Das Licht am Spiegel ist grell, viel zu grell für Tully (gespielt von Katherine Heigl). Es lässt die 42-jährige Moderatorin müde aussehen, dabei fühlt sie sich doch fit. „Soll ich mir die Augenlider liften lassen?“, fragt sie ihre Freundin Kate (Sarah Chalke) am Telefon später. Doch die 44-jährige Hausfrau ist mit dem Falten der trockenen Wäsche beschäftigt und hat keine Zeit für rhetorische Fragen. Das Leben in den Vierzigern, demonstriert die neue Netflix-Serie „Immer für dich da“, verläuft bei jedem anders. Besonders bei Kate und Tully.

Basierend auf Kristin Hannahs Roman „Firefly Lane“ zeigt das die Serienmacherin Maggie Friedman in zehn Episoden gut – auch wenn die Folgen teilweise klischeebehaftet und etwas langatmig sind. Denn viel bemerkenswerter ist, dass Friedman den fiktiven und realen Frauen eine wichtige Möglichkeit gibt: Die Chance, ein Frauenbild zu präsentieren, das nicht nur in der Jugend vielseitig und komplex ist. Und Friedman ist nicht allein damit.

Foto: Netflix
Katherine Heigl fühlt sich in „Immer für dich da“ nicht alt.

Während sich noch vor sechs Jahren viele prominente Schauspielerinnen und Produzentinnen darüber beschwerten, dass Frauen über 40 keine angemessenen Jobs mehr bekämen und wenn, diese nur „Hexenrollen“ seien – wie Meryl Streep der Wochenzeitung Die Zeit einmal sagte – sind in den letzten Monaten immer mehr Serien auf Streaming-Plattformen erschienen, die sich mit Frauen in einem höheren Alter beschäftigen und von solchen auch verkörpert werden.

„Süße Magnolien“ wurde bereits verlängert

„Süße Magnolien“ von der Drehbuchautorin Sheryl J. Anderson ist ein weiteres Beispiel. In der Netflix-Serie stellen die 41-jährige Joanna García und ihre jeweils 46-jährigen Kolleginnen Heather Headley und Brooke Elliott drei Freundinnen in einer amerikanischen Kleinstadt dar, die mit Trennung, Erziehung und beruflichen Herausforderungen kämpfen. Während García dabei eine eher zurückhaltende und etwas unsichere Mutter spielt, sind Headley und Elliott die durchsetzungsstarken Karrierefrauen der Stadt. Die Geschichte basiert auf der gleichnamigen Buchreihe von Sherryl Woods und wurde bereits um eine Staffel verlängert.

Foto: Netflix/Eliza Morse
Brooke Elliott (l.), Joanna García und Heather Headley geben in „Süße Magnolien“ ein tolles Frauen-Trio.

Der Plot mag an TV-Klassiker wie „Sex and the City“ oder „Desperate Housewives“ erinnern, in denen ebenfalls Frauen zwischen 30 und 40 im Mittelpunkt stehen. Doch schaut man genauer hin, waren in den jeweils ersten Staffeln die Figuren sowie die Darstellerinnen nicht so alt wie in „Süße Magnolien“ oder „Immer für dich da“. Und zwischen all den populären Serien mit deutlich jüngeren Frauen in den Hauptrollen, war das Alter wohl nur in der Rentner-Show „Golden Girls“ aus dem Jahr 1985 en vogue, da aber vor allem als etwas Skurriles.

Neben den bereits genannten Titeln sind mittlerweile auch in „Fuller House“, „Gypsy“ oder „How to Get Away with Murder“ Frauen über 40 zu sehen. Symptomatisch sind es meist Frauen, die solche Serien ermöglichen –  Romanvorlagen, Ideen, Drehbücher, Produktionen. Blickt man auf die Dramen „Big Little Lies“, „Little Fires Everywhere“ und „The Morning Show“, die hierzulande auf Amazon Prime Video, Apple TV und Sky laufen, findet sich sogar dieselbe Frau hinter und vor den Kulissen: Reese Witherspoon spielt eine der Hauptrollen und produziert die Serien zugleich. Sie gehört damit zu einer Riege von Frauen, die mit Anfang 20 noch nette Mädchen verkörperten und nun im Serien-Business deutlich agieren. Charlize Theron („Mindhunter“) und Nicole Kidman („The Undoing“) sind hier ebenfalls zu nennen, Margot Robbie wagt den Schritt in die Selbstständigkeit sogar schon mit 27 Jahren, als sie den preisgekrönten Spielfilm „I, Tonya“ mitproduzierte.

Das Image der verzweifelten (Haus-)Frau ist passé 

Den Weg dorthin haben Robbie aber sicher ihre älteren Kolleginnen geebnet. Die Diskussionen um Vielfalt und eine Frauenquote in Film- und Fernsehen gibt es seit Jahren, aber erst mit der #MeToo-Bewegung und den darauffolgenden Debatten und Prozessen scheinen sich Strukturen und Ansichtsweisen zu ändern.

Foto: Amazon Prime Video
Reese Witherspoon steht in „Little Fires Everywhere“ nicht nur vor der Kamera.

Auffallend ist allerdings, dass sich die Fiktionen alle in einer gewissen Weise ähneln: Familie, Freunde, Vertrauen, Verrat, die großen Serienstoffe, sind die Themen. Darüber hinaus sind die darin dargestellten 40-Jährigen trotz unterschiedlicher Hautfarbe, Konfektionsgrößen und Lebensstile letztlich alle irgendwie schön und stark. Das Image der stets alten verzweifelten (Haus-)Frau scheint damit passé zu sein.

Das zeigt sich auch bei Kate (Sarah Chalke) in „Immer für dich da“. In ihrer schlichten Loungewear hängt sie zuerst ihrer zerbrochenen Ehe nach, macht den Haushalt, diskutiert beim Wiedereinstieg in den Job mit der jüngeren Chefin und zu Hause mit der viel jüngeren Tochter. Doch dann ergreift sie die Lust, nach Veränderung, wieder auszugehen und aus sich rauszukommen. In einer Welt, in der scheinbar nur junge Frauen und gut gealterte Männern zählen, will sie ihren Platz finden. „Ich schaffe das“, sagt sie ihrer Freundin Tully. Diese nickt – wohl wissend, dass dem so ist. Und wenn nicht, ist sie ja noch da, um zu helfen.