Wie der Punk in New York City geboren wurde

Das Kino Lichtblick zeigt den Dokumentarfilm „Nightclubbing: The Birth of Punk Rock in NYC“. Er füllt wichtige Lücken in der Geschichte des Punk.

“Nightclubbing: The Birth of Punk Rock in NYC” (80 min) doc about the formation of the NYC Punk Rock scene
“Nightclubbing: The Birth of Punk Rock in NYC” (80 min) doc about the formation of the NYC Punk Rock sceneDudeski LTD/Chip Baker Films

Dass Punk 1976 in London wie aus dem Nichts zum Durchbruch kam, wurde schon mehrfach ins Reich der Legenden verbannt. Mit „The Blank Generation“ von Ivan Král und Amos Poe liegt seit 1976 auch ein filmisches Dokument vor, das von einer immens umtriebigen amerikanischen Szene mit tiefen Wurzeln zeugt.

Patti Smith, Television, The Ramones oder die Talking Heads benötigten keine Starthilfe von den Sex Pistols und Malcolm McLaren. Eher war es wohl umgekehrt.

Immer mal wieder tauchen neue alte Film- und Videoschnipsel mit Konzertmitschnitten aus der New Yorker Proto-Punk-Szene auf, meist aus dem legendären Club „CBGB“ (kurz: CB). Daneben gab es mit dem „Max's Kansas City“ (kurz: Max's) in Manhattan einen weiteren, maßgeblichen Schmelztiegel, der oft vergessen wird. Dieses Manko gleicht nun der brandneue Dokumentarfilm „Nightclubbing: The Birth of Punk Rock in NYC“ aus.

Von Velvet Underground bis Liz Taylor, von Jane Fonda zu Frank Zappa

Der Titel zitiert natürlich den gleichnamigen Hit von Iggy Pop. Dort heißt es: „We see people, brand new people, they're something to see...“ Leute zu treffen, brandneue Leute, war ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal bei „Max's“. Man ließ dort nicht jeden rein. Andy Warhols „Factory“ lag nur ein paar Schritte entfernt, er und seine „Superstars“ nutzten den Club als erweitertes Wohnzimmer. Damit schlug das Etablissement wichtige Brücken zwischen verschiedenen Subkulturen sowie zum Mainstream. Aufzuzählen, wer hier alles als Gast weilte, würde zu endlosem Namedropping führen: von Velvet Underground bis Liz Taylor, von Jane Fonda zu Frank Zappa. Iggy Pop traf hier zum Beispiel David Bowie, seinen späteren Mentor. Und Malcolm McLaren promotete die Band The New York Dolls, bevor er dann nach London zurückflog. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Gedreht hat „Nightclubbing“ Danny Garcia, ein Punk-Fan aus Barcelona, der bereits Porträts über The Clash oder Sid Vicious vorgelegt hat. Vor seiner Kamera versammelte er zwei Handvoll auskunftsfreudiger Zeitzeugen: etwa Transgender-Pionierin Jayne County (statuarisch), Patty-Smith-Gitarrist Lanny Kaye (verbindlich), Grusel-Rocker Alice Cooper (nett) oder Ur-Punker Billy Idol (sportlich). Ihr Geplauder wird von Archivaufnahmen unterschnitten, aus offenbar rechtlichen Gründen bekommen wir dabei mehrfach nur Fotos zu sehen, begleitet von indifferenter Musik. Die Passagen mit Original-Mitschnitten wie von The Testors oder Sid Vicous fallen da wesentlich energetischer aus.

Für Liebhaber liefert „Nightclubbing“ wichtige Missing Links, mit denen sich das Gesamtbild des Punk-Phänomens rundet. Analytische Tiefenschärfe wie in den Büchern von Greil Marcus oder Simon Reynolds sollte man aber nicht erwarten. Gleichzeitig führt der Film einmal mehr vor Augen, welch rauer, unwirtlicher Ort New York in den späten 70ern, frühen 80ern gewesen sein muss. Drogen, Prostitution oder Mafia griffen direkt auch auf das „Max's“ zu, das alles andere als ein „geschützter Raum“ war. Johnny Blitz, Drummer der Dead Boys, wurde im April 1978 auf dem Weg in den Club von einer Gang überfallen und mit 17 Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Er überlebte knapp. Das „Max's“ schloss 1981 für immer.

Nightclubbing: The Birth of Punk Rock in NYC, Kino „Lichtblick“, 30. Juli um 20.15 Uhr