Zum Tod von Jean-Luc Godard: Der Unbeirrbare

Zeitlebens wollte der französische Regisseur das Kino neu erfinden, irgendwann kam das Publikum nicht mehr mit. Er starb selbstbestimmt mit 91 Jahren.

Jean-Luc Godard (1930–2022)
Jean-Luc Godard (1930–2022)AFP

Jean-Luc Godard begann seine Karriere mit einem Knall. „Franzosen sagen immer ‚eine Sekunde‘, wenn sie fünf Minuten meinen“, bemerkt Jean Seberg 1960 als Patricia in „Außer Atem“. Auf ihren französischen Regisseur traf das Gegenteil zu. Passend zum Titel jagte der damals 30-Jährige seine Schauspieler Jean-Paul Belmondo und Seberg vor der Handkamera durch Paris, montierte ihre Flucht in die Liebe und vor der Polizei mit zackigen Schnitten und Jump-Cuts. Wie muss dieser Film, den auch heute junge Menschen noch fast ohne Irrititation schauen können, der nach wie vor modern ist, vor über sechzig Jahren auf das Publikum gewirkt haben? Man würde es gern selbst erleben. Ein zeitgenössisches Pendant sucht man vergeblich.

Über 100 Kurz- und Langfilme hat Godard gedreht, er hörte nie damit auf. Der letzte, „Bildbuch“, hatte erst 2018 in Cannes Premiere. Doch der erste, „Außer Atem“, bleibt sein kommerziell erfolgreichster und auch berühmtester, weil er so revolutionär wie zugänglich war, weil damit ein Knoten platzte, gesponnen aus den labbrig gewordenen Fäden einer Filmindustrie, gegen die Godard sich bereits als junger Student der Ethnologie auflehnte.

Vom Filmkritiker zum Filmemacher

In Paris lernte Godard, der am Genfer See in der Schweiz aufwuchs, Anfang der 50er-Jahre in Filmclubs Claude Chabrol, François Truffaut, Jacques Rivette und Éric Rohmer kennen, sie alle schrieben schließlich für das von André Bazin gegründete Filmmagazin Cahiers du cinéma. Doch keiner von ihnen wollte Kritiker bleiben, sondern es besser machen, anders. Die Gruppe wurde zu Autorenfilmern, ein Begriff, den es bis dahin nur in der Theorie gegeben hatte. Gemeinsam gebaren sie die Nouvelle Vague, wollten weg von uninspirierten Literaturverfilmungen und durchgeplanten Studiodrehs. Sie improvisierten, drehten an Originalschauplätzen, häufig aus der Hand, ohne künstliches Licht. Passanten wurden zu ahnungslosen Statisten, immer wieder ist zu sehen, wie manche sich verwirrt nach der Kamera umdrehen. Godard störte das nicht. Er drehte ohne Drehbuch, ließ seine Schauspieler Dinge ausprobieren oder flüsterte ihnen den Text kurz vor der Aufnahme zu. Im Nachhinein wurde alles neu synchronisiert.

Nach „Außer Atem“ drehte Godard noch fünf weitere Filme, die der Nouvelle Vague zuzuordnen sind. Aus „Der kleine Soldat“ von 1960 stammt einer der am meisten zitierten Sätze aus Godards Werk: „Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde“. Es spricht ihn der französische Soldat Bruno, der vor dem Hintergrund des Algerienkrieges einen arabischen Informanten töten soll. Aufgrund der kritischen Haltung zum Krieg durfte der Film in Frankreich zwei Jahre lang nicht gezeigt werden. In „Die Verachtung“ von 1963 erzählt Godard gleichermaßen von dem Ekel, den ein Mann bei seiner Ehefrau, gespielt von Brigitte Bardot, auslöst, sowie von seinem eigenen in Bezug auf das klassische Hollywoodkino. In dem dystopischen Science-Fiction-Film „Alphaville“ herrscht ein Supercomputer in einer Welt ohne Emotionen.

Es dürfte das Bild von Godard aus den 60er-Jahren sein, mit Hornbrille, Zigarre und schütterem Haar, das die meisten Menschen heute noch von ihm haben, seine Filme aus dieser Zeit sind die bekanntesten. Doch nicht nur in Frankreich blieb er zeitlebens ein Held des Kinos, auch wenn das Publikum für seine Filme stetig schrumpfte.

„Jean-Luc Godard, der größte Bilderstürmer der Nouvelle Vague, hat eine entschieden moderne, äußerst freie Kunst erfunden. Wir verlieren einen nationalen Schatz, einen genialen Blick“, twitterte Präsident Emmanuel Macron, nachdem die Nachricht von Godards Tod öffentlich wurde.

Den Oscar holte Godard nicht ab

Schon in „Week End“ von 1967 war deutlich zu spüren, dass Godards Suche nach Ausdruck sich weg von der klassischen Story bewegte und er auch in der Art des Filmemachens schon wieder nach Neuem Ausschau hielt. Er gründete das marxistisch orientierte Dsiga-Wertow-Kollektiv, benannt nach dem sowjetischen Regisseur von „Der Mann mit der Kamera“. Er wurde politisch kämpferischer, brachte 1968 gemeinsam mit seinen Weggefährten der Nouvelle Vague das Filmfestival in Cannes zum Abbruch, als Studenten sich in Paris Straßenschlachten mit der Polizei lieferten.

Nach den Kollektivfilmen kehrte Godard in den Siebzigern noch mal zum Erzählkino zurück. „Vorname: Carmen“ gewann 1973 den Goldenen Löwen in Venedig. Seine folgenden avantgardistischen Werke fanden in der kommerziellen Kinolandschaft dagegen kaum noch Anklang.

Godard ließ sich davon nicht beirren, die Filmkritik und auch die Meinung der Zuschauer interessierten ihn kaum. Filme seien wie Fußball, sagte er zur Jahrtausendwende im Interview mit der Sportzeitung L’Équipe: „Niemand scheut sich, seine Meinung kundzutun. Das Einzige, worüber jeder reden kann, ohne dass es peinlich wäre.“ 2007 wurde er in Berlin mit dem Europäischen Filmpreis und 2010 mit dem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Beide Preise holte er nicht ab.

In Cannes tauchte er 2018 dagegen noch mal auf, bei der Pressekonferenz von „Bildbuch“, allerdings nur digital. Per Video beantwortete er vom Genfer See aus ein paar Fragen der Presse, sein Produzent hielt vor Ort das Smartphone mit Godards Gesicht in die Höhe.

Wahrscheinlich hatte Godard seine Freude an der Szene, vielleicht hat er sie absichtlich so inszeniert. Dem Forschen und Experimentieren mit visuellen Ausdrucksformen wurde er schließlich zeitlebens nicht müde, probierte sich an 3D, nutzte Handyaufnahmen, drehte filmische Essays, Installationen, wie man es auch nennen will. Er tat das so unabhängig wie möglich, von Produzenten, Gewohnheiten, dem Wunsch nach der Zuschauergunst.

Szene aus „Bildbuch“ (2018)
Szene aus „Bildbuch“ (2018)Grandfilm

„Die Verachtung“ beginnt mit einer langen Einstellung, in der das Filmteam, beschäftigt mit den Dreharbeiten, langsam näherkommt. Namen und Funktionen von Cast und Crew werden dabei aus dem Off vorgelesen, abschließend folgt der Satz: „Der Film, sagt André Bazin, unterlegt unserer Vorstellung eine Welt, die mit unseren Wünschen übereinstimmt. ,Die Verachtung‘ ist die Geschichte dieser Welt.“ Dann dreht Raoul Coutard seine Kamera in Richtung Zuschauer und filmt direkt ins Publikum.

Sich selbst, die eigenen Wünsche und das eigene Sehen zu vergessen, war beim Anschauen der Filme von Jean-Luc Godard immer unmöglich. In einer Welt, wo alles flimmert, meistens, um vom Denken abzulenken, wird sein Blick fehlen.

Jean-Luc Godard ist am Dienstag mit 91 Jahren in seinem Haus in der Schweiz gestorben. Wie ein Berater der Familie der französischen Presseagentur AFP mitteilte, hat er sich für einen begleiteten Suizid entschieden und wollte diese Tatsache auch öffentlich machen.