Eines muss man RTL wirklich lassen: Das serienübergreifende Recyclingsystem läuft einfach wie geschmiert. Wer früher mal bei „Date or Drop“ mitgemacht hat, taucht später bei „Ex on the Beach“ wieder auf; wer mal bei „Take Me Out“ war, ist irgendwann auch im „Paradise Hotel“ zu sehen. Wie neonpinkes Kaugummi ziehen sich selbst ganze Beziehungsgeschichten durch die diversen Trash-Formate: kennengelernt beim „Bachelor“, die junge Liebe bei „Temptation Island“ auf die Probe gestellt, nur um schließlich „Prominent Getrennt“ in der gleichnamigen Show für Exbeziehungs-Dramen zu landen.

Wer im einen Dating-Format via Rauswahl fachgerecht entsorgt wurde, wird gereinigt und in der nächsten Serie wiederverwendet – ein funktionierender Verwertungskreislauf, auch ganz ohne Gelbe Tonne. Bei der zweiten Staffel „Are You The One? Realitystars in Love“, jetzt verfügbar auf dem Streamingdienst RTL+, drängt sich nicht nur die Weiterverarbeitungs-, sondern auch die Ursprungsfrage auf. Wo findet der Kölner Sender eigentlich die ganz neuen Kandidatinnen und Kandidaten? Also jene im Originalzustand, die ganz frischen und unverbrauchten, die später in den RTL-Recyclingkreislauf gehen?

Bei „Are You The One? Realitystars in Love“ sucht man diese jungfräulichen PET-Promis natürlich vergebens – jede und jeder war irgendwann schon einmal irgendwo; bei „Bachelor“, „Temptation Island“ oder „Prominent Getrennt“, selbst Leergut fremder Fernsehsender wird hier einem zweiten Leben zugeführt. Und trotzdem muss man sich verwundert fragen, wo RTL all die angeblichen Realitystars vor ihrer Trash-Karriere gefunden hat. Oder wurden sie vom Sender gleich selbst maschinell erstellt?

„Menschen müssen auch mal anders sein wie andere“

Sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer ähneln sich massiv, was nahelegt, dass es eine Art Manufaktur für solcherlei Fernseh-Figuren gibt; vermutlich unweit der Sender-Hauptzentrale in Köln-Deutz gelegen, oder in Hürth, wo ohnehin viele RTL-Formate entstehen. Bei der Promi-Produktion laufen verlässlich dieselben Typen vom Band: Je nach dem cis-genormten Geschlecht bestehen sie hauptsächlich aus Silikon und Lipgloss oder Bauchmuskelmasse und Haargel. Schaumolweiß gebleachte Zähne und viele Tattoos haben sie alle gemein.

Nein, das ist nicht ein und dieselbe Frau: Drei Kandidatinnen auf der Suche nach der ganz großen Liebe.
RTL+
Nein, das ist nicht ein und dieselbe Frau: Drei Kandidatinnen auf der Suche nach der ganz großen Liebe.

Das macht’s auch bei „Are You The One? Realitystars in Love“ natürlich nicht einfacher, all die Jennifers und Ginas, Kevins und Riccardos auseinanderzuhalten. Zumal die Show perfider Weise von Sophia Thomalla moderiert wird, die sich äußerlich betrachtet von den Kandidatinnen auch kaum abhebt. „Menschen müssen auch mal anders sein wie andere“, befindet trotzdem einer der Kandidaten, was ob der Gleichförmigkeit der Serienbesetzung nicht einer gewissen Komik entbehrt. Und auch in Charme und Habitus gleicht hier ein Ei dem anderen.

„Der war noch nie am Ballermann, das passt einfach nicht“

„Wenn ich Blondinen um mich habe, geht’s mir immer am besten“, grinst einer in die Kamera. „Ich bin ein Lamborghini und ich gehe auf 300 km/h“, sagt ein anderer. Ein weibliches Exemplar mit blonden Beach-Waves bringt auf den Punkt, was hier vermutlich viele denken: „In einer Beziehung ist mir super wichtig, dass mein Partner mit mir zum Ballermann fährt“; nach den ersten Balzversuchen mit einem willigen Waschbrettbauch stellt sie resigniert fest: „Der trinkt keinen Alkohol, der war noch nie am Ballermann, das passt einfach nicht.“

Ja, auch die Herren haben einiges gemeinsam: Die Kandidaten gleichen sich auch in Charme und Habitus.
RTL+
Ja, auch die Herren haben einiges gemeinsam: Die Kandidaten gleichen sich auch in Charme und Habitus.

Tatsächlich ist das Zusammenpassen gerade bei „Are You The One? Realitystars in Love“ entscheidend. Denn wer ein geeignetes Gegenüber findet, mit dem sich der Rest des Lebens – oder zumindest der Rest der Staffel gemeinschaftlich begehen lässt, kann sich nicht nur über die neu gefundene Liebe, sondern auch auf einen Batzen Kohle freuen. Das wird gleich zu Beginn der ersten Folge deutlich, als Retortenmoderatorin Sophia Thomalla mit einem Koffer voller Geld und Kondome hantiert. „Hoffen wir mal, dass die Gummis nicht platzen“, flötet sie in die Kamera, „und auch der große Traum von Liebe und Geld nicht.“ Haha.

„Ich habe schon alles weggeflankt, was es zum Wegflanken gibt“

Die Serie funktioniert nämlich so: Die Teilnehmenden haben vorab Fragebögen ausgefüllt, fachkundige Beziehungsexpertinnen und -experten kombinierten darauf basierend ideale Duos – den Kandidatinnen und Kandidaten sind diese Ergebnisse nicht bekannt. Im Verlauf der Sendung ist es ihre Aufgabe, eben jenes „Perfect Match“ zu finden. Sind am Ende der Staffel alle Ideal-Paarungen identifiziert, gewinnt die gesamte Gruppe 200.000 Euro – was bei insgesamt 20 Teilnehmenden jetzt auch nicht so wahnsinnig viel ist.

Manus und Maxis Mattscheibe

Unsere neue Kolumne widmet sich den blühenden Fernsehlandschaften von RTL und Co.: Was wird am Lagerfeuer im Dschungelcamp diskutiert? Warum wohnen im „Sommerhaus der Stars“ nur unbekannte Leute? Und wann bekommt Kader Loth endlich ihr eigenes Polit-Talk-Format? Im Wechsel besprechen unsere Autorin und unser Autor alles, was in der Trash-Szene gerade gut und wichtig ist.

Diese Woche schreibt Manuel, der sich als Stilredakteur eigentlich mit gutem Geschmack – privat aber viel lieber mit Geschmacklosigkeiten beschäftigt. Sein Credo beim Fernsehgucken? Wenn Sarah Knappik mitmacht, bin ich auch dabei.

Dafür wird ihnen viel Hilfestellung geleistet: Es gibt einschlägige Spiele, die bei der „Perfect Match“-Findung helfen sollen, sowie den sogenannten Boom-Boom-Raum, der ausschließlich für Sex genutzt werden darf – ein bisschen wie der „Begegnungsraum“ im Knast. Dass es zu diversen Besteigungsaktionen sicher kommen wird, zeichnet sich schon in der ersten Folge ab: Es wird geknutscht und gekuschelt, was das Zeug hält; die Damen reiben ihre Gesäße an den Schößen der Herren, die Männer klatschen den Frauen dankend auf den Po.

Nichts gegen solch süffisant-sexpositives Gebaren, wirklich – aber nach einer knappen Stunde Ringelpiez mit Angrapschen ist zumindest den Zusehenden jede Lust auf Körperlichkeit für Monate verdorben. Ähnlich wird’s womöglich auch einem Teilnehmer gehen, der sich nach Jahren des Extrembettsports eigentlich umorientieren will. „Ich habe schon alles weggeflankt, was es zum Wegflanken gibt. Jetzt gucke ich auch mal ein bisschen hinter die Fassade“, spricht er durch seine blendend weißen Zähne. „Ich bin voll romantisch geworden, ne?“

Are You The One? Realitystars In Love, RTL+, 2022, Reality-Serie, 21 Folgen. Die ersten beiden Folgen sind ab jetzt auf www.tvnow.de zu streamen.