Der kleine Fötus will nicht raus, doch er hat keine Wahl. Eine Hebamme mit blutunterlaufenen Augen zerrt ihn aus dem himmlisch friedlichen Mutterleib, hinein ins Niederösterreich der Nachkriegszeit. „Ein Rotzbub!“, schreit sie und setzt die rostige Schere an der Nabelschnur an. Den Schock des Lebens vergessen machen kann nur ein praller Busen, ein Motiv, das sich in dieser Geschichte fortan durchziehen wird.

„Es gibt keinen größeren Psychoanalytiker der österreichischen Seele“, schrieb Billy Wilder über den Karikaturisten Manfred Deix, der dem sicher zugestimmt und sogleich eine passende Skizze von Sigmund Freud angefertigt hätte. Deix’ Charaktere sind geformt von Bier und Schweinefleisch – drall, gerötet und unbeholfen, unter dem Begriff „Deixfigur“ stehen sie heute im Duden. Geifernd nach Geld (Göd) und Sex (Schnackseln) sitzen sie sonntags in der Kirche, watschen fleißig ihre Kinder, teilen ihre Mitmenschen in Frontkämpfer oder Zigeunerfreunde ein und träumen abends am Tresen von dem, oder zumindest einem, Führer.

Nackertbilder statt Zukunftspläne

In dieser Welt muss der Rotzbub, dessen Geschichte von der Biografie des Künstlers inspiriert ist, beschließen, was er mal werden möchte: Drei Seiten dazu verlangt der Lehrer, der auch Pfarrer ist, wenige Tage vor dem Hauptschulabschluss. Da fällt dem Jungen beim besten Willen nichts ein, stattdessen zeichnet er Nackertbilder von seiner Nachbarin mit dem riesigen Dekolleté, in das erst der Bürgermeister, dann der Künstler-Onkel und schließlich auch der Rotzbub noch das Gesicht tauchen werden. Zumindest bei dem Heranwachsenden führt das allerdings nicht zu den erwarteten Glücksgefühlen, denn er hat sich verliebt. Das Roma-Mädchen Mariolina ist ihm rotztechnisch ebenbürtig und sieht von allen Figuren am wenigsten deixmäßig aus, ohne aber in alte Disney-Gefilde abzudriften.

Deix hat das Drehbuch und visuelle Konzept zu dem Animationsfilm vor seinem Tod 2016 noch abgesegnet, doch ein Funken der eher optimistischen Handschrift von Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“), der „Willkommen in Siegheilkirchen“ zusammen mit dem spanischen Animator Santiago López Jover inszeniert hat, meint man hier mitunter durchaus zu erkennen. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass manchmal doch Verlass auf den lieben Herrgott ist. Zumindest wenn es mal ordentlich Scheiße regnen soll.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Willkommen in Siegheilkirchen, Spielfilm, 86 Minuten, ab 7. Juli im Kino