber nichts davon in die Tat umgesetzt wurde. Nun allerdings hat es Wednesday tatsächlich mit Mord zu tun, doch anstatt sich daran zu ergötzen, will die Hobby-Krimiautorin den Verantwortlichen fassen und zur Rechenschaft ziehen. Auch, weil sie damit ein anderes Mysterium aufzuklären hofft: die durch einen Toten in den Raum gestellte Frage, ob sie selbst in Zukunft für etwas „wahrlich Schreckliches“ verantwortlich werden könnte – angeblich ihre größte Angst.

Fortan muss Wednesday also an der Seite des örtlichen Sheriffs ermitteln, der eine große Abneigung gegen die Nevermore-Schüler im Allgemeinen und sie im Besonderen pflegt. Ihre misanthropischen Tendenzen sorgen für so manche Pointe, halten letztendlich aber auch als Hindernis her, das auf der Heldinnenreise überwunden werden muss, um die typischen Coming-of-Age-Themen wie Freundschaft, Liebe und Erwachsenwerden ordentlich bedienen zu können. Der Krimiplot ist nicht unspannend, zumal vor dem Hintergrund der amerikanischen Pilgerromantik, bei der Wednesday, wie schon im Film von 1993, natürlich die Galle hochkommt.

Christina Ricci ist auch diesmal wieder dabei, sie spielt die einzige „normale“ Lehrerin von Nevermore. Damit steht sie leider ein bisschen exemplarisch für diese Neuinterpretation ihrer ersten großen Filmrolle.

Wertung: 2 von 5 Punkten

Wednesday. Serie, 8 Folgen, Netflix