Es gibt sicherlich keinen Begriff, den Filmkritiker so inflationär benutzen wie das berühmte „Meisterwerk“. Jedes Jahr werden so viele davon beschrien, dass der Begriff kaum mehr jemanden vom Hocker reißt. Problematisch wird es, wenn ein Film in unsere Kinos kommt, der diese Bezeichnung wirklich verdient. So ein Film ist „The Assassin“ des Taiwanesen Hou Hsiao-Hsien. Er ist makellos. Ohne Fehler. Kein Suchen nach dem richtigen Bild. Alles ist perfekt und voller Schönheit und Anmut. Ein Meisterwerk eben.

Eine Geschichte aus dem China des 9. Jahrhunderts

Dabei kann einen der Inhalt im ersten Moment überfordern. Hou Hsiao-Hsien verfilmt die gleichnamige Kurzgeschichte des Schriftstellers Pei Xing, die im China des 9. Jahrhunderts während der Blütezeit der Tang-Dynastie angesiedelt ist. Bei der titelgebenden Auftragskillerin handelt es sich um die junge Prinzessin Yinniang, die in der unabhängigen Provinz Weibo aufwächst und von ihren Eltern in ein Kloster geschickt wird. Angeleitet von ihrer Tante, der Klostervorsteherin, wird Yinniang zur Killerin ausgebildet, um ihren Cousin umzubringen, der sie gleich doppelt betrogen hat. Er hat nicht nur ihre Verlobung aufgelöst – er hat sich zudem offen gegen den Kaiserhof positioniert. Aber Yinniang kann ihre Mordmission nicht erfüllen. Zu groß sind die Gefühle, zu tief ist die Verbundenheit mit der eigenen Familie. Ein Zögern, das sie bald selbst zur Gejagten macht.

„The Assassin“ besteht also aus zwei Dramen. Da ist zum einen der psychologische, fast ausschließlich in Gesten eingefangene Familiendisput: Die Geschichte einer gefallenen Tochter, deren Gefühle ihren Handlungsradius einschränken.

Zum anderen ist da das politische Drama: Der Unabhängigkeitskampf einer Provinz, die dem Einflussbereich des Kaiserhofs entkommen will. Letzteres dominiert den stillen Film. Man kann das als elegante und unaufdringliche Allegorie auf die Geschichte Taiwans sehen. Es würde somit das große Thema von Hou Hsiao-Hsien aufnehmen, der bislang in fast all seinen Filmen die turbulente Geschichte seiner Heimat be- und verarbeitet hat. Seine Werke, formal durch lange und wohlkomponierte Einstellungen geprägt, waren so stets Teile einer konsequenten Geschichtsschreibung.

Auf der Suche nach Stille

Da wirkt „The Assassin“ im ersten Moment fremd. Das Wuxia-Genre ist zudem ein chinesisches, doch der Regisseur dekonstruiert die wesentlichen Elemente dieser Filmgattung. Es gibt hier keine schwerelosen Schwertkampf-Ballett-Szenen wie in „House of Flying Daggers“ oder „Hero“. Hou sucht vielmehr die Stille. Das Massengemetzel weicht einer individualistischen Annäherung an die Konflikte der Erzählung. Doch selbst wenn man all das nicht weiß; selbst wenn man sich in dem dichten Gestrüpp der Verwandtschafts- und Politikverhältnisse des Plots verliert – so bleibt doch der wahre Genuss, der scheinbar nie enden wollende poetische Sog der Bilder.

Es ist die reine Schönheit von kunstvoll arrangierten Bildtableaus mit ihren leuchtenden Details: die altchinesische Frisur der Gouvernante; das sorgsam gestickte, dunkelblaue Gewand ihres Mannes; die geräuschlos aus der Ferne flatternden roten Bändchen an den Kriegeruniformen; das traurig-sehnsüchtige Lied, in dem ein Vogel das Singen verweigert, bis man ihn vor einen Spiegel setzt – und natürlich der Moment, wenn der Wind durch ein Gerstenfeld weht und wie von Geisterhand eine ganze Familie mit Pferd aus dem Bildkader verschwindet.

Von diesen Augenblicken will man stundenlang erzählen und schwärmen. Denn was hier visuell überwältigt, ist nicht das Spektakel, sondern der Wille zur Ordnung und Harmonie. Darin erinnern diese Bilder an die Werke eines Diego Velázquez. An dessen erstaunliche Perspektiven und vielschichtige Raumanordnungen.

Wer das Kino als reine Bilderkunst begreift, der wird mit „The Assassin“ eine Offenbarung erleben. Mit Hou Hsiao-Hsien begegnen wir der reinen Schönheit.

The Assassin Taiwan/China u.a. 2015. Regie: Hou Hsiao-hsien, Drehbuch: Chu T'ien-wen, Hou Hsiao-hsien, Zhong Acheng, Xie Haimeng, Kamera: Lee Ping-bin, Darsteller: Qi Shu, Chang Chen, Satoshi Tsumabuki u.a.; 105 Minuten, Farbe.