Weglaufen ist das letzte Mittel. Kinder tun es, wenn sie ihr Zuhause als unerträgliche Überformung ihres So-und-nicht-anders-Seins empfinden. Und nicht nur Kinder tun es: In Hans-Christian Schmids Film „Was bleibt“ ist es die Mutter, die wegläuft. Gitte (Corinna Harfouch) hat dreißig Jahre lang das Standesleiden einer Frau des vergangenen Großbürgertums gepflegt – ein nie stichhaltig diagnostiziertes Leiden zwischen Manie und Depression. Jahrelang war sie, wie es so heißt: „eingestellt“. Nun aber, da ihr Mann (Ernst Stötzner) mit sechzig Jahren seinen erfolgreichen Verlag verkauft hat, will auch sie frei sein und setzt die Medikamente ab.

Diese Veränderungen werden feierlich verkündet, die Söhne werden dazu eigens ins große, moderne Haus eingeladen. Während der Vater dank seiner wirtschaftlichen Potenz immer seinen Willen durchgesetzt hat und keinen Widerstand zu fürchten hatte, hat sich die Mutter zu lange auf der Position der Unselbständigen eingerichtet, als dass ihre Entscheidung für ein Leben ohne Pillen unangefochten bliebe. Den Vater nervt es, weil er zu Recherchen für ein Buch nach Jordanien fliegen will und nun damit rechnen muss, dass seine Frau, allein gelassen, wieder depressiv wird. Der jüngere Sohn, Jakob (Sebastian Zimmler), Zahnarzt, hält den Schritt aus medizinischen Gründen für bedenklich. Einzig der Ältere, Marko (Lars Eidinger), begegnet dem Aufbruch mit Wohlwollen.

„Was bleibt“ handelt von der Frage, was die Autonomie eines Menschen bedeutet und was ein Familiensystem daraus macht, in dem es Rollen zuweist und in der Zuweisung erstarrt. Das Drehbuch von Bernd Lange lebt somit weniger von dramatischer Spannung als von den ungemein genau verflochtenen und beobachteten Kräfteverhältnissen zwischen den Figuren.

Würgegriff der Großzügigkeit

Gittes Fall wirkt wie das modernisierte Schicksal einer Frauengestalt Henrik Ibsens – nur dass der Aufbruch aus dem „Puppenheim“ anders als vor 150 Jahren kein emanzipatorisches Ziel mehr ins Auge fassen kann. „Emanzipation“ ist doch längst geschehen, wer sie noch immer nicht vollzogen hat, soll die Schuld bei sich suchen und wird dabei erst recht depressiv.

Im Kern aktueller und von selbst sehr eindringlich in der Wirkung ist Jakobs Schicksal. In der Kleinstadt der Eltern versucht er eine Zahnarztpraxis zu führen, aber die wenigen Patienten kommen auf Empfehlung der Eltern. Der Vater hat nicht nur die Praxis finanziert, sondern klotzt Jakob ohne Zögern eine riesige Einbauküche in die Wohnung und packt noch ein Designersofa oben drauf. Jakob kann zwar nicht scheitern, aber damit ist ihm auch jeder Erfolg aus eigener Kraft verwehrt.

Dem Würgegriff der elterlichen Großzügigkeit hat sich Marko durch Übersiedlung nach Berlin und die Wahl eines unbürgerlichen Berufs entzogen: Er ist Schriftsteller. Nur dadurch hat er eine Position, in der er gegen den Vater auftreten kann – klug hat er darauf verzichtet, sein Buch in dessen Verlag unterzubringen. Aber auch in der Auf- und Ablehnung wird Marko nicht frei vom Einfluss seiner Familie. So kriegt er die eigene nicht auf die Reihe und lebt mit der Mutter seines achtjährigen Sohns im permanenten Spannungszustand: Weder ist er charakterlich in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, noch kann er sich aus dieser Verantwortung herauskaufen, wie es sein Vater kraft eines dicken Bankkontos vermochte.

Was als Familientreffen begann und von den Eltern als großes harmonisches Fest erhofft wurde, führt ins Desaster. Hans-Christian Schmid reißt die Fassaden jedoch nicht mit bilderstürmerischen Elan ein. Es ist ihm durchaus ein Jammer, dass die Idyllen niemals halten, was sie versprechen. Sein Blick ist bei aller Schärfe behutsam und hält die Balance zwischen dokumentarischer Beobachtung und teilnehmender Achtung. Die große ethische Kraft seiner Filme besteht darin, sich auf die eigene kritische Intelligenz nichts zugute zu halten, sondern sie in den Dienst einer präzisen Empathie mit den Figuren zu nehmen.

Es verhält sich in Familien ja niemand absichtlich böse, es sind kleine Unachtsamkeiten, die das emotionale Gleichgewicht gefährden. „Was bleibt“ spricht niemanden schuldig, aber auch niemanden frei – das ist die unangenehme Wahrheit dieses großartigen Films.

Was bleibt Dtl. 2012. Regie: Hans-Christian Schmid, Buch: Bernd Lange, Kamera: Bogumil Godfrejow, Darsteller: Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Sebastian Zimmler, Ernst Stötzner u. a.; 85 Minuten, Farbe, FSK ab 12.

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