„The Playlist“: Netflix erzählt die Geschichte von Spotify

Den einen gilt die Streaming-Firma Spotify als Retter, den anderen als Zerstörer der Musikindustrie. Auch die Serie zeigt: Es ist kompliziert.

Spotify-Gründer Daniel Ek (gespielt von Edvin Endre) in einer Szene aus „The Playlist“
Spotify-Gründer Daniel Ek (gespielt von Edvin Endre) in einer Szene aus „The Playlist“Netflix

„Niemand sollte eine solche Macht über Musik haben“, dachte sich ausgerechnet Daniel Ek, als er als Kind all seine Münzen zusammenklaubte, um seiner alleinerziehenden Mutter die Single „A Little Respect“ von Aretha Franklin zu kaufen und angesichts der Münzenmasse vom Verkäufer verächtliche Blicke erntete. So zumindest erzählen es die Macher der schwedischen Netflix-Serie „The Playlist“, inspiriert von dem Buch „Spotify Untold“ von den schwedischen Investigativjournalisten Sven Carlsson and Jonas Leijonhufvud. Ganz so trug es sich wahrscheinlich nicht in Wirklichkeit zu. Doch die Anekdote eignet sich gut als Einleitung zu einer Geschichte, die von 2002 bis in unsere Gegenwart reicht, in der wohl niemand mehr Macht über Musik hat als Daniel Ek.

Die Serie beginnt, wie die meisten Startup-Erzählungen (zuletzt: Apples „weCrashed“ über das Co-Working-Imperium „weWork“), mit dem Gründer, seiner Vision und seinem Kampf gegen Widerstände. Die Zuschauer lernen Daniel Ek (Edvin Endre) als Anfang-Zwanzigjährigen Programmierer mit schütterem Haar kennen, dessen reale soziale Kontakte sich auf regelmäßiges Kaffeetrinken bei seiner Mutter zu beschränken scheinen. Die Klischees über Menschen in der IT-Branche sind damit schon mal erfüllt. Eks Figur wird schließlich auf subtile Art komplexer, letztendlich bleibt der Mensch hinter der Firma aber Nebensache. Er ist nur einer von vielen Baustein einer Geschichte, die nicht nur von einem Unternehmen, sondern einer ganzen Branche handelt, die den emotionalen Alltag vieler Menschen mitprägt.

Von Spotify sollten alle profitieren

Was vielen nicht mehr ganz präsent sein dürfte: Anfang der Nuller Jahre ging es der Musikindustrie schlechter als heute. Junge Menschen wollten kein Geld mehr für CDs ausgeben, die es digital im Netz kostenlos gab. Sie luden ihre Musik bei Online-Tauschbörsen runter, was zwar offiziell illegal war, praktisch aber kaum geahndet wurde. Die Nachteile für die Nutzer: Lange Ladezeiten, eine schlechte Nutzeroberfläche, Porno-Werbung en masse, und, bei manchen von ihnen, ein schlechtes Gewissen. Die Nachteile für die Musikindustrie: sinkende Einnahmen, was unter anderem Entlassungswellen bedeutete. In dieser Situation kam Daniel Ek mit seiner Idee zunächst als Messias daher: Im Gegensatz zu „Napster“, „Pirate Bay“ und Co. sollten von Spotify alle profitieren. Die Nutzer, die Plattenfirmen und die Künstler.

Was aus dieser Wunschvorstellung in der Realität geworden ist, erzählt die Serie aus sechs Perspektiven in jeweils einer Folge. Die Protagonisten nach Ek sind der Plattenboss von Sony Schweden (Ulf Stenberg), die Spotify-Anwältin (Gizem Erdogan), die mit ihm und anderen um die Musikrechte verhandelt, der erste Programmierer der Firma (Joel Lützow), Eks Geschäftspartner Martin Lorentzon (Christian Hillborg) und schließlich eine Sängerin (Janice Kavander), mit der Ek schon zur Schule gegangen ist und die als eine der Ersten ihre Musik bei Spotify zur Verfügung stellt.

Alle Figurenerzählungen haben ihren eigenen filmischen Stil. Das gerät manchmal etwas abgeschmackt, zum Beispiel wenn die Einsen und Nullen um den Kopf des Coders kreisen, mitunter aber auch sehr wirkungsvoll. So etwa wenn in der Geschichte der Anwältin, die niemals still stehen kann und atemlos vom Büro, in die Kneipe, ins Flugzeug, ins Hotel jettet, Sound, Kulisse und Dialoge bewusst durcheinandergeraten.

Am Ende steht das ambivalente Bild eines Unternehmens mit heute knapp 200 Millionen zahlenden Abonnenten, das auf technischen Meisterleistungen basiert, die Menschen mit dem Ideal vollbracht haben, dass das Kulturgut Musik für alle Menschen frei zugänglich sein sollte. Einfach, weil es geht. Ein Unternehmen, das bis heute keine schwarzen Zahlen schreibt, auch weil es 70% seiner Einnahmen an die Musiklabels abgibt. Und auch ein Unternehmen, deren Gründer mehrfacher Milliardär ist und das Künstlern im Schnitt 0,3 Cent pro gestreamtem Song zahlt. All das stellt die Serie nebeneinander. Nicht immer filmisch und schauspielerisch überzeugend, aber doch interessant genug, dass man bis zum Ende dranbleiben will. Und nach der allerletzten, sehr überraschenden Szene, grübelnd zurückbleibt.

Wertung: 3 von 5 Punkten

The Playlist, Miniserie, 6 Folgen, ab 13.10. bei Netflix