Mann schlägt Frau: Der Autor, Regisseur und Kameramann Philip Gröning hat für seinen Film „Die Frau des Polizisten“ einen klassischen Stoff für eine realistische Bearbeitung gewählt. Der Realismus würde sich allerdings bemühen, Gründe aufzuzeigen: Warum schlägt er sie, warum bleibt sie bei ihm? Zu den schon rituellen Verfahren des deutschen Autorenfilms gehört es, diese Fragen nicht zu bearbeiten, weil die Antworten bereits hundertfach im Fernsehen zu sehen waren. Keine Psychologie mehr! Ist doch auch die „realistische“ Psychologie eine, die der „realistischen“ Dramaturgie zuarbeitet und alles ausklammert, was im Fühlen und Treiben echter Menschen auch vorkommt, aber eben keine erzählerische Funktion erfüllt.

An die Stelle der realistischen Seelenkunde rückt im Kunstfilm die sogenannte genaue Beobachtung. Das heißt: Es wird nicht gesprochen und nicht geurteilt, die Kamera hängt an den Figuren und dokumentiert das Fußnägelschneiden oder sonstige Verrichtungen, die nichts bedeuten, aber natürlich wahnsinnig bedeutungsvoll aussehen, wenn man sie minutenlang aus der Nähe betrachtet. In solch genauer und geduldiger Beobachtung hat sich Philip Gröning, Jahrgang 1959, schon in „Die große Stille“ (2005), seiner wunderbaren Dokumentation aus einem französischen Kartäuserkloster, erfolgreich geübt.

Die Gründe bleiben offen

„Die Frau des Polizisten“ beginnt nun mit einem Blick in einen dämmernden Wald: Die Bildschärfe wandert von einem Ast im Vordergrund zu einer roten Markierung auf einem Baumstamm im Mittelgrund und zurück. Wir hören Vögel, dann hoppelt ein Hase von uns weg. Danach kommt eine langsame Schwarzblende und zwei Tafeln, „Ende Kapitel 1“, „Anfang Kapitel 2“. Sodann sehen wir einen jungen Polizisten durch eine stille Straße von der Nachtschicht nach Hause kommen. Er hat eine Brötchentüte dabei, betritt sein Haus, legt die Brötchen in die Küche, verstaut die Dienstwaffe an einem sicheren Ort, zieht sich im Badezimmer Pullover und Hemd aus, im Schlafzimmer den Rest und schlüpft dann zu seiner Frau ins Bett. „Ende Kapitel 2“.

Die Brötchentüte markiert klassisch die Fallhöhe: Vom treusorgenden Familienvater zum unkontrollierten Schläger. Der Weg dahin ist jenseits aller dramatischen Regeln diskontinuierlich und scheint keineswegs ausweglos; ebenso bleiben die Gründe für diese Verwandlung vollkommen offen.

Sind es die toten Tiere und Menschen, die der Polizist bei der Arbeit sehen muss? Ist es die sich im Bett dem Sex entziehende Frau? Ist es die mangelnde Nähe zur Tochter, mit der er nichts erlebt, sondern nur beim dörflichen Treckerfest oder vor der Spielkonsole hockt? Ist es allgemein die Unzuverlässigkeit der zivilisatorischen Bändigung, wie sie durch die Bilder der unvermittelt einbrechenden Natur suggeriert wird? Man sieht einen Fuchs auf der Straße, Regenwürmer unter den Bodenkacheln.

Philip Gröning verschmäht nicht nur die berüchtigten „einfachen Antworten“ – er gibt gar keine. Es wundert einen nicht, dass sein Film weitgehend ohne ausformuliertes Drehbuch entstand, denn die ganze Haltung des Films ist alogisch und begriffsfern. Das körperlich intime, aber psychologisch distanzierte Erzählen lässt offen, ob der Beruf des Polizisten, ob das soziale Umfeld der Kleinstadt nun eigentlich wichtig ist für den Niedergang dieser Ehe-Beziehung in Gewalt und Sprachlosigkeit. Während das realistische Erzählen seine Elemente im Hinblick auf Bedeutung verflicht, lässt Gröning die Einzelheiten nebeneinander stehen und setzt auf Stil allein.

Der gefolterte Leib

Dieser Stil jedoch – und das verleiht dem inhaltlich banalen und scheinbar strapaziös-unspannenden Film dann doch wieder Kraft – schließt sich in seiner Virtuosität zu einer sehr eigenen, genuin visuellen Form zusammen, die Philip Gröning im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Venedig den Spezialpreis der Jury eintrug. Im Mittelpunkt dieser Form steht der Körper der Titelheldin, der sich zunehmend mit Blutergüssen färbt. Den ersten sehen wir unvermittelt zwischen ihren Schulterblättern, als sie ihren lachenden Mann im Badezimmer launig mit der Munddusche bespritzt. Am Ende aber ist dieser Leib meist nackt und gefleckt wie der gefolterte Leib in der Passion. Zugleich nimmt die Bindung der Mutter an die Tochter beklemmende Ausmaße an: Immer öfter sieht man die beiden in der Badewanne wie in einer utopischen Gebärmutter. Die Badewanne ist in diesem Film zugleich Kulminationspunkt einer Kette von Wasserbildern, die von Fluss und Wasserfall ihren Ausgang nehmen.

Solche Motivketten durchziehen den Film insgesamt und verleihen ihm unaufdringlich symbolische Sprachkraft: Die Innenräume werden immer mehr zu Tatorten, die Naturbilder versetzen die Sicherheit menschlicher Einrichtungen in die Schwebe. „Die Frau des Polizisten“ ist eher ein Zyklus bewegter Bilder als ein Film im herkömmlichen Sinn – nicht auf der inhaltlichen, wohl aber auf formaler Ebene ist er eine starke Provokation im neueren deutschen Kino.

Die Frau des Polizisten Dtl. 2013. Buch, Regie & Kamera: Philip Gröning, Coautorin: Carola Diekmann, Darsteller: Alexandra Finder, David Zimmerschied, Pia & Chiara Kleemann, Horst Rehberg u. a.; 179 Minuten, Farbe. FSK ab 16.