Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer kämpfte in den Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik darum, die Täter der NS-Zeit vor Gericht zu stellen. Um ihn her ließ das Wirtschaftswunder die Menschen vergessen, welche Verbrechen durch Deutsche verübt worden sind. Im Gegensatz zu Giulio Ricciarellis Film „Im Labyrinth des Schweigens“ von 2014 steht bei Lars Kraumes spannendem Drama „Der Staat gegen Fritz Bauer“ nicht ein junger Staatsanwalt, sondern stets Fritz Bauer selbst im Mittelpunkt. Wir sprachen mit dem Hauptdarsteller Burghart Klaußner und dem Regisseur Lars Kraume.

Herr Klaußner, „Der Staat gegen Fritz Bauer“ spielt vor dem Hintergrund der 50er- und 60er-Jahre, der Zeit Ihrer Kindheit und Jugend. Wie haben Sie diese Jahre erlebt?

Burghart Klaußner: Ich habe Erinnerungen zweierlei Art. Erstens: Die Leute waren sehr gut drauf – sie hatten überlebt! Meine Mutter war von Nachbarn aus einem brennenden Haus durch eine einstürzende Wand befreit worden. Berlin lag in Trümmern – aber man hatte überlebt und war total glücklich. Das war das vorherrschende Gefühl. Das andere war für uns Kinder der wohl eher strenge Ton.

Spielte die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit irgendeine Rolle?

Klaußner: Als ich soweit war, dafür ein Bewusstsein zu entwickeln, waren die 60er-Jahre lange angebrochen. Und da wurde mir klar, dass bestimmte Fragen nicht gestellt wurden, auch deshalb, weil man nicht wusste, welche Antwort man wohl bekam. Vielleicht eine, die einem nicht gefiel – das war in fast allen Familien so, die ich kannte, und lag wie so eine Art Familiengeheimnis über dem ganzen Land.

Wann haben Sie das erste Mal von Auschwitz gehört?

Klaußner: Darüber habe ich in letzter Zeit natürlich häufig nachgedacht. Ich glaube, tatsächlich zuerst um das Jahr 1968 herum. Richtig deutlich wurde mir das Ausmaß der Verbrechen erst durch das Stück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss.

Das ist ja ein Stück über den Weg zum ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess. Wie haben Sie sich mit der Figur Fritz Bauer auseinandergesetzt. Kannten Sie ihn?

Klaußner: Ich kannte Fritz Bauer als leuchtendes Vorbild der Aufklärung nach dem Krieg. Er war für die Studenten – ich wurde in Berlin an der Freien Universität immatrikuliert – einer der Köpfe, denen man vertraute, im Gegensatz zu vielen Politikern. Zu denen, auf die man hörte, gehörten auch Adorno, Bloch, Horkheimer, Marcuse – eine Generation von zornigen alten Männern, die sich nichts mehr gefallen ließen. Ich hatte von Bauer gehört, aber ich hatte gar kein Bild von ihm. Nichts, außer einem Foto.

Das reichte zur Vorbereitung auf den Film natürlich nicht aus.

Klaußner: Als ich auf die Rolle aufmerksam gemacht wurde, bekam ich filmisches Dokumentarmaterial. Und zuerst dachte ich: Das ist überhaupt nicht darstellbar. Das sprengt alle Grenzen …

… schon wie Bauer sprach, in diesem breiten Schwäbisch mit verschliffenen Silben.

Klaußner: Auch das, ja. Aber dann war der Wunsch doch so stark, ihm auf die Schliche zu kommen, dass sich mit einem Mal das Blatt wieder wendete und ich in einem Sekundenflash, wenn man so sagen will, ihn eingeatmet habe. Und dann war er da. Vielleicht hatte ich so etwas wie einen seelischen Kern von ihm plötzlich erkannt.

Ist er ein Held in ihren Augen?

Klaußner: Wir sind der Meinung, dass wir einen Heldenfilm gedreht haben, einen Cowboyfilm – einer gegen alle. Ein hustender Cowboy, der am Schluss siegt. Weil eben diese Persönlichkeiten, die sich so sehr – auch auf Kosten ihrer Gesundheit und ihres Lebensglücks – engagiert haben für die Aufklärung über die Nazi-Verbrechen und deren Veröffentlichung, tatsächlich Helden waren.

Herr Kraume, wie sind Sie auf die Person Fritz Bauer gestoßen?

Lars Kraume: Mein Koautor Olivier Guez hat ein Buch geschrieben, das „Heimkehr der Unerwünschten“ heißt. Darin geht es um die Frage, wie es um die jüdischen Gemeinden in Deutschland nach 1945 stand, von den Lagern für die sogenannten Displaced Persons bis heute. Darin taucht Fritz Bauer auf im Kontext der Auschwitz-Prozesse. Ich bin zwar in Frankfurt aufgewachsen, kannte Bauer aber nicht.

Fritz Bauer war Jude, aber völlig in Deutschland verwurzelt. Wie bringen Sie das auf die Leinwand?

Kraume: Er sprach ja mit diesem schwäbischen Akzent, der alles über die Assimilation der deutschen Juden erzählt – die waren mit Deutschland als ihrer Heimat verbunden. Als Josef Bierbichler den jüdischen Fußballfunktionär Landauer gespielt hat, war es auch absolut wichtig, dass er mit einem starken bayrischen Akzent sprach. Das ist ja etwas, was die Nazis so erfolgreich betrieben haben: diese Trennung in den Köpfen zwischen Deutschen und Juden. Deshalb war es uns so wichtig, diese Aspekte in Fritz Bauers Figur zu zeigen.

Das Gespräch führte Frank Olbert.