Die champagnerhafte Welt der Emily: Wie ist die neue Staffel „Emily in Paris“?

Sie wird gehasst und gebingt wie keine andere Netflix-Serie. Warum polarisiert „Emily“ so sehr? Und was hat die dritte Staffel zu bieten?

Emily am Pool in Paris
Emily am Pool in ParisMarie Etchegoyen/Netflix

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Nicht alles Champagner, was blubbert. Und auch nicht alles Paris, was wie Paris aussieht. „Emily in Paris“, eine der meistgeguckten Netflix-Serien überhaupt, hat seit der ersten Staffel vor zwei Jahren sehr viel Spott und Häme einstecken müssen. Nicht nur bei uns, aber auch: Die „vielleicht dümmste Serie in der Geschichte von Netflix“ hieß es seinerzeit in der Berliner Zeitung über „Emily in Paris“ und dann sogar: „Das ist keine Serie, das ist ein Unfall.“ Es stimmt: Die Franzosen hassen „Emily“. Wie konnte es nur so weit kommen? Und warum gucken trotzdem (fast) alle weiter?

Für diejenigen, die die ersten beiden Staffeln verpasst haben: „Emily in Paris“ dreht sich um das mehr oder weniger fabelhafte Leben der jungen Social-Media-PR-Expertin Emily Cooper (gespielt von Phil Collins’ Tochter Lily Collins) aus Chicago, die durch einen Zufall nach Paris versetzt wird, ohne auch nur das Wort „Croissant“ korrekt aussprechen zu können. Geschweige denn einen ganzen Satz auf Französisch. Emily ist jung, naiv, freundlich, überambitioniert und ein Magnet für Fettnäpfchen. Sie trägt mindestens sieben Vogue-Cover-taugliche Outfits pro Tag, hat aber ansonsten keinen Schimmer vom französischen Savoir-vivre.

All das kollidiert naturgemäß im Kollegium der PR-Firma mit dem bezeichnenden Namen „Savoir“. Allen voran mit Sylvie, der Chefin der Paris-Dependance, wunderbar überheblich-glamourös gespielt von Philippine Leroy-Beaulieu. Bei ihr könnte sogar Prada-Teufelin Meryl Streep noch in die Lehre gehen. Davon abgesehen verknallt sich Emily in Gabriel, der eine Etage unter ihr (unweit des Panthéons) wohnt und, wie es sich für einen Franzosen gehört, Chef eines französischen Restaurants ist – das sich zufällig nur ein paar Meter entfernt befindet. 

Im real existierenden Paris befindet sich an dieser Stelle auch ein Restaurant, eigentlich ein italienisches, aber egal! „Emily in Paris“ kredenzt uns eine French-Kitsch-Version von Paris, alles sehr formidable, alles sehr chic, alles sehr oh, là, là. Und daran kann man sich natürlich stören: Das Leben von Emily hat mit dem Alltag der meisten Menschen im echten Paris so wenig zu tun wie eine Dior-Runway-Show mit der Alltagskleidung aus dem nächstbesten Metrowaggon. Armut, Obdachlosigkeit, Rassismus, Gelbwesten? Gibt's alles nicht bei „Emily in Paris“. Alles picture-perfect weggefiltert, gülden wie Champagner.

In Japan spricht man inzwischen (nicht erst seit „Emily“, sondern schon seit „Amélie“) vom Paris-Syndrom: die Stadt, die mehr als alle anderen märchenhafte Erwartungen wecke, die dann bei einem Urlaub dort zunichte gemacht werden. Wer etwas über die soziale Realität von Paris erfahren will, bei dem hat „Emily“ von vornherein verloren. Gewinnen kann man hier hingegen nur mit Bock auf guilty pleasure, pardon, auf plaisir coupable. Denn: „Emily“ ist Eskapismus deluxe. Obwohl uns die dritte Staffel auch mal ein paar Pariser Mülltonnen hier und da gönnt.

Und einen Gewissenskonflikt: Denn Emily weiß nicht, ob sie bei ihrem alten Arbeitgeber bleiben soll oder bei der neu gegründeten Luxusagentur von Sylvie. Workaholic, die sie ist, macht sie einfach parallel beide Jobs und verheimlicht der jeweiligen Konkurrenz ihr Doppelagentinnentum. Apropos Geheimagentin: Auch in Sachen Produktplatzierung steht Emily inzwischen James Bond in nichts nach, bis hin zum McLaren-Flitzer im Lavendelfeld, bien-sûr. Inspiration bekommt Emily im Anfänger-Französischkurs, den sie offenbar auch im dritten Jahr Paris noch besucht: Sartre, so die Lehrerin, warne davor, dass auch eine Nichtentscheidung eine Entscheidung sei.

Insgesamt tritt die dritte Staffel etwas auf der Stelle. Allzu viel passiert nicht. Wie gehabt lächelt Emily am Ende jeder Szene die Konflikte weg, und Sylvie guckt vernichtend-kritisch drein. Wem das zu doof ist: geschenkt. Aber bitte fair sein: Emily macht sich nicht über „die Franzosen“ lustig: die Schwulen, die Amis, die Fashion-Welt – alle werden sie durch den Crémant gezogen, aber nicht gehässig, sondern liebevoll-kritisch und amüsant. Ein guter Gute-Laune-Binge-Watch für die langen Zugfahrten zwischen den Jahren allemal. Funktioniert sogar mit Billo-Sekt statt Champagner. 

Emily in Paris. Staffel 3, 10 Episoden à 30-40 Minuten, Netflix


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