Vierte Staffel von „Babylon Berlin“: Die Party ist vorbei

Die deutsche Vorzeigeserie ist nicht mehr so gut, wie sie mal war. Aber immer noch besser als fast alles andere. Auch mit Volker Bruch.

Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) beim Tanzmarathon im Moka Efti
Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) beim Tanzmarathon im Moka EftiFrédéric Batier/ARD/SKY

„Ein Tag, wie Gold“ singt Max Raabe in nahezu jeder Folge der neuen Staffel von „Babylon Berlin“, doch die beschwingte Hymne ist eigentlich ein Totenlied. Die Goldenen Zwanziger sind vorbei, und das sieht man. Schluss mit dem Glanz des Nachtlebens, der bisher der Serie den Kontrast zur prekären Lebensrealität vieler Berliner der Weimarer Republik bot, vorbei mit der zügellosen Kreativität, die bestehende Formen und Moral infrage stellte. In der Silvesternacht zum Jahr 1931, hier beginnt die vierte Staffel, dominiert das Ocker der SA-Uniformen.

Auch Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) trägt eine davon, zunächst sehr zum Schock seiner Kollegin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die ihm auf dem Kudamm zufällig über den Weg läuft, als der SA-Mob Scheiben einschlägt und Juden angreift. Nicht etwa aus diesem Anlass ist Charlotte beruflich vor Ort – die Polizei hält sich zurück –, sondern weil ein Jugendlicher vom Dach des KaDeWe gefallen ist. Die Zuschauer und Charlottes Schwester Toni (Irene Böhm) wissen schon: Das war kein Unfall.

Der Tod des Jungen ist nur einer von gefühlt immer zahlreicher und auch dünner werdenden Fäden, die das Autoren-Team aus Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten, für Staffel 4 zusätzlich unterstützt von Bettine von Borries und Khyana El Bitar, diesmal auslegt, um sie dann kunstvoll zusammenzuflechten. Es sei vorweggenommen: Am Ende der zwölf neuen Folgen bleiben diesmal mehr Knötchen, und an manchen Stellen zerfasert das Werk. Doch es fesselt nach wie vor.

Der medial vorbelastete Schauspieler Volker Bruch als Gereon Rath
Der medial vorbelastete Schauspieler Volker Bruch als Gereon RathFrédéric Batier/ARD/SKY

Daran rüttelt auch die Erinnerung an Volker Bruchs politisches Gebaren des vergangenen Jahres nicht, als er im Rahmen der Aktion „#allesdichtmachen“ zynisch an die Regierung appellierte, ihm doch bitte wieder mehr Angst zu machen. Während sich viele der prominenten Teilnehmer schnell wieder von den vermeintlich satirischen Videos distanzierten, stand Bruch bis zuletzt zu seiner kreativen Kritik der Corona-Maßnahmen und legte später mit „#allesaufdentisch“ noch mal nach. Die Assoziation wird bei manchen Zuschauern in den ersten Szenen mit Gereon Rath vielleicht zu Irritationen führen – wenn der öffentlich mit einer Mitgliedschaft bei der rechten Partei Die Basis liebäugelnde Schauspieler den Hüter der Demokratie gegen die Nazis gibt. Dass Bruch sich auch für Geflüchtete und „Extinction Rebellion“ engagiert, ist weniger bekannt. Aber schon bald entwickelt die Serie einen Sog, der den Mimen und sein mediales Gepäck wieder fast gänzlich hinter seiner Figur verschwinden lässt. Dabei hilft, dass Bruch sein Handwerk beherrscht und wohl auch, dass er aktuell keine Interviews gibt. 

Gangster, Nazis, Kindermörder

Theoretisch beruht die vierte Staffel auf Volker Kutschers Roman „Goldstein“, dem dritten Teil seiner Krimi-Reihe um die Figur Gereon Rath, doch die Drehbuchautoren haben sich bei der Adaption große kreative Freiheiten genommen. Tatsächlich wirkt ausgerechnet die titelgebende Handlungsebene nun etwas deplatziert. Goldstein ist der Name des rechtmäßigen Besitzers eines Diamanten von unschätzbarem Wert, der irgendwie seinen Weg in den Safe des exzentrischen Alfred Nyssen, wieder schön bekloppt gespielt von Lars Eidinger, gefunden hat. Zu Silvester hängt er diesen seiner neuen Ehefrau (Hannah Herzsprung) um den Hals, deren Figur mittlerweile eine reichlich hanebüchene Wendung vollzogen hat. Damit will er ihr seine Liebe beweisen und nebenbei die Berliner High Society beeindrucken, ruft so aber einen jüdischen Gangster aus New York auf den Plan, der auf Rache sinnt. Alfred möchte übrigens auch Raketen zum Mond schicken, oder alternativ in die feindlichen Hauptstädte der Welt, aber das nur am Rande. Immerhin gibt die Goldstein-Geschichte Anlass für einige Szenen in der jüdischen Community im Scheunenviertel, die bisher in der Serie kaum Platz fand.

Neben dem Jungen vom KaDeWe überlebt noch ein weiterer Mensch den Jahreswechsel nicht, eine Schlüsselfigur der Berliner Unterwelt, wo brutale, aber auch lustige Gestalten namens Eisen-Else, Messer-Ede oder Ratten-Robert regieren. Das Chaos bricht aus und bald türmen sich die Leichen auf. In ihrer Ratlosigkeit darüber, wer hier eigentlich die Strippen zieht und auf wen es sich zu ballern lohnt, sind die Gangster, darunter auch Walter Weintraub (Ronald Zehrfeld), irgendwann sogar bereit, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Das Ergebnis ist eine der schockierendsten Szenen der Serie überhaupt.

Eisen-Else (Barbara Philipp) in ihrem Revier
Eisen-Else (Barbara Philipp) in ihrem RevierFrédéric Batier/ARD/SKY

Was passiert noch? Malu Seegers (Saskia Rosendahl), die den Zuschauern als besonders androgyn verkauft werden soll, führt ihre Affäre mit dem schwulen Reichswehrgeneral Oberst Wendt (Benno Führmann) fort und erhält bald den Auftrag, ihn unschädlich zu machen. Die Journalisten Katelbach (Karl Markovics) und Heymann (Martin Wuttke) stehen für ihre Enthüllungen über die illegale deutsche Aufrüstung vor Gericht. Charlotte geht einer Serie von Todesfällen armer Kinder und Jugendlicher auf den Grund und stößt dabei auf eine gruselige Organisation namens „Weiße Hand“, die bereits Verurteilten ihre vermeintlich gerechte Strafe zukommen lässt.

Das Spiel mit der Hoffnung

Gereon Rath ist mit der Berliner SA beschäftigt, allerdings nur undercover, wie er der schwer erleichterten Charlotte bald gesteht. Die Organisation wird von Walther Stennes angeführt, einem leidenschaftlichen Straßenkämpfer, dem Hitler mit seiner „laschen Art“ auf die Nerven geht. Besser früher als später will er den „Emporkömmling aus Österreich“, der sich nun in der deutschen Provinz herumdrückt, entmachten. Wie ernst er das meint, demonstriert Stennes erst in einer grandiosen Szene vor einem Jodelstar im Moka Efti; und schließlich im Parteigebäude der NSDAP. Hier gelingt es den Serienmachern erneut meisterhaft, mit ihrer Inszenierung historischer Ereignisse die Sehnsucht der Zuschauer nach einem anderen Ausgang der Geschichte zu schüren, wohlwissend, dass die Fiktion am Ende machtlos gegen die drohende Katastrophe bleibt.

Hanno Koffler als SA-Führer Walther Stennes
Hanno Koffler als SA-Führer Walther StennesFrédéric Batier/ARD/SKY

Generell lebt die Serie vor allem von diesem Gefühl und auch von der Trauer um Menschen, die hier noch auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte gegen ihr Schicksal ankämpfen. Hans Litten zum Beispiel, der, gespielt von Trystan Pütter, die Gegner der Deutschnationalen vor Gericht verteidigt und in der Realität im KZ Dachau durch jahrelange Folter in den Suizid getrieben wurde. Oder der grandiose Boxer Johann Wilhelm „Rukeli“ Trollmann, ein Sinto, den die Nazis zwangssterilisierten, dann erst an die Front und anschließend ins KZ schickten, wo er totgeschlagen wurde.

Zu sehen, wie die Vorboten des Horrors bei diesen Menschen einsinken, trifft ins Mark – wenn der braune Mob Rukeli im Ring beschimpft und bewirft, die Richter Litten mit juristisch haltlosen Argumenten auflaufen lassen, ohne dafür Konsequenzen fürchten zu müssen.

Gegen das Elend anfeiern funktioniert 1931 nicht mehr, das machen Tykwer, von Borries und Handloegten in der neuen Staffel sehr deutlich. Im Moka Efti stehen in der Wirtschaftskrise statt Stars nun Laien auf der Bühne, was an sich ja nicht tragisch wäre, würde man diese nicht proaktiv zur Demütigung dem grölenden Publikum ausliefern. Auch im Tanz wartet keine Erlösung – er verkommt zum Wettbewerb bis zur totalen Erschöpfung. Die trotzige Lebensfreude aus den vorigen Staffeln ist passé. „Grüße nach Moskau, Paris und nach Wien / Wir winken euch zu, alles kommt nach Berlin / Alles schrill, jeder will, allen war immer klar / dass wir verrückt sind“, singt Max Raabe am Ende seines Liedes. 1931 kann ihm das niemand mehr glauben. 

Wertung: 4 von 5 Punkten

Babylon Berlin. Vierte Staffel, zwölf Folgen. Ab 8. Oktober immer samstags in Doppelfolgen ab 20.15 Uhr auf Sky One, parallel auf Sky Q und beim Streamingdienst Wow auf Abruf.