Die Türkei ist, so verrät es ein Insert zu Beginn von Elizabeth Los Dokumentation „Streuner“, eines der wenigen Länder auf der Welt, in denen es verboten ist, herrenlose Hunde einzufangen, festzuhalten, zu töten. Dabei waren sie noch bis weit ins letzte Jahrhundert hinein zum Abschuss freigegeben; es gab sogar bewaffnete Einheiten, die im Auftrag der Verwaltung auf die Jagd nach Straßenhunden gingen und sie en masse zur Strecke brachten – der türkische Filmemacher Emin Alper machte dies 2015 zu einem der Themen seiner Dystopie „Abluka“. Schließlich jedoch nahm die Schlachterei aufgrund von anhaltenden Protesten der Bevölkerung ein Ende; seither gehören die streunenden Hunde zum Weichbild des Landes. Allerdings lässt sich denken, dass aus Bewegungsfreiheit und vergleichsweiser Sicherheit nicht automatisch ein sorgenfreies Wohlleben folgt.

Die Aufnahmen zu „Streuner“ entstanden von 2017 bis 2019 vorwiegend in Istanbul und wurden von Lo zu einer assoziierten, fragmentarisch-flüchtigen Geschichte über Underdogs, die einander beistehen, weil es sonst keiner tut, montiert. Der überwiegende Teil der Passantinnen, Imbissbudenbetreiber und Ladeninhaber geht den Straßenkötern misstrauisch aus dem Weg, versucht sie allenfalls mit dem Fuß zu streicheln. Das lässt sich nachvollziehen, wenn man weiß, dass es sich bei den meisten dieser Streuner um Abkömmlinge einer anatolischen Hirtenhunderasse handelt, des Kangals, der locker 50 Kilo auf die Waage bringen kann. Einen solchen Brocken will man nicht auf dem linken Fuß erwischen.

Die Klebstoff-schnüffelnden syrischen Flüchtlingsjungs aber, die ihnen etwas abgeben vom wenigen, das sie erbetteln oder das die Suppenküche verteilt, ficht das nicht an. Vielleicht versprechen sie sich Schutz, jedenfalls trösten sie die Hunde, wenn nach einer lautstark zähnefletschenden Auseinandersetzung die Pfote schmerzt, sie kraulen sie, drücken sie an sich und sie nehmen sie nachts mit unter die löchrige Decke. Die Hunde und die Jungen, gleichermaßen auf sich gestellt und ohne Zuhause, bilden eine Notgemeinschaft, in der es nicht nur ums Fressen und einen trockenen Schlafplatz geht. Es geht auch um Wärme, Bindung und Vertrauen.

Wer nun sozialromantischen Kitsch befürchtet, sei beruhigt. Lo, die mit „Streuner“ nach sieben Dokumentar-Kurzfilmen ihr Langfilmdebüt vorlegt, bleibt auf Distanz. Kein gefühliges Voiceover erklärt einem die Hundewelt, keine rosa Brille blendet den Dreck, den Hunger und die Angst aus, der sporadisch nur begleitenden Streichermusik haftet etwas zupackend Kammermusikalisches an, das anti-sentimental wirkt. Ohnehin, auf die Wirkung von Hundeaugen ist immer Verlass. Was sehen sie, wenn sie uns sehen? Und lässt sich daraus womöglich etwas lernen?

Streuner Ascot Elite Entertainment, ca. 11 Euro.