Proletariat West: Das Zeughauskino zeigt Filme über die Arbeitswelt der BRD

Im Berg, im Lager, in der Fabrik: Für die Reihe „Arbeitswelten im Fernsehen“ haben die Verantwortlichen drei Schätze aus den TV-Archiven geborgen.

Szene aus „Der große Tag der Berta Laube“ (1969)
Szene aus „Der große Tag der Berta Laube“ (1969)imago

Lageristin Berta Laube verrichtet fünfmal in der Woche eher gleichgültig ihren Dienst. Als ein Großauftrag für die Firma eintrudelt, läuft sie plötzlich zur Höchstform auf. Irgendwie müsste es doch zu schaffen sein, die Termine einzuhalten. Sie versucht, auch ihre Kollegen zu motivieren. Doch diese entwickeln lediglich beim „Wegducken“ Eigeninitiative. Berta gerät zwischen die Interessen der Belegschaft und der Chefetage. Zuletzt wird sie nur von einigen Außenseitern unterstützt. Alle anderen üben sich in Eigennutz und Opportunismus.

Was nach einem kritischen Sujet aus dem sozialistischen Arbeitsalltag klingt, stammt aus einem zur besten Sendezeit im NDR ausgestrahlten West-Fernsehfilm. Dieter Meichsner drehte „Der große Tag der Berta Laube“ im Schlüsseljahr 1968, besetzte die Titelrolle mit der brillanten Ex-Brecht-Darstellerin Angelika Hurwicz (1922–1999). Sein Stoff offenbart erstaunliche Ähnlichkeiten der westdeutschen zum Fabrikalltag in der DDR. Es zeigt sich, dass es hier wie dort mit dem proletarischen Ethos nicht so weit her war. Man wurstelte sich irgendwie durch, ganz gleich ob man als „herrschende Arbeiterklasse“ oder als „Arbeitnehmer“ an den Werkbänken stand.

Schätze aus den Kellern der Sendeanstalten

Dass Meichners Film nach mehr als 50 Jahren jetzt wieder gesehen werden kann und sich damit dieser überraschende Vergleich überhaupt erst aufmacht, ist das Verdienst der Reihe „Aus dem Fernseharchiv“ im Zeughauskino. Kurator Jan Gympel birgt aus den Kellern der Sendeanstalten regelmäßig längst vergessene Arbeiten und bringt sie auf die Leinwand. Die aktuelle Auswahl wartet mit mindestens einer weiteren, überaus sehenswerten Ausgrabung auf. „Schichtwechsel“ (1968) basiert auf einem Originaldrehbuch von Max von der Grün (1926–2005). Anders als sein aristokratischer Name vermuten ließe, war dieser Autor einer der wenigen bundesdeutschen Schriftsteller, die sich in Fabriken und Schächten wirklich auskannten. Er war deshalb auch von der DDR-Kulturpolitik wohlgelitten; einige seiner Bücher erschienen im volkseigenen Buchhandel. Mit „Zwei Briefe an Pospischiel“ wurde 1970 sogar einer seiner Texte für das DDR-Fernsehen verfilmt, Hauptrolle: Ernst-Thälmann-Darsteller Günther Simon.

„Schichtwechsel“ ist aus mehreren Gründen eine Wiederentdeckung wert. Zum einen wegen seiner Wirklichkeitsnähe. Wir erleben hier den Mikrokosmos einer Bergarbeiter-Familie im Ruhrpott lebensnah und ungeschliffen. Es wird gearbeitet, gefeiert, mundartlich gestritten und vehement um kleinste private Freiräume gerungen. Die dynamische, fast körperlich spürbare Handkamera folgt den Arbeitern über Minuten hinweg hautnah. Eine solche Unmittelbarkeit des proletarischen Milieus hat es im deutschen Film erst wieder bei Fassbinder gegeben. Ein weiterer Grund, warum „Schichtwechsel“ nicht verpasst werden sollte, ist die Besetzung von Angela Winkler in einer „tragenden Nebenrolle“. Gerade einmal knapp 20-jährig spielt der spätere Schaubühnen-Star hier mit nachdrücklicher Vehemenz eine sich nach Auf- und Ausbruch sehnende junge Frau. Ihre kleine Rolle wächst zur großen, archetypischen Figur.

Aus dem Fernseharchiv - Arbeitswelten im Fernsehen. Zeughauskino, Start am 28. Oktober mit dem Film „Schichtwechsel“. Eintritt frei!