Transzendentale Wucht: Frühe Werke von David Cronenberg im Filmrausch-Palast

Menschliche Fliegen, masochistische Moderatorinnen und willenlose Killermaschinen: Drei Cronenberg-Highlights, die man nicht verpassen sollte.

David Cronenberg in „The Death of David Cronenberg“
David Cronenberg in „The Death of David Cronenberg“IMDB

Der Kurzfilm „The Death of David Cronenberg“ dauert nur eine knappe Minute. Und doch spiegelt sich darin der ganze Kosmos seines Urhebers. Der Regisseur spielt hier eine Doppelrolle: Er besucht sich selbst auf dem Totenbett, liebkost den eigenen Leichnam und legt sich tröstend neben seine sterbliche Hülle. Nein, scheint der Künstler uns zurufen zu wollen, es gibt keinen Grund für Angst. Wir sind nur zu Gast in unserem Körper, zu Gast auf dieser Welt mit all ihren Ängsten und Verrücktheiten. Der Tod gehört zum Leben und umgekehrt.

Es gibt nur wenige Filmemacher, die sich derart intensiv mit den Grenzbereichen des Irdischen beschäftigt haben wie Cronenberg. Ihn interessierten von jeher die Übergänge zwischen alltäglichen und unvorstellbaren Sphären. Das Kino als Traummaschine muss ihm als ideales Vehikel für diese Untersuchung verborgener Zonen erschienen sein. Die von ihm frei ins Netz gestellte Skizze über den imaginierten eigenen Tod wirkt wie ein durchaus ironischer Kommentar auf ein Oeuvre, das zu den ungewöhnlichsten der jüngeren Filmgeschichte gehört.

Seit 1975 hat der 1943 im kanadischen Toronto Geborene rund zwanzig abendfüllende Spielfilme gedreht. Das ist nicht übermäßig viel. Diese Zurückhaltung zeugt von Scheu vor Routine, auch vom Wissen über die Verführbarkeit durch kommerziellen Erfolg. Schüttelt man diese rund zwanzig Filme noch einmal durch das Sieb seines eigenen, hohen Anspruchs, bleibt immerhin noch mindestens die Hälfte übrig. Drei dieser Arbeiten werden jetzt anlässlich der Premiere seines jüngsten Films „Crimes of the Future“ noch einmal gezeigt.

Unangefochtener Favorit: „Videodrome“

„Die Brut“ war 1979 der Versuch, einen persönlich erlebten Streit um Sorgerecht mental zu bewältigen. Oliver Reed spielt einen Psychotherapeuten auf der Spur nach einem dämonischen Geburtslabor. Hier werden mittels eingeschlechtlicher Fortpflanzung willenlose Geschöpfe reproduziert und als Killermaschinen in die Welt entlassen. „Die Fliege“ war 1986 ein Remake des berühmten B-Movies von Kurt Neumann (1958), in dem sich ein übereifriger Wissenschaftler (Jeff Goldblum) im Selbstversuch in ein Insekt verwandelt. Die allmähliche Metamorphose vom menschlichen Wesen zum borstigen Zweiflügler geriet derart realistisch, dass wohl manche Zuschauer vor dem morgendlichen Spiegel nach Anzeichen ähnlicher Verwandlungen gesucht haben dürften.

Unangefochtener Favorit innerhalb der jetzt zusammengestellten, vom Regisseur nie als Trilogie konzipierten Reihe bleibt „Videodrome“ von 1983. James Woods als TV-Redakteur Max Renn versinkt Schritt für Schritt in einem manipulativen Universum, spürt in seinem eigenen Leib eine feindliche Kraft wachsen, die sich ganz konkret materialisiert, forciert von einer masochistischen Moderatorin (Debbie Harry/Blondie). Wenn Max zuletzt seine Passion als solche annimmt und in die nächste Sphäre eintritt, erreicht dieser bizarre Film eine transzendentale Wucht, die fast an jene von Andrej Tarkowskis „Stalker“ heranreicht.

Die drei frühen Filme von David Cronenberg laufen am 24. und 26. November im Moabiter Filmrausch-Palast.