Patriotismus zählt für einen Mathematiker nicht – er lebt in der universellen Welt der Zahlen. Was kümmert es Alan Turing, dass durch die Enigma-Maschine der deutschen Wehrmacht Tag für Tag Tausende seiner englischen Landsleute sterben, Zivilisten wie Soldaten? Ihn interessiert es, den Code zu knacken, nicht aus Vaterlandsliebe, sondern aus wissenschaftlichem Ehrgeiz.

„Wir beide werden einen wunderbaren Krieg haben“, sagt der Chef des MI6 zu Turing, als dieser an die Arbeit geht, die deutschen Enigma-Botschaften zu entschlüsseln. Der Geheimdienstler und das Rechengenie, das hinter den gediegenen Backsteinmauern von Bletchley Park an einem Anti-Enigma-Computer tüftelt – für beide ist der Krieg keine blutige Auseinandersetzung auf Leben und Tod, sondern ein Strategiespiel.

Turing haftet etwas Zwiespältiges an

So haftet Turing in Morten Tyldums „The Imitation Game“ etwas Zwiespältiges an. Er steht auf der richtigen Seite, aber nicht aus moralischen, sondern aus akademischen Gründen. Dieses Diffuse seiner Persönlichkeit setzt sich im Privatleben fort. Turing ist schwul, aber um Vorgesetzte und staatliche Autoritäten von seiner Homosexualität abzulenken, täuscht er eine Beziehung zu Joan Clarke vor, einer Mitarbeiterin in Bletchley Park. Dass Joan wiederum ihre Eltern belügt, die ihre Tochter nicht in Gesellschaft männlicher Kollegen wissen wollen, wen wundert’s? „The Imitation Game“ ist ein einziges Spiel um Lug und Trug, Täuschung und Geheimniskrämerei.

Allein die Tatsache, dass Tyldum und sein Drehbuchautor Graham Moore die verborgene sexuelle Orientierung ihrer Hauptfigur zu einem Dreh- und Angelpunkt der Dramaturgie erheben, ist bemerkenswert: „Enigma“, Michael Apteds Film aus dem Jahr 2001 nach dem Roman von Robert Harris, verschwieg derlei lieber ganz – Kriegshelden haben solche Geheimnisse nicht! Aber eben das ist der immense Vorzug von „The Imitation Game“.

Hier geht es weder um Heldenverehrung noch um Moral. Tyldum blättert Facetten eines komplexen Charakters im Zusammenhang seiner historischen Zeit auf, das ist allemal aufregender und erkenntnisreicher, als es ein reiner Thriller nach einer wahren Begebenheit einerseits oder ein Biopic andererseits zu leisten imstande wären.

Im „Imitation Game“ hängt alles mit allem zusammen: Turings Kindheit und Jugend, in denen er bereits lernt, seine Neigung zu anderen Knaben zu vertuschen; die Entzauberung der Enigma-Maschine, die aus dem gehemmten Außenseiter eine Zentralfigur der britischen Kriegsführung macht; und seine Enttarnung als Homosexueller, durch die er wieder zur Persona non grata herabsinkt, sich einer Behandlung mit übelsten Chemikalien unterziehen muss und schließlich 1954 in den Selbstmord getrieben wird. Turing, der Retter Englands, Turing, der Verräter der Mehrheitsmoral – welche Stationen hat dieses Leben durchlaufen, und wie feindselig war jede einzelne davon.

Die drei Ebenen dieser Biografie – Kindheit, Krieg, Nachkrieg – verschachtelt der Film, als wäre der Turing-Computer mit seinen rotierenden Knöpfen selbst am Werk. Es ist spannungsvoll und beklemmend zugleich zu beobachten, wie sich die psychologischen Muster überlagern, gegeneinander verschieben, einander widersprechen: der schüchterne Junge, dann der geniale Mathematiker, der ebenso bewundert wie angefeindet wird und fast unfähig ist, im Team zu arbeiten; schließlich der stigmatisierte Homosexuelle, der unter äußerem Druck tatsächlich krank wird und kapituliert.

Der emotionalste Moment

Natürlich liegt der Schwerpunkt des Films auf der Entschlüsselung des Enigma-Codes, und hier gönnt sich „The Imitation Game“ auch seinen emotionalsten Moment, aber es gibt auch ein aufschlussreiches Davor und Danach.

Mit Benedict Cumberbatch hat Tyldum die Hauptrolle so besetzt, wie es derzeit kaum treffender geht. Cumberbatch, der Sherlock Holmes, der dämonisch kalte Khan aus „Star Trek: Into Darkness“, der in die Melancholie abtauchende Logiker – ein Typ wie Ludwig Wittgenstein: Wer könnte Alan Turing überzeugender verkörpern als er, ein arroganter Schnösel genau so wie ein verachteter Eigenbrötler, Hassobjekt und Hoffnungsträger zugleich.

Ebenbürtig ist Cumberbatch zumindest in einigen Szenen nur Keira Knightley, das einzige weibliche Gegengewicht im Ensemble in der Rolle der Joan Clarke. Alle anderen, Matthew Goode, Allen Leech, Rory Kinnear, sind eher die Bauern in der großen Schachpartie des „Imitation Game“, auch wenn sie sich anders verkleiden: Als Spione und Überläufer, als Superhirne und Manipulatoren.

Sie alle leben in zwei Welten, die Tyldum wie in einer Analyse des kriegerischen 20. Jahrhunderts entwirft. Das eine ist die für alle sichtbare Welt – das andere eine klandestine Unterwelt, ein Schattenreich, ein trüber Hades. Keiner weiß um diese Sphären besser und schmerzlicher als Alan Turing, keiner wurde erbitterter in den Hades verdammt als er. Erst 2013 gönnte ihm Königin Elisabeth II. posthum ein „Royal Pardon“.