Netflix: „The Watcher“ – wenn das Traumhaus zum Albtraum wird

Horror-Hood: Die Geschichte einer Familie, die in die Paranoia getrieben wird, existiert schon seit ein paar Jahren. Jetzt hat Ryan Murphy den Stoff verfilmt.

American Gothic: Mia Farrow und Terry Kinney spielen zwielichtige Nachbarn in „The Watcher“.
American Gothic: Mia Farrow und Terry Kinney spielen zwielichtige Nachbarn in „The Watcher“.Netflix

Netflix’ Allzweckwaffe Ryan Murphy („Dahmer“) hat die urbane Legende „The Watcher“ verfilmt mit Naomi Watts, Mia Farrow und Jennifer Coolidge in den Hauptrollen und damit mal wieder ein feines Gespür für Creepy Pasta bewiesen und den Zeitpunkt an dem man diese noch mal richtig aufwärmen kann. Mit dem Fakt, dass hier kein Grusel-Garn gesponnen wurde, sondern ein real existierender Fall als Vorlage diente.

Denn die Geschichte vom Ehepaar Derek and Maria Broaddus, das mit seinen Kindern ins New Yorker Umland zieht, um in seinem Traumhaus Abstand von der Metropole zu bekommen, geistert schon geraume Zeit durch die Medien. 2018 veröffentlichte das New York Magazine einen langen Artikel über den Fall der Familie, deren 1,3-Millionen-Dollar-Villa zum Albtraumhaus wird.

Beobachtet in den privatesten Momenten

Schon während der Renovierung des über 100 Jahre alten Anwesenes erhalten die Broaddus’ anonyme Post. Darin behauptet der Absender, dass bereits sein Großvater in den 1920er-Jahren und sein Vater in den 60er-Jahren das Haus „beobachtet“ hätten und nun wäre die Zeit an ihm, dem Watcher, die Villa und die Familie darin im Auge zu behalten. Es folgen weitere Briefe, in einem wird die Ermordung der Kinder angedeutet und der Beobachter verblüfft durch präzises Wissen über die neuen Mieter, ihre Tagesabläufe und Gewohnheiten. Die Familie bezieht das Haus nicht und schaltet das FBI ein, mit wenig Erfolg. Es ist bis heute nicht geklärt, wer die Briefe geschrieben hat und warum. Am Ende verkauft das verängstigte Paar das Haus am 657 Boulevard in Westfield mit einem Verlust von 400.000 Dollar und kehren New Jersey den Rücken.

Der perfekte Netflix-Stoff und wie gemacht für Ryan Murphy, der mit seinem Vertrag über mehrere Hundert Millionen Dollar dem Streaming-Dienst routiniert qualitativ hochwertige Serien liefert. So gibt es auch an „The Watcher“ wenig zu mäkeln.

Murphy hat die an sich recht karge Geschichte ordentlich aufgemöbelt mit einem ganzen Reigen bescheuerter Nachbarn, mysteriöser Vorkommnisse und zwielichtiger Randfiguren. Zudem hat der Horror-Könner schöne Reminiszenzen eingeflochten, beispielsweise an „Rosemary’s Baby“, in dem Mia Farrow ja schon in den 60ern dem Wahnsinn verfiel. Aber auch an „The Stepford Wives“ (wie „Rosemary’s Baby“ ebenfalls nach einer Vorlage von Ira Levin) – der großen Satire auf den Wunsch nach dem perfekten Leben in der amerikanischen Vorstadt. Ohne Schwarze, ohne Schwule und, ja, auch ohne (echte) Frauen.

Das alles macht großen Spaß. Murphy ist geschickt genug, dem vermeintlichen Grusel und durchs Haus wabernder Paranoia Humor beizumengen. Denn das ist das Problem mit „The Watcher“: Die Adaption der an sich pointenlosen Vorlage hätte kaum zur Serie ausgereicht. Schließlich hat man nie erfahren, wer die Briefe verfasst hat und vor allen Dingen, warum. Ob Ryan Murphy hier ein anderes Ende konstruiert hat, dass die Gier nach Erhellung befriedigt, wird hier aber nicht verraten. 

Wertung: 3 von 5

The Watcher, Miniserie, 7 Folgen, Netflix