Helden haben es oft leichter, wenn sie nicht wie Helden aussehen. Benjamin nicht. Der schüchterne linkische Junge, Mitte zwanzig, arbeitet als Pizzafahrer in einer Stadt inmitten von großspurigen Selbstdarstellern. Tom Schilling („Oh Boy“) macht sich dabei mal wieder hübsch winzig in seiner Paraderolle als Underdog. Die Frage „Who am I“ ist für seinen Benjamin nicht leicht zu beantworten, denn am liebsten verschwindet er aus dem realen Leben und wechselt in die digitalen Identitäten verschiedener Computerspiele. Benjamins bleiche Oberfläche sagt also so wenig über ihn aus, wie die Benutzeroberfläche seines PCs über dessen wahre Fähigkeiten. Die sind schier grenzenlos.

Der scheinbar blasse Benjamin ist in Wahrheit ein Crack der Maschinensprache. Wenn er im Laufe des Films sich zum Superhacker entwickelt, der sogar den BND zum Zittern bringt, dann deckt sich diese besondere Form des Heldentums doch wieder mit seinem Äußeren, sofern man denn dem Klischee glauben mag, dass Computernerds so unscheinbar aussehen wie graue Mäuse im Nebel. So unsinnlich wie ihre Maschinensprache. Und damit wären wir beim Interessantesten dieses Films, dem Verhältnis der digitalen Hacker-Abenteuer zu den Körpern der analogen Welt. Ohne sie kein Film, schon gar kein mitreißender. Aber vorher noch kurz die Geschichte:

Als er ein paar Sozialstunden ableisten muss, weil er für eine angebetete Schulfreundin (Hannah Herzsprung) den Unicomputer mit den Prüfungsfragen geknackt hat, lernt Benjamin den charmanten Kleinganoven Max kennen, der sich ebenfalls im Hacken versucht, und in dessen Gefolge den ganzkörpertätowierten Stephan (Wotan Wilke Möhring) und den misstrauischen bärenhaften Paul (Antoine Monot Jr.). Alle zusammen bilden das Hackerkollektiv Clay (Clowns laughing at you). Sie fangen einigermaßen harmlos an, schmuggeln für den Videovortrag beim NPD-Parteitag einen falschen Beitrag auf die Festplatte oder hacken sich in die rechnergesteuerte Beleuchtungsanlage eines Pharmaunternehmens ein, um auf der Konzernfassade die Wörter „töten Tiere“ erscheinen zu lassen.

Bald aber wird die Sache brenzliger. Im Wettkampf mit dem berühmten Hacker MRX setzt sich Clay immer ehrgeizigere Ziele. Mit dem digitalen Einbruch in die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes stören sie die Kreise der russischen Cybermafia. Die mag keine aufsehenerregende Anarchie in ihrem Sektor und macht sich daran, Benjamins Identität zu lüften. Die Killer sind schon unterwegs, als die vier überforderten Clowns panisch versuchen, ihre Spuren im wirklichen Leben zu löschen.

Und wie machen sie das? Mit Gasmasken über dem Gesicht versuchen sie ihre Festplatten in einem Säurebad zu vernichten. Das sieht dramatisch aus und soll mit visueller Übersteigerung der Unsinnlichkeit hinweghelfen, die dem Thema Netzkriminalität innewohnt.

Die digitale Netzwelt ist für Kameraleute ein Alptraumthema. Nichts langweiliger als die ewigen Zahlenkolonnen, die über Bildschirme huschen, das wüste Getippe auf der Tastatur, die Kabelbündel, in denen sich die modernen Einbrüche abspielen. Für einen Thriller gibt das optisch nichts her. Der Regisseur Baran bo Odar hat sich zusammen mit der Szenenbildnerin Silke Buhr einfallen lassen, das Datennetz symbolisch durch das Berliner U-Bahnnetz darzustellen und einen U-Bahnwagen als einen dramatischen Datenknotenpunkt einzurichten. Im düsteren Ambiente der U-Bahnwelt treffen die Mails der verfeindeten Hackergruppen leibhaftig in Form ihrer maskierten Absender aufeinander und überreichen sich die (Daten-)Pakete. Ab und an auch mal einen Trojaner aus Lehm.

Und auch sonst ist alles in dem Film, das nicht unmittelbar zum Blick auf den Monitor gehört, von einer geradezu hysterischen Körperlichkeit. Dazu gehören die Tatoos ebenso wie die ständig getragenen Anonymus-Masken. Die lachenden Clowns liefern sich Tänze in Unterhose, rauben Küsse von zugedröhnten Frauen, zeigen den nackten Hintern aus einem geklauten Porsche, hauen sich die Brauen blutig. Höhepunkt ist ein Zimmermannsnagel, der durch Benjamins Hand getrieben wird wie bei Jesus am Kreuz.

Seine Identitätsprobleme lassen sich auch mit diesem drastischen Mittel nicht lösen. Der digitale Dauereinbruch in andere Identitäten lässt die eigene zunehmend erodieren. Wer ist Benjamin wirklich? Vielleicht alle zusammen? „Und sollst du auch der letzte sein, alleine bist du nicht“, lautet eine der trügerischen Gewissheiten. Am Ende ist der Film das, was Cineasten mindfuck movies nennen, ein verblüffendes Spiel mit der Täuschung. Mindfuck, ein bezeichnendes Wort, das den Körpern nichts anderes übrig lässt als jenes hysterische Gezappel, das uns glauben machen soll: Wirklicher geht es nicht.

Who am I – Kein System ist sicher Deutschland 2014. Regie: Baran bo Odar; Drehbuch: Jantje Friese, Baran bo Odar; Kamera: Nikolaus Summerer; Darsteller: Tom Schilling, Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot Jr. u.a. 106 Minuten, Farbe, FSK ab 12.