Štěpán Altrichter: „Lasst uns mal weniger beschissene Filme machen!“

Štěpán Altrichter ist ein deutsch-tschechischer Regisseur. Und er klagt an: Der deutsche Film wird fatal gefördert, daher ist er auch so durchschnittlich. Ein Interview.

Štěpán Altrichter in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin Potsdamer Platz, Januar 2023.
Štěpán Altrichter in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin Potsdamer Platz, Januar 2023.Nikita Teryoshin

Der Regisseur Štěpán Altrichter macht Filme in Deutschland und Tschechien. Er weiß aus Erfahrung: In der Bundesrepublik regiert das Mittelmaß. Auf Kosten des Steuer- und Rundfunkbeitragszahlers. Der deutsche Film muss reformiert werden, sagt er.

Berliner Zeitung: Herr Altrichter, Sie sind ein Wandler zwischen den Welten, haben in Deutschland und Tschechien erfolgreich Filme gemacht und gehören zu den Jungen Wilden im zeitgenössischen Film. Ihr aktueller Spielfilm „Nationalstraße“ (OT: Národní trída, CZ/D 2019) nach dem gleichnamigen Roman von Jaroslav Rudiš kam im Sommer 2020 in die deutschen Kinos und wurde vom Feuilleton gut aufgenommen, nachdem er in Tschechien schon ein großer Zuschauererfolg war. Außerdem sind Sie der Mitbegründer der Agentur „Grob und Fahrlässig – Agentur für deutschen Humor – eines Konglomerats verschiedener Autoren, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, gute Komödie auch hierzulande zu kreieren. Um die Perspektive zu wechseln, was würden Sie sagen: Wie ist der Zustand des deutschen Films im Winter 2022?

Štěpán Altrichter: Meine ehrliche Meinung? Beschissen.

Können Sie das etwas ausführen?

Einerseits gibt es ja eine faktische, weltweit grassierende Krise im Kino. Es gibt immer weniger Zuschauer und eine Verschiebung Richtung Streaming-Dienste und Filmegucken auf der Couch. Anstatt dies aber als Chance zu sehen wie in anderen Ländern und diese auch zu nutzen, indem man auf diese Entwicklung mit neuen, frischen Filmen reagiert, verkriecht man sich in Deutschland in so einer Oldenburger Kreissparkassenmentalität. Jeder hat Angst, und es wird nur noch das gemacht, worauf sich wirklich auch alle einigen können. Bloß kein Risiko eingehen. Und das sowohl im Mainstream als auch im Arthouse. Hauptsache keine Experimente. Nur noch große Namen oder politischer Film, aber nur so einer, bei dem sich wirklich auch noch der letzte Abgeordnete von CDU und SPD darauf einigen könnte, dass das jetzt wichtig und richtig ist. Es gibt Ausnahmen natürlich, aber die entstehen nicht dank, sondern meist trotz des Systems.

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Foto: Nikita Teryoshin
Zur Person
Štěpán Altrichter wurde 1981 in Brno geboren, in der Tschechischen Republik. Er wuchs in Prag und Konstanz am Bodensee auf, wo sein Vater, ein Dirigent, 1993 eine Stelle annahm. Später studierte er Philosophie und Psychologie (FU Berlin) und Regie (Filmuniversität Babelsberg). Schon während des Studiums sorgten seine Kurzfilme wie „Did Michael Knight End the Cold war?“ oder „Aleyna - Little Miss Neukölln“, für den er den Robert-Geisendörfer-Preis gewann, für Aufmerksamkeit. Es folgte der Kinospielfilm „Schmitke“ mit Peter Kurth und die ZDF/ARTE-Koproduktion „Nationalstraße“. Štěpán Altrichter lebt und arbeitet in Berlin, von wo aus er den Film „Runner“ mit Peter Kurth vorbereitet. Vor kurzem gründete er die „Grob und Fahrlässig – Agentur für deutschen Humor“ mit, die sich für gute Komödie auch hierzulande einsetzt. Website: https://agentur-fuer-deutschen-humor.com/

Haben Sie ein Beispiel?

Meine Oma hat immer gesagt, bevor du was Schlechtes über jemanden sagst, sag lieber gar nichts. Meine Oma war eine tolle Frau, sie musste als junges Mädchen in Brünn für die Nazis Granaten bauen und hat am Laufband meinen Opa kennengelernt. Deswegen verdanke ich den Deutschen letztendlich meine Existenz. Ich will hier also nicht meckern. Ich antworte lieber mit einer Gegenfrage: Wann haben Sie das letzte Mal einen wirklich guten deutschen Film gesehen, der knallt? Und wie viele?

Sagen Sie doch mal. Fällt Ihnen nichts Gutes ein?

Doch. „Systemsprenger“, „Victoria“, „Toni Erdmann“ oder dieses Jahr „Piaffe“. Aber das sind wirklich Filme, die nicht wegen, sondern trotz des Systems entstanden sind, meist auf Selbstausbeutung beruhend und unterfinanziert. Die Arbeitsbedingungen sind ein weites Feld, das wir hier gar nicht ausreichend beleuchten könnten. Aber es gibt Studien darüber … Auffallend ist: Die meisten meiner Meinung nach guten, interessanten, innovativen Filmstoffe werden im Keim erstickt. Einen richtigen Knaller aus Deutschland gab es deswegen nicht, weder im Mainstream noch auf einem internationalen Festival. Dafür aus Polen, Ungarn, Frankreich. Und das liegt überhaupt nicht an mangelndem Talent oder mangelnden Geschichten.

Woran liegt es dann? Kann es sein, dass es einfach nicht genug Geld für alle Ideen gibt?

Geld gibt es mehr als genug. Wenn ich mich nicht täusche, gibt es bis auf Frankreich nirgendwo mehr Filmförderung als in Deutschland. Dazu kommen noch 8,4 Milliarden Euro Rundfunkgebühren. Es wird nur völlig einseitig verteilt.

Ist der Mainstream-Anspruch also das Problem? Das Pochen auf sichere Erfolge?

Der Mainstream-Anspruch hat ja seine Berechtigung. Darum geht es nicht. Es soll solches und solches Kino geben. Aber unabhängig davon bekommt man den Eindruck, dass der deutsche Film mittlerweile den Charme, die Wagnis und die Sexyness einer Vorperestroika-Kolchose versprüht. Bloß nichts riskieren, auf Sicherheit setzen, ein paar gerade in Mode gekommene politische Schlagwörter dazumischen, aber bloß nicht so, dass es jemandem wirklich aufstoßen könnte. Dann lieber noch eine Krimi-Reihe mehr oder ein Film mit Til Schweiger, die doch alle nach dem gleichen Strickmuster funktionieren. Und so gehen unglaublich große Summen, sowohl vom Steuerzahler finanziert bei den Filmförderungen als auch von den Rundfunkgebühren beim Fernsehen, einfach an die immer gleichen Sachen – und was noch schlimmer ist, an die immer gleichen Leute. Ich wage zu behaupten, dass so großartige Regisseure wie Maria Schrader, Fatih Akin, Christian Petzold heute keine Chance mehr hätten, mit ihrem eigenen Stil durchzukommen. Sie kommen aus einer anderen Zeit, in der Wagnis noch möglich war.

Was sollte es stattdessen geben? Haben Sie eine Vision?

Die Menschen in Deutschland sind so vielfältig, es gibt so viele Probleme und interessante Themen in diesem Land, aber es gibt fast nur einen Typ von Film. Dabei lechzen die Menschen doch nach guten Stoffen, nach aufregenden Filmen. Aber man traut sich nicht, diesen Menschen gute, relevante, interessante Filme zu geben. Dabei sind die Stoffe und die guten Regisseure in Deutschland durchaus vorhanden. Sie werden nur nicht ausreichend gefördert. Und das ist meine Kritik.

Stepan Altrichter will einfach ein bisschen experimentieren.
Stepan Altrichter will einfach ein bisschen experimentieren.Nikita Teryoshin

Aber es kommen doch immer mehr Filme auf den Markt, die LGBTQ oder Migration thematisieren.

Das kommt schon mal vor. Aber in Wahrheit sind das Lippenbekenntnisse. Äußerlich will man sich jetzt bunt zeigen. Aber die Strukturen in den Fernsehanstalten und Fördergremien erinnern an Kohl 1980 und an Sauerbraten. Jörg Fauser hat es in seinem Buch „Rohstoff“ schon 1984 schön beschrieben: „Was uns zu schaffen machte, war dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße, die sie mit ihren Kulturprodukten servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des (heute letzten) Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison.“ Besser kann man es nicht ausdrücken. Aber klar, nicht alles ist schlecht: Man fängt an, uns Ausländer anzusprechen oder Kolleginnen zu pushen. Man fängt an, queere Themen zu behandeln. Und so weiter. Aber es wirkt wie eine Pflichtübung, nicht wie Kreativität. Es bleibt schwierig, wenn die Machtstrukturen immer noch zu 90 Prozent bei westdeutschen, alten Akademikerkreisen bleiben, die inhaltlich und identitätspolitisch von unserer Lebenswelt keinen blassen Schimmer haben. Man könnte argumentieren, dass Kinogänger eher älter und konservativer sind und daher so ein Kino möchten. Meiner Meinung nach haben aber auch diese Leute genug von der Ästhetik des deutschen Films, die in etwa der eines standardisierten Bahnhofs der deutschen Bahn entspricht. Blau und Grau. Und selbst wenn nicht, gibt es ja genug von diesen Filmen, so dass man auch mutiger und mannigfaltiger produzieren könnte. Einfach diverser. Ein Positivbeispiel aus dem Ausland als Exempel dafür, wie es gehen könnte: Channel 4 in Großbritannien macht großartige Arbeit und hat viel weniger Geld zur Verfügung als die Deutschen. Selbst die tschechische Filmförderung funktioniert mit einem Bruchteil des Geldes wesentlich besser und effizienter. Oder die polnische, ungarische …

Wo ist also das Grundproblem?

Die Probleme sind mannigfaltig, viele Entscheidungsträger haben einfach Angst vor dem Wagnis, vor der Möglichkeit eines Misserfolgs. Ich habe in Deutschland auch noch keinen in der Branche getroffen, der das System wirklich gut finden würde – inklusive die Förderer und Sender selbst, da sind ja tolle Leute drin. Aber keiner traut sich, den entscheidenden Schritt zu tun: etwas zu riskieren. Etwas zu ändern.

Können Sie das genauer beschreiben? Nehmen wir die Filmförderung: Woran hakt es?

Bei der Filmförderung ist es so, dass es dort viele Menschen gibt, die sich wirklich bemühen um guten deutschen Film. Und ironischerweise haben die auch sehr viel Geld. Das Problem ist, dass das deutsche Förderungssystem, das aus dem Oberhausener Manifest entstanden ist, jetzt etwas bewirkt, was eigentlich das Gegenteil von seinem ursprünglichen Zweck realisiert. Und zwar: Es fördert nicht die Filmkultur, sondern hemmt sie.

Wie meinen Sie das?

Die Probleme sind wie ein Spinnennetz, in dem die Akteure der Filmförderung gefangen sind. Das Ergebnis ist, dass es nicht Talente fördert, was es sollte, sondern am Ende nur übrig bleibt, was angepasst ist. Und zwar nicht aus bösem Willen, sondern aufgrund der Vertracktheit des Fördersystems. Das Ergebnis ist auch, dass am Ende nur Stoffe und damit Menschen Zugang haben, die den vielen, meist älteren Entscheidungsträgern, die aus einer bestimmten Bildungsschicht kommen, gefallen und die in Wort und Schrift schön geschrieben klingen und wirtschaftlich sind. Ein paar Beispiele: Es gibt Länder- und Bundesförderungen. Die Länderförderungen sind gefangen in einem Diktat der Wirtschaftlichkeit. Die Ausgestaltung in den Landesförderungen wirkt wie ein Steuerrecht, das sich verrannt hat. Die Regularien der Filmförderung sind zu einem Bürokratiemonster geworden. Es ist fast unmöglich geworden, einen kleinen Film ohne Beteiligung eines Fernsehsenders zu machen. Noch konkreter: Ein Regisseur mit einem spannenden Stoff, der seinen Film ins Kino bringen will, muss einen Fernsehsender dazu bringen, dass er den Film mitfinanziert. Dabei ziehen sich aber die Fernsehsender ja eigentlich aus dem Kinogeschäft zurück und wollen ihre Mediatheken mit Eigenproduktionen stärken. Dahin fließt das Geld. Hinzu kommt noch ein kurioser Umstand, der jungen Film quasi von Anfang an lahmlegt: Eine Landesförderung reicht meistens nicht aus. Man muss mehrere Landesförderungen begeistern. Das Problem: Es gibt einen Flickenteppich aus Landesförderungen, die alle Dreharbeiten in ihrem Bundesland haben wollen und vor allem wirtschaftliche Förderungen sind, eben nicht Kulturförderungen, also im Grunde Arbeitsplätze in der Filmbranche fördern und daher oft große Produktionen unterstützen, die eigentlich keine Förderung brauchen. Wenn man keinen großen Namen hat, fehlt einem der Grundsupport bei den Bundesförderern, wenn man kein großes Budget hat bei den Landesförderern. Alle Landesförderer warten also darauf, dass ein anderes Bundesland zusagt, bevor sie ein Projekt unterstützen, um nicht alleine dazustehen und kein großes Risiko einzugehen. Und wenn das hier wie Kafkas Schloss klingt, ist es deswegen, weil es genauso absurd ist. So beginnt der Teufelskreis, der schon den Start eines jungen Regisseurs, einer jungen Regisseurin ins Berufsleben ad absurdum führt. Das kann also schon mal nur der oder die machen, der oder die vor allem gut darin ist, exzellente Anträge zu schreiben und am besten aus einem Haushalt kommt, in dem man kein Geld verdienen muss, denn man muss hier etwa drei Jahre Vorarbeit leisten, die nun einmal entweder die Eltern zahlen oder das Jobcenter, denn sicherlich ist dies nicht neben einem Fulltimejob zu leisten. Wenn man dann auch noch ein Kind kriegt, kann man es gleich vergessen. Außerdem muss man zum Teil haarsträubende Entscheidungen treffen, etwa einen komplett in einer Stadt stattfindenden Film in ein anderes Bundesland verlegen, Filmteams, die eingespielt sind, auseinanderreißen und so weiter. Nur um den regionalen Filmförderungen mit ihrem rein wirtschaftlichen Anspruch gerecht zu werden. Und all das dauert Jahre, involviert zig Gremien, und bei all dem einigt man sich immer nur auf das, auf das sich wirklich auch alle einigen können. Zig Menschen sprechen in die Entstehung eines Films rein, die zum großen Teil nichts mit Film zu tun haben. Und das ist nur eine kleine Sneak Peak des Fördersystems.

Štěpán Altrichter in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin Potsdamer Platz, Januar 2023.
Štěpán Altrichter in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin Potsdamer Platz, Januar 2023.Nikita Teryoshin

Und wie sieht es mit der Bundesförderung aus?

Es gibt zwar bundesweite Kulturförderungen, die von ihrem System und Ansatz her richtig funktionieren, sodass sie etwa als Einzige überhaupt einen Kultur- und keinen Wirtschaftsauftrag haben, sodass Filme nicht von Bürokraten, sondern von Filmemachern ausgesucht und gefördert werden. Aber diese haben notorisch lächerlich wenig Geld und kriegen eben nicht mal einen Film komplett finanziert. So kann das Kuratorium Junger Deutscher Film nur eine Handvoll Filme pro Jahr mit lächerlichen Summen symbolisch unterstützen. Man müsste eigentlich das Filmförderungsgesetz reformieren, das wissen ja seit Jahren alle Akteure, denn dieses System produziert nicht nur die immer gleichen Filme, sondern – Überraschung – findet immer weniger Publikum und wird international auf den Festivals belächelt. Doch diese Reform wird seit Monika Grütters Zeiten vor sich hergeschoben. Somit werden Hunderte von Millionen von Steuergeldern herausgeblasen für Filme, die keiner braucht. Subventionen, die null auf Innovationen setzen, die großen Player – unter anderem amerikanische Studios – begünstigt und nicht mittlere und kleine deutsche Firmen mit Wagnissen. Die Filmförderung könnte man mit Subventionen vergleichen, die nicht in kleine Tech-Start-ups fließen, sondern als würde man 400 Millionen Euro dazu verwenden, bei VW weiterhin Verbrennungsmotoren zu produzieren. Diese großen Produktionsfirmen müssen im Übrigen, wenn sie Gewinn machen, keine Provision an den Staat zurückzahlen. Wenn sie aber Verlust machen, müssen sie gar nichts zahlen. Diese Firmen schaffen zwar Arbeitsplätze, aber die Frage ist, ob nicht genauso gut deutsche Filmemacher, die frische Geschichten machen, die Leute wirklich sehen wollen, Arbeitsplätze schaffen könnten. Und ob das Förderungsverhältnis richtig ist. Während ein US-Film eine Million Euro Förderung kriegt, bekommt ein deutscher innovativer Film, wenn es gut geht, 150.000 Euro. Weil es eben nach der Wirtschaftlichkeit geht. Ergebnis ist: Wir schaffen hier viele Arbeitsplätze im untersten Sektor, aber kreative und leitende Funktionen und eben auch die Narrative bleiben den Amerikanern vorbehalten oder Menschen aus hohen Gesellschaftsschichten, die sich so ein Leben leisten können. Und deren Geschichten werden dann eben auch im Kino und TV erzählt.

Sie kritisieren aber auch die Bürokratie?

Ja. Ich finde die Bürokratie wahnsinnig unproduktiv. In Deutschland funktioniert die Förderung so, dass man oft bis zu zehn Kopien von Hunderten Seiten von Formularen beim Statistischen Bundesamt abgeben muss und die Diskussion über Filmstoffe einfach auf Papier, also nur thematisch, stattfindet wie bei einer Dissertation und dass nicht über filmische Stilmittel gesprochen wird. Möchte man zum Beispiel keine dialog- oder themengetriebene, sondern eine bildliche Idee umsetzen, wird es schwierig. Nehmen wir zum Beispiel „Piaffe“. Der Film lief in Locarno im Wettbewerb und gilt als große deutsche Hoffnung. Er sorgte für Aufsehen. Dieser Film wurde lediglich vom Bundeskulturministerium mit einer Förderung unterstützt. Nur das. Sonst nichts. Er ist also mit vielen privaten Mitteln und Beistellungen entstanden. Es ist ein kleines Wunder, dass dieser Film überhaupt gemacht werden konnte und dieses Jahr in die Kinos kommt. Und andere Menschen haben vielleicht keine Möglichkeit, private Mittel und Beistellungen zu generieren.

Stepan Altrichter mag den Perspektivwechsel.
Stepan Altrichter mag den Perspektivwechsel.Nikita Teryoshin

Was wäre die Lösung?

Die Lösung wäre relativ einfach. Man dürfte kein Weiter-so akzeptieren, keine Kompromisse von allen Beteiligten. Wer profitiert denn von diesem Filmförderungssystem? Noch einmal: Das Problem ist nicht mangelndes Geld oder Wille. Die sind da. Das Problem heißt Zugang. Zu dem aktuellen System hat nur eine kleine gebildete, meist deutsche oder eingedeutschte konforme Schicht Zugang. Wir nicht. Da haben sie das gleiche Problem wie bei den Silvesterausschreitungen. Das Beispiel Frankreich zeigt, wie es geht. Da gibt es solche und solche Förderungen. Aber es gibt genug Fördersummen, die nur auf Grundlage von filmischer Qualität entschieden werden. Deswegen ist ihr Kino auch besser. Das Bundeskulturministerium müsste also gestärkt werden. Das Kuratorium. Die kommerzielle Filmförderung sollte heruntergefahren werden. Die Förderungskommissionen sollten mit jungen, bunten, migrantischen Filmenthusiasten besetzt werden. Frau Kulturministerin Claudia Roth hat jetzt die einmalige Chance, mit einer echten Vision den Paukenschlag zu machen und echte Kultur zu fördern. Schließlicht geht es bei der Kunstförderung nicht um Autos, wo es um Sicherheit und Stabilität geht, sondern um Mut und Kreativität und vor allem darum, Menschen eine Stimme zu geben, die in den großen Behörden und Firmen keine Stimme haben. Man müsste die Wirklichkeit der meisten Menschen reflektieren. Ein polnischer Film wie „Cold War“ würde in Deutschland nicht produziert werden. Warum? Er ist in Schwarz-Weiß gedreht, anspruchsvoll, basiert nicht auf Dialog. Vielen deutschen Kommissionen wäre das zu experimentell. Zur Erinnerung: Der Film hat am Ende in Cannes die beste Regie gewonnen. Oder „Titane“ von Julia Ducornau, die goldenen Palme von Cannes vom letzten Jahr. Dieser Film erhielt Förderung aus so weit ich weiß Frankreich, Belgien, Polen, England, EU-Mitteln, aber in Deutschland würde so ein Film nicht gefördert werden, wage ich zu behaupten.

Was ist mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern? Die müssten doch junge Kräfte fördern.

Während die Öffentlich-Rechtlichen 8,4 Milliarden pro Jahr einnehmen, geht nur ein Bruchteil dessen ins Programm. Und damit sind noch nicht einmal Filme gemeint. Auch hier sind die Redakteure nicht besonders jung und divers, wenn man das freundlich ausdrücken möchte. Sie stehen außerdem unter einem großen Quotenzwang. Viele, die es gut meinen, haben Angst, weil sie es mit dem Privatfernsehen aufnehmen sollen.

Warum ist der deutsche Film so durchschnittlich? Altrichter weiß es.
Warum ist der deutsche Film so durchschnittlich? Altrichter weiß es.Nikita Teryoshin

Und das Kleine Fernsehspiel? Eine Ausnahme?

Ja, eine Ausnahme. Das ist ein gutes Beispiel für eine Redaktion, die ihre Aufgabe, junges Kino zu fördern, ernst nimmt – mit guten Leuten, die aber das Problem hat, dass es neben ein, zwei anderen Redaktionen fast die einzige Redaktion ist, die Experimente machen darf und wo dann eben alle hingehen müssen, die irgendeine filmisch neue Idee haben. Es ist ein absolutes Nadelöhr. Die müssten zehnmal so viel Geld haben, um wirklich gut arbeiten zu können. Früher haben andere Redaktionen auch Kino gemacht, heute dürfen sie es kaum, oder das Geld ist nun in den Krimis und den Formaten. Es gibt noch die „Debüt-im-Dritten“-Redaktionen, Redaktionen beim HR, WDR, BR; aber wirklich nur eine Handvoll mit extrem niedrigen Budgets und unter enormen Zwang. Da sitzen zwar gute Redakteure drin, aber selbst ihnen sind die Hände gebunden. Und da dieses Fördersystem und diese Redaktionen die einzigen Möglichkeiten sind, Geld zu kriegen, müssen sich auch die Produzenten nach ihnen richten. Und dann haben auch die Streamer Schwierigkeiten, gute neue Stoffe zu finden, denn das ganze System ist in Richtung „konservativ“ ausgelegt, hinkt 20 Jahre hinter unserer Lebenswirklichkeit her. Und dabei sag ich: Es gibt da draußen die guten junge Leute, man müsste uns einfach nur machen lassen. Wenigstens ein bisschen von dem, was die großen Player für ihre sicheren Kommerzprodukte kriegen in den Nachwuchs und innovative Ideen, in die Zukunft stecken. Uns eine Chance geben. Vertrauen, dass die Jungen auch mal ran können. Dann sieht man schon recht schnell, ob die Filme was taugen oder nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

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