Irmgard F. war nicht verwirrt, als sie im September 2021 ihrem Pflegeheim entfloh. Die 96-Jährige entzog sich bewusst ihrem Gerichtsverfahren – während der Nazizeit hatte sie als Schreibkraft im KZ Stutthof die Deportationslisten nach Auschwitz erstellt und zur „reibungslosen Funktionsfähigkeit des Lagers beigetragen“, so die Anklage. Das Schweigen der Täter, der Mittäter und Mitläufer durchzieht die Jahrzehnte: nichts gesehen, gehört oder gewusst. Nur einem Bruchteil der Nazis wurde der Prozess gemacht. Erst 2011 mit der Verurteilung des ukrainischen SS-Manns John Demjanjuk veränderte sich die Rechtsprechung. Es folgten weitere NS-Prozesse, beredt war jedoch keiner der Angeklagten. In seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ schuf Jonathan Littell einen fiktiven NS-Täter, der Zeugnis ablegt. Angelehnt an Primo Levi sagt sein Protagonist: „Die wirkliche Gefahr – vor allem in unsicheren Zeiten – sind die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht. Die wirkliche Gefahr für den Menschen bin ich, seid ihr.“

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.