Serie „Souls“ auf Sky: Mut zur Wiedergeburt

Wieder eine herausragende Mystery-Serie aus Deutschland. „Souls“ ist eine gelungene Mischung aus „Dark“ und „Tatort“, sie gehört zu den besten Titeln des Jahres.

Lili Epply als Journalistin auf den Spuren eines potenziellen Hochstaplers
Lili Epply als Journalistin auf den Spuren eines potenziellen HochstaplersSky Deutschland/Geißendörfer Pictures/Frédéric Batier

Düsternis, Schwermut und kein Lachen, nirgends. In dieser Hinsicht ist „Souls“ eine sehr, sehr deutsche Serie. Und dann doch wieder nicht. Denn die achtteilige Sky-Produktion ist auch das: Sehr, sehr gut. 

Der Erfahrung nach können deutsche Serien häufiger überzeugen, wenn sie sich nicht mit einer realistischen Gegenwart auseinandersetzen, sondern in andere Kontexte abtauchen können. Ins Historische etwa, wie bei „Babylon Berlin“ oder der viel kleineren, aber überaus sehenswerten Miniserie „Oktoberfest 1900“. Oder in Genres jenseits des zeitgenössischen Dramas oder Krimis, zum Beispiel Mystery, wie nun im Fall von „Souls“.

Dass das Genre durchaus mit dem deutschen Hang zur Melancholie harmoniert, hat beispielsweise der Netflix-Erfolg „Dark“ bewiesen. Souls ist etwas mehr in der Realität angesiedelt und fühlt sich somit an wie eine unwahrscheinliche, aber durchweg gelungene Mischung aus besagter Serie und den experimentelleren „Tatort“-Folgen.

Erinnert sich das Unfallopfer an ein voriges Leben?

Da überrascht es kaum, dass sich mit Erol Yesilkaya („Tatort: Meta“) und Alex Eslam („Tatort: Das Nest“), der gemeinsam mit Hanna Maria Heidrich auch die Regie übernahm, zwei Vertreter dieser Krimi-Strömung unter den Autoren befinden. Das Drehbuch, an dem außerdem Lisa van Brakel („Im Knast“) und Senad Halilbalic („7500“) mitwirkten, wurde auf dem diesjährigen Serienfestival in Cannes ausgezeichnet. Zu Recht, denn „Souls“ ist überaus virtuos und komplex, dabei aber nicht unnötig verwirrend erzählt.

Die acht Folgen der Serie wechseln konstant zwischen drei Handlungssträngen und Zeitebenen und schaffen es so, tatsächlich bis zur allerletzten Minute das Mysterium um die zentrale Frage aufrechtzuerhalten: Lügt der junge Protagonist, oder sagt er die Wahrheit? Der 14-jährige Jacob (Aaron Kissiov) behauptet nach einem beinahe tödlichen Unfall, der Pilot eines Flugzeuges gewesen zu sein, das vor 15 Jahren abstürzte.

So wird unversehens eine mögliche Reinkarnation zum Herzstück der Serie, eine durchaus mutige Themenwahl. Denn die Frage, ob oder wie es nach unserem Tod weitergehen könnte, ist sonst Produktionen vorbehalten, die klar dem Fantasy- oder Sci-Fi-Genre zuzuordnen sind.

Dass Serienmacher davor zurückschrecken, ist nachvollziehbar, werden doch gerade jene Erzählungen, die sich an existenzielle Gedankenexperimente wagen, oft als Hokuspokus verschrien. Vielleicht auch, weil sie herausfordernde, nicht zu klärende Fragen zur eigenen Sterblichkeit aufwerfen – und sei es nur auf klar fiktionaler Ebene.

Spannung bis zum Schluss auf drei Zeitebenen

In der Gegenwart beschäftigt sich „Souls“ folgerichtig vor allem mit den Reaktionen des Umfelds auf die Behauptungen des Protagonisten, wobei insbesondere das Hadern seiner Mutter Hanna (Brigitte Hobmeier) spannend zu verfolgen ist. Sie versucht ihrem Kind zwar beizustehen, bekommt es gleichsam aber auch mit der Angst zu tun, dass mit ihrem Sohn irgendetwas nicht stimmen könnte.

Damit verwoben ist ein zweites, in der Vergangenheit angesiedeltes Szenario, in dem Allie (Julia Koschitz), die Frau des Piloten des Unglücksfluges, jeden Tag aufs Neue am 31. Oktober 2006 erwacht, um ihren Partner (Laurence Rupp) davon abzuhalten, den Unglücksflug anzutreten. Dass die Serie erst nach und nach Zusammenhänge erläutert und Erzählstränge kreuzt, trägt maßgeblich zu ihrer enormen Spannung bei.

So bleibt ebenfalls lange unklar, wie sich ein obskurer Guru (Aleksander Jovanovic), der behauptet, die Unsterblichkeit der Seele durch Rückführungsrituale beweisen zu können, in das Bild fügt. In seine abgeschiedene Sekte schleust sich die Journalistin Linn (Lili Epply) ein, die ihn offenbar als Hochstapler enttarnen möchte.

Vor allem an diesem dritten Schauplatz läuft „Souls“ im Entwurf eines eigenen okkulten Kosmos auch visuell zu Höchstformen auf. Gemeinsam mit der ebenfalls in Cannes ausgezeichneten, atmosphärisch-dichten Musik von Dascha Dauenhauer und den mehrheitlich überzeugenden schauspielerischen Darbietungen entwickelt die Serie eine Anziehung, der man sich – trotz vereinzelter unnötiger Ausflüge in unbedeutendere Nebenschauplätze – nur schwer entziehen kann. Und das sollte man auch gar nicht, denn dann würde man eine der wenigen Ausnahmeerscheinungen unter den diesjährigen deutschen Serienproduktionen verpassen.

Wertung: 4 von 5 Punkten

„Souls“, Serie, 8 Episoden, ab 8. November bei Sky und WOW