Am Ende, so könnte man die Pointe von „The Italian Job“ beschreiben, übernimmt „der Ukrainer“. In dem Film des sogenannten Heist-Movie-Genres jagen Stella (Charlize Theron) und Charlie (Mark Wahlberg) dem skrupellosen Gauner Steve jene Millionen ab, die sie zuvor gemeinsam erbeutet haben. Es geht dabei auch um Rache. Aus Habgier hatte Steve Stellas Vater, gespielt von Donald Sutherland, umgebracht. „Der Ukrainer“ steht dabei weniger für einen individuellen Charakter, vielmehr handelt es sich um eine Art Mafiaboss, der sich das Recht des Stärkeren nimmt, dabei aber zu seinem Wort steht. In der Szenerie des Films verkörpert „der Ukrainer“ eine osteuropäische Geradlinigkeit und Härte, die der sympathischen Gaunerbande schließlich zur Genugtuung verhilft – ein filmisches Märchen also.

Vor dem Hintergrund des brutalen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist man geneigt, die in „The Italian Job“ aufgerufene nationale Stereotype mit der politischen Wirklichkeit abzugleichen. In der fiktiven Gaunerwelt hat sich „der Ukrainer“ einen Platz im globalen Kapitalismus erobert, in dem keine scharfen Grenzen zum Verbrechen gezogen scheinen. Doch da verkehren sich bereits die Analogien. In der auf traumatische Weise durchbrechenden Wirklichkeit des Jahres 2022 gelten derlei Stereotype nicht mehr. Haben sie nie.

Das Motiv der nationalen Identität

Über Verbrechen aber wird zu sprechen sein im Kontext von politischer Macht und nationaler Identität. Die depressiv aufgeladene Erzählung Wladimir Putins über die bedrohte russische Nation steht in krassem Widerspruch zu dessen Ausbau des russischen Staates zu einer kleptokratischen Günstlingswirtschaft mit angegliedertem Söldnerheer. Das Motiv der nationalen Identität, das man Putin oft dann noch hat durchgehen lassen, obwohl man seiner Politik längst kritisch gegenüberstand, diente bei der Errichtung eines gewaltbereiten Machtsystems eher als Folklore.

Entgegen der Typisierung in der Gaunerkomödie „The Italian Job“ hat sich in der Ukraine in den zurückliegenden acht Jahren eine atemberaubende Staatsbildung vollzogen, deren Patriotismus wir derzeit nicht nur in Gestalt des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der Brüder Klitschko oder auch des Botschafters Andrij Melnyk erleben können. Die brachiale Kriegsgewalt, der sie ausgesetzt sind, wird die Ausprägung einer ukrainischen Kultur, die wir beschämenderweise erst jetzt wahrnehmen, nicht beseitigen.