Mit seinem Fernsehfilm „Muhme Mehle“ (1980) kehrte Thomas Langhoff ins Land seiner Kindheit zurück. Er war 1938 in der Schweiz geboren worden. Sein Vater, der Regisseur und Kommunist Wolfgang Langhoff, war hierher ins Exil geflüchtet. Für den Film griff Langhoff auf die gleichnamige Erzählung von Ruth Werner zurück. Auch sie lebte in den späten 1930er-Jahren in der Schweiz und funkte von hier aus mit einem geheimen Sender für die Widerstandsorganisation Rote Kapelle. Der Film erzählt davon.

Doch von einer Heldenlegende ist „Muhme Mehle“ weit entfernt. Kein Pathos weit und breit. Stattdessen schnörkellose Prosa, psychologische Präzision. Die abgrundtiefe Einsamkeit der Heldin, ihr leises Glück, eine verhaltene Melancholie. Was und an wen Mirjam, die geflohene Deutsche, heimlich nach draußen morst, spielt keine Rolle. Langhoff interessiert eben nicht das Spektakuläre des Agentendaseins, das schillernde Versteckspiel einer gewieften Kundschafterin. Er kümmert sich vielmehr um die damit einhergehenden Ängste, das Ausgeliefertsein an den Zufall und die konkreten Mechanismen der Macht. Jedes Mal, wenn Schweizer Polizisten an der abgelegenen Sennhütte über dem Dorf auftauchen, muss Mirjam das Schlimmste befürchten: Abschiebung. Die Schweizer Berge, die Jürgen Heimlich so schön wie in einem Heimatfilm fotografiert, sind Refugium und Bedrohung zugleich.

In „Muhme Mehle“ ist die Heldin eine Bürgerliche, keine Proletarierin

Erzählerisches Zentrum des Films ist das Verhältnis zwischen Mirjam und ihrer einstigen Kinderfrau, die sie nun zur Betreuung der eigenen beiden Kinder aus Deutschland in die Schweiz kommen lässt. Diese Muhme Mehle hat ein schweres Leben hinter sich: aufgewachsen in einem preußischen Militär-Waisenhaus, ohne eigene Familie, mit einer ungestillten Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Der Film deutet die Biografie nur in knappen Details an, doch aus ihr erwächst das Drama, die innere Spannung. Die bedingungslose Hingabe des Kindermädchens wird zur potenziellen Gefahr. Ihr Verhalten könnte in die tödliche Katastrophe führen.

Das Motiv der latenten Angst und der Diskurs über die Unmöglichkeit, eine grenzenlose Liebe auch mit Liebe zu vergelten. Dazu eine bürgerliche statt einer proletarischen Heldin: Das alles hob „Muhme Mehle“ aus den  antifaschistischen Traditionen des DDR-Films heraus. Hinzu kam ein überragendes Darstellerensemble: Jutta Wachowiak als Mirjam, Käthe Reichel als Muhme Mehle, Jürgen Gosch, kurz vor seinem Weggang aus der DDR, als Mirjams neue Liebe Sid. In kleineren Rollen Michael Gwisdek, Heide Kipp, die greise Erika Pelikowsky und der in stummer Einfalt ewig Zither spielende Jörg Gudzuhn als Bauer. Eine Starparade in einem ästhetisch frisch gebliebenen, bis heute faszinierenden Film.

Muhme Mehle Studio Hamburg Enterprises, ab 13,99 Euro