Sie hielten sich für die wahren Amerikaner und beriefen sich auf George Washington und auf Adolf Hitler, sie trugen das US-Banner neben der Hakenkreuzflagge, sie marschierten in Uniformen wie die SA und hetzten gegen Juden, Kommunisten und Minderheiten. Die ARD-Dokumentation „The American Führer“ zeigt, wie schnell eine extremistische Bewegung anwachsen – und wie schnell sie zerfallen kann. Denn kurz nachdem der nationalsozialistische Amerikadeutsche Volksbund im Februar 1939 im Madison Square Garden 20.000 Anhänger versammelt und Protestierende verprügelt hatte, begannen die amerikanischen Behörden intensiver gegen ihren Anführer zu ermitteln. Wie beim Gangster Al Capone konnten sie ihm Finanzvergehen nachweisen. Wegen Unterschlagung von Geldern kam Fritz Kuhn ins Gefängnis, seine Bewegung zerfiel.

Der Titel „The American Führer“ ist etwas irreführend, weil der Fokus nicht allein auf dem selbst ernannten Anführer liegt. Autorin Annette Baumeister erzählt vielmehr die parallel laufenden Biografien zweier deutscher Einwanderer. Neben Fritz Kuhn steht Helmut Oberwinder, der sich in den USA in Robert Metcalfe umbenannte, aber unter seinem deutschen Namen in die wachsende Nazi-Bewegung einschlich.

Beide bedienten sich Mittel moderner Medien: Fritz Kuhn nutzte den Film für seine Propaganda, ließ sich immer wieder in „Führer“-Posen bei seinen Auftritten ablichten und warb mit einem Foto, das ihn bei den Olympischen Spielen 1936 neben Adolf Hitler zeigte. Dabei standen die deutschen Obernazis dem amerikanischen Ableger eher abwartend-skeptisch gegenüber, wollten Mitte/Ende der 1930er-Jahre einen Konflikt mit der Großmacht USA vermeiden. In der Doku enthüllen Historiker, dass Kuhn vor allem ein Hochstapler war, der aus Deutschland geflohen war, weil ihm wegen wiederholter Diebstähle das Gefängnis drohte. Ausgerechnet ein bestohlener jüdischer Händler ermöglichte ihm die Ausreise nach Übersee. In den USA fand er Arbeit beim bekennenden Antisemiten Henry Ford.

Wie gewaltbereit war die amerikanische Nazi-Bewegung?

John Metcalfe alias Helmut Oberländer dagegen arbeitete mit den Mitteln des Investigativ-Reporters. Er sah mit dem Hitler-Schnurrbart und dem Seitenscheitel aus heutiger Sicht wie eine Führer-Karikatur aus, schaffte es aber, in der Nazi-Bewegung so weit aufzusteigen, dass er als zweite Hand von Fritz Kuhn galt, Ortsgruppen in ganz Amerika besuchte und sich so ein gutes Gesamtbild verschaffen konnte. Sein Sohn erinnert sich noch heute an die Melodie des „Horst-Wessel-Liedes“ der SA.

Die Frage, wie gefährlich und gewaltbereit die amerikanische Nazi-Bewegung war – immerhin hatten über 20 Millionen Amerikaner deutsche Wurzeln –, kann auch der Film nicht klar beantworten. Auch die US-Behörden schwankten seinerzeit, wie ernst die Umsturz-Drohungen waren. Die Propagandabilder zeigen vor allem die Sommerlager der Bewegung, die Großstadtkindern einen Ausflug aufs Land ermöglichten. Philipp Roth hatte in seinem Roman „Verschwörung gegen Amerika“ ja mal ausgemalt, wie sich das Land entwickelt hätte, wenn der Fliegerheld Charles Lindbergh, ein Nazifreund und Antisemit, anno 1940 die Präsidentschaftswahlen gegen Franklin Roosevelt gewonnen hätte. Der Weg des selbst ernannten „Führers“ blieb profaner. Kuhn wurde nach seinem Gefängnisaufenthalt interniert und nach dem Krieg nach Deutschland ausgeliefert. Hier kam er vor ein alliiertes Gericht und starb 1951 im Alter von 55 Jahren. Robert Metcalfe arbeitet in den USA weiter erfolgreich als Journalist.

The American Führer, Dokumentarfilm, Mo., 13.6., 22.50 Uhr in der ARD, in der ARD-Mediathek ab 12.6. für 90 Tage