So viel Surrealismus war noch nie

Zwei Ausstellungen würdigen die Bewegung, die Filmreihe „Maximal surreal“ ergründet ihre Wurzeln in der Tschecheslowakei. 

Es gibt bis heute kaum einen moderneren und mutigeren Film als dieses 1965 entstandene Schlüsselwerk um zwei gegen alle Konventionen rebellierende, junge Frauen: Tausendschönchen“ von Věra Chytilová 
Es gibt bis heute kaum einen moderneren und mutigeren Film als dieses 1965 entstandene Schlüsselwerk um zwei gegen alle Konventionen rebellierende, junge Frauen: Tausendschönchen“ von Věra Chytilová 1966 Filmove Studio Barrandov

Möglicherweise rotiert André Breton in seinem Grab. Oder er triumphiert. Die von ihm 1924 gegründete, zeitweilig wie eine krypto-stalinistische Splittergruppe verwaltete Kunstbewegung franst längst in alle Richtungen aus. Zu Lebzeiten hatte er sich noch relativ erfolgreich gegen die aus seiner Sicht missbräuchliche Nutzung des Markennamens wehren können: Als er 1966 verstarb, hatte er nahezu alle frühen Mitglieder ausgeschlossen, andere waren vorauseilend von selbst ausgetreten. Die von ihm forcierte Dekonstruktion entbehrt rückblickend nicht eines gewissen Humors, wirkt durchaus selbstironisch. Dass Begrifflichkeit und Praxis des Surrealismus gegenwärtig zum Gemeingut geworden sind, stellt im Umkehrschluss einen Triumph künstlerischer Freiheit dar, die Breton bestimmt gefallen hätte.

So viel Surrealismus wie jetzt war noch nie. Mit der umfangreichen „Nosferatu“-Hommage in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg und der Ausstellung „Surrealismus und Magie“ in Potsdam gibt es in der Region gleich zwei große Events zum Thema. Das Filmmuseum in Potsdam zeigt mit seiner begleitenden Retrospektive eindrücklich, dass sich der klassische Surrealismus eben nicht auf die Fixierung neuer Grenzen reduzieren lässt. Durch die radikale Freischaltung unbewusster Energieströme bereichert er bis heute den filmischen Formenkanon. Ohne die Leistungen eines Luis Buñuel, Man Ray oder Hans Richter wären die besten Arbeiten von Roy Andersson, Alejandro Jodorowsky oder David Lynch kaum denkbar.

Das Schlüsselwerk „Tausendschönchen“ von Věra Chytilová

Schön, dass in Potsdam mit zwei Beispielen auf den Sonderfall des tschechoslowakischen Surrealismus beziehungsweise seine Folgen hingewiesen wird. Bereits 1920 – also lange vor Breton – hatte der Theoretiker und Autor Karel Teige in Prag die Gruppe „Devětsil“ („Neun-Macht“) gegründet und einen radikalen „Poetismus“ gefordert. In Programmatik und Praxis eindeutig proto-surrealistisch, wurden die Kollegen von der Moldau (unter anderen der spätere Nobelpreisträger Jaroslav Seifert) bald von denen an der Seine anerkannt und in die surrealistische Bewegung integriert. Breton reiste 1935 höchstpersönlich nach Prag, um die Initiierung vorzunehmen.

Während der deutschen Okkupation ab 1938 und während des Stalinismus nach 1945 bewegte sich die Gruppe faktisch in der Illegalität, konnte deshalb aber von Breton auch nicht aus der Bewegung ausgeschlossen werden. Nach 1945 formierte sich sogar eine neue Generation. Deren berühmtestes Mitglied war (und ist!) Jan Švankmajer. Seine während der Erosion des Ostblocks entstandene Alice-im-Wunderland-Adaption findet sich ebenso im Programm wie „Tausendschönchen“ von Věra Chytilová. Es gibt bis heute kaum einen moderneren und mutigeren Film als dieses 1965 entstandene Schlüsselwerk um zwei gegen alle Konventionen rebellierende, junge Frauen. Nach 1968 lehnte seine Urheberin eine Kollaboration mit den neuen, von Moskau eingesetzten Machthabern ab. Ein jahrelanges Berufsverbot in Kauf nehmend, setzte sie die künstlerische Wahrheit über tagespolitischen Pragmatismus.

Surrealismus und Magie. Ausstellung im Museum Barberini Potsdam, noch bis zum 29. Januar 2023

Maximal surreal. Filmreihe, Filmmuseum Potsdam, noch bis zum 22. Januar 2023