Ein Mann rastet aus – doch er tut dies unter strengster Selbstkontrolle. Er parkt seinen Wagen ein, steigt aus, richtet die Kleidung. Um dann mit zügigen Schritten auf eine Jungengruppe zuzugehen, die in der Nachbarschaft vor ihrer Garage abhängt und an einer roten Corvette schraubt. Und dann gehen die Schläge nieder. Bevor er auch nur ahnt, was passiert, liegt der Anführer der Gang als Wrack am Boden. Er hatte es gewagt, die Frau des Mannes zu belästigen.

Diese Filmszene dauert nur ein paar Sekunden. Sie gießt den Charakter des Mafiabosses Henry Hill aus Martin Scorseses „GoodFellas“ (1990) in eine kompakte, dabei doch auch extrem widersprüchliche Form. Hier walten gleichzeitig Fürsorge wie Aggression, Empathie wie Vernichtungswille. Der Adrenalinschub wird unmittelbar nachvollziehbar. Man will alles über diesen Menschen erfahren. Und hat doch gleichzeitig Angst vor ihm.

„GoodFellas“-Schauspieler Ray Liotta: Unerwarteter Tod mit 67 Jahren

Inkarnation dieser ebenso faszinierenden wie beängstigenden Erscheinung war der amerikanische Schauspieler Ray Liotta. Als am Freitag die Nachricht von seinem Tod um den Globus ging, bezogen sich die allermeisten Online-Kommentare auf Liottas Rolle als Henry Hill. Dass er darüber hinaus an weit mehr als hundert Kino- und Fernsehfilmen mitgewirkt hat, fand kaum Erwähnung.

Kein Zweifel: Die Karriere des nun im Alter von 67 Jahren unerwartet verstorbenen Schauspielers ist derart eng mit seiner Paraderolle für Scorsese verknüpft, dass seine übrige Biografie im Unschärfe-Bereich zu verschwimmen scheint.

Geboren 1954 in New Jersey, wurde das Waisenkind im Alter von sechs Monaten von einer italienischstämmigen Familie adoptiert. Seine Erziehung war also katholisch, fiel aber nach eigener Aussage keineswegs streng religiös aus.

Seine neuen Eltern gehörten zum unteren Mittelstand: Die Mutter arbeitete als Sekretärin in der Gemeindeverwaltung, der Vater war Autoteile-Händler. Beide engagierten sich in der Demokratischen Partei, nahmen bald noch ein weiteres Kind auf, diesmal ein Mädchen. Als Riotta später nach seinen biologischen Eltern recherchierte, stieß er auf schottische Wurzeln und auf sieben leibliche Geschwister.

Um seine Karriere einzufädeln, studierte er zunächst ganz konventionell in Miami Schauspiel, kehrte danach an die nördliche Westküste zurück. In New York arbeitete er als Barkeeper, übernahm dann erste Rollen in Musicals (u.a. „Cabaret“) sowie im Fernsehen und beim Film.

Warner Bros
Ray Liotta in „GoodFellas“

„Gefährliche Freundin“ lief in der BRD und DDR

Sein Durchbruch verschaffte ihm 1986 Jonathan Demme im turbulenten Genre-Mix „Something Wild“, der unter dem Titel „Gefährliche Freundin“ auch erfolgreich in den Kinos in beiden Teilen Deutschlands lief. Der damals noch völlig Unbekannte spielte hier neben Melanie Griffith und Jeff Daniels den dritten Part. Als frisch aus dem Knast Entlassener gefährdet er das junge Liebesglück des Paars. Obwohl seine Rolle recht eindimensional als die eines kriminellen Querulanten angelegt war, gelang es ihm durch sein nuanciertes Spiel doch, überraschende Zwischentöne einzubringen. Der Knastbruder erscheint als verletztes Individuum, das verzweifelt – und letztlich vergeblich – einen Platz in der „normalen“ Gesellschaft zu finden sucht.

Diese Leistung wurde auch als solche erkannt und gewürdigt. Seine Golden-Globe-Nominierung als Bester Nebendarsteller führte letztlich zur Besetzung durch Martin Scorsese in „GoodFellas“. Was er in diesem 150-minütigen Mafia-Epos zu zeigen vermag, hat fast übermenschliche Ausmaße. Nahezu die gesamte Geschichte wird aus der Perspektive das Mafia-Bosses Henry Hill erzählt, Liottas Präsenz ist immens.

Im Nachhinein erscheint es, als hätte sich der Hauptdarsteller mit dieser Leistung verausgabt. Nie wieder war es ihm gegeben, einen Charakter von solchem Gewicht zu verkörpern. Auch Scorsese besetzte ihn nicht noch einmal. Mit dem Polizeifilm „Cop Land“ (1997) von James Mangold gelang es ihm immerhin, ein wenig an die eigene Legende anzuknüpfen, wieder an der Seite von Robert De Niro. Das ansonsten auf Sylvester Stallone zugeschnittene Vehikel trumpfte auch noch mit Harvey Keitel auf. Für Liotta blieb also nicht allzu viel Raum übrig. Eine Ironie der (Film-)Geschichte besteht auch darin, dass mehrere Nebendarsteller von „Cop Land“ später für die Stammbesetzung der Erfolgsserie „Die Sopranos“ engagiert wurden – nicht aber Ray Liotta.

Posthum kommt noch ein Film: „Cocaine Bear“

Fortan stand er vor allem entweder als eine Art special guest immer weiter hinten im Abspann oder er gab Hauptrollen in B-Pictures, die es auch in den USA oft gar nicht mehr bis zur Kinoauswertung schafften. Ausnahmen wie der ambitionierte Detektiv-Thriller „Phoenix – Blutige Stadt“ (1998) von Danny Cannon bestätigten oft nur die Regel. (Auch dieses Werk wurde in Deutschland übrigens nur auf DVD veröffentlicht.) Nach der Jahrtausendwende war Liotta zwar auf Bildschirmen, Leinwänden und Datenträgern noch immer ausreichend gegenwärtig, mitunter gerieten die damit verbunden Produkte aber etwas obskur.

Mehrfach wirkte er auch als Sprecher für Cartoons (Muppets und Simpsons) oder war in Verfilmungen von Videogames zu sehen. Vor allem spielte er in zahllosen TV-Serien. Sein letzter Kinofilm wird es im Februar 2023 zur posthumen Premiere bringen: „Cocaine Bear“, in der Regie der Schauspielerin Elizabeth Banks. Die auf einer wahren Begebenheit basierende Handlung erzählt von einem Schwarzbär, der zur marodierenden Bestie wird. Das Tier hatte vorher einen Sack Kokain verspeist, den es im Wald gefunden hatte. Welche Rolle Ray Liotta spielt, ist bislang noch nicht bekannt.

Vielleicht liegt ja in der familiär bedingten, langen Ungewissheit über seine Herkunft ein Schlüssel dafür, dass Ray Liotta als Schauspieler immer dann zu Höchstleistungen auflief, wenn ihm die Chance zur Verkörperung ambivalenter Charaktere gegeben wurde, so wie bei Scorsese. Oft war dies leider nicht der Fall. Sein Gesicht wirkte, so man ihn vonseiten der Regie nur ließ, wie das von Eddie Constantine stets gezeichnet, verbarg wie bei diesem einen hochsensiblen Kern und ein hohes Maß an Beweglichkeit und Sensibilität. In allzu vielen Chargenrollen wurde ihm jedoch nur die übliche Maske abverlangt. So geht Hollywood. Manchmal reicht eine einzige Rolle aus, um in die Filmgeschichte einzugehen.