Willi Forst und Maria Holst
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BerlinAn jedem Montagabend bot das DDR-Fernsehen eine spezielle Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Eingerahmt von der „Aktuellen Kamera“ und Karl-Eduard von Schnitzlers Kanalarbeiten, lief stets ein Fundstück aus den Jahren von vor 1945

Gesäubert von offensichtlichen Verweisen auf die Herkunft dieser Unterhaltungswerke, übten die Filme damit ihre Funktion der Zerstreuung gleich noch einmal aus. Am einfachsten zu handhaben waren dabei die Beiträge der leichten Muse. Aus dem überreichen Fundus der Liebesfilme, Komödien oder Operetten konnte unbedenklich geschöpft werden – denn sie enthielten scheinbar keine ideologische Altlast.

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Auf diese Weise ging der Mehltau aus Goebbels’ Albtraumfabrik auch in das kollektive Gedächtnis der nachrückenden DDR-Generationen über. Willi Forsts 1940 gedrehte „Operette“ etwa wurde sehr gern ausgestrahlt. Als es im Juli 1964 wieder einmal so weit war, notierte Uwe Johnson in seiner in West-Berlin erscheinenden Fernsehkolumne zornig, dass „zum Lachen über solchen Kitsch schon Grausamkeit gehörte“.

Willi Forst war kein Nazi-Gegner 

So hart muss man das heute nicht mehr sehen. Der Film hat durchaus erzählerischen und handwerklichen Schneid. Willi Forst als „König des Wiener Operettenfilms“ befand sich auf der Höhe seines Könnens und zog als Regisseur, Szenarist, Produzent, Sänger und Hauptdarsteller alle Register. Er gibt den Theaterdirektor Franz von Jauner (1831–1900) als unbestechlichen Visionär, der die Operette aus dem steifen Korsett des Biedermeiers befreite, mit französischem Esprit anreicherte und zu einem originären Teil der deutschsprachigen Kultur machte.

Flankiert werden die episodischen Szenen seines Werdegangs von Intrigen, Romanzen sowie von Krisen – und natürlich von jeder Menge Gesangs- und Tanzeinlagen. Über allem steht dabei das Sendungsbewusstsein eines genialen Erneuerers, der seine privaten Ziele stets hinter der schicksalhaften Aufgabe seiner Mission zurückzustecken weiß. In dieser Hinsicht steht „Operette“ in einer Linie mit den prahlerischen NS-Biografien über Bismarck, Friedrich II., Schiller oder Diesel.

Gleichzeitig wirkt Forsts Film aber an einigen Stellen genrebedingt wie deren Parodie. Manche Bühnenshows erscheinen wie satirische Überhöhungen von Truppenaufmärschen. An einer besonders turbulenten Szene ist ironisch von der „Revolution der Operette“ die Rede. Goebbels, der sich ja selbst als Revolutionär sah, empfand Forsts Filme  als „vielleicht ein bisschen zu frech, aber ganz großartig gemacht.“ Forst war bei allen Spitzen kein Nazi-Gegner, sondern ein populäres Aushängeschild und nicht zuletzt auch Großverdiener.

„Operette“ feierte im Winter 1940/41 Premiere

Vor allem in den Personalien seines Teams spiegeln sich die Absurditäten der Zeit. Co-Autor Axel Eggebrecht war vor 1933 Mitglied der KPD und hatte mehrere Monate in einem KZ gesessen, bevor er zahlreiche Unterhaltungsstoffe für das Kino verfasste. Der in der Rolle Franz von Suppés brillierende Leo Slezak erhielt 1943 Berufsverbot, weil sein Sohn Walter im US-Exil in Anti-Nazifilmen aufgetreten war, u. a. in Hitchcocks „Lifeboat“.

Paul Hörbiger gar wurde wegen finanzieller Unterstützung einer Widerstandsgruppe noch Anfang 1945 zum Tode verurteilt, überlebte aber wegen des schnell eintretenden Kriegsendes. Im Winter 1940/41 kam der Film „Operette“ zuerst in Wien, dann in Berlin zur Premiere. Damals befand sich „Großdeutschland“ auf dem Höhepunkt seiner territorialen Ausbreitung. Österreich gab es seit 1938 nicht mehr, große Teile Europas waren unterworfen.

Forsts Schmonzette war noch kein „Durchhaltefilm“; das kam später. Er bildete jedoch ein Rädchen des gigantischen Ablenkungsapparats, mit dem sich die Deutschen nur allzu bereitwillig einreden ließen, dass die augenblicklichen Triumphe umsonst zu haben sein. Besonders perfide wirkt vor diesem Hintergrund der Umstand, dass „Operette“ mit der Premiere von Johann Strauss’ „Zigeunerbaron“ endet.

Eva-Lichtspiele: Auf „Operette“ folgt die „Berliner Ballade“

Die deutschen Volksgenossinnen und -genossen imitierten in üppigen Inszenierungen genau jene Menschen, die sie gerade in Konzentrationslagern einsperrten und ermordeten. Denn der „Porajmos“ – die Ausgrenzung und Ermordung der im Titel benannten Volksgruppe – war längst im Gange, ebenso wie die der jüdischen Bevölkerung. Es ist gut, dass im gleichen Kino parallel zu „Operette“ Caroline Links „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ zu sehen ist. So lassen sich die Wahrnehmungen und Verdrängungen auf direkte Weise abgleichen.

Erfreulich auch, dass die Eva-Lichtspiele ihre seit vielen Jahren bestehende Reihe „Der alte deutsche Film“ auch 2020 fortsetzen. Zunächst als nostalgisches Angebot für die berühmten „Wilmersdorfer Witwen“ ins Leben gerufen, ist sie inzwischen zu einer wichtigen filmhistorisch-diskursiven Institution geworden. Zum nächsten Termin geht die Geschichte weiter. Dann steht Robert A. Stemmles Kriegsheimkehrer-Satire „Berliner Ballade“ von 1948 mit dem spindeldürren Gert Fröbe als „Otto Normalverbraucher“ auf dem Programm.

"Operette" läuft im "Eva-Lichtspiele" am Mittwoch, 08.01.20, 15:45