Matthias Schweighöfer ist neben Til Schweiger der wohl populärste Schauspieler Deutschlands. Seine Filme sind allesamt Kinohits, ganz gleich wie bescheuert sie auf manchen erwachsenen Zuschauer wirken mögen. Also wird Schweighöfer geradezu mit Handkuss für neue Projekte besetzt. Und warum auch nicht: Der Mann hat einen ganz eigenen postpubertären Charme, wenn er sich verspielt und raffiniert zugleich gibt. Ah, dieser neckische Augenaufschlag! Aber will man Schweighöfer deswegen gleich in allen Hauptrollen sehen, die hier zu Lande zu vergeben sind?

Die Antwort lautet: Nein!

Letztgültig gereift ist sie nach Ansicht von „Russendisko“, der Kinoadaption des gleichnamigen Bestsellers von Wladimir Kaminer durch Oliver Ziegenbalg. Der hatte unter anderem die Drehbücher zu den ziemlich gelungenen Komödien „Friendship!“ sowie „13 Semester“ geschrieben und sprang hier als Regiedebütant ein, nachdem sein Vorgänger Oliver Schmitz die Spielleitung wegen künstlerischer Differenzen aufgegeben hatte. „Russendisko“ wurde nicht ohne Schwierigkeiten realisiert. Ein schlechtes Omen?

Schweighöfer spielt Wladimier Kaminer

Nun also verkörpert Matthias Schweighöfer den nach Deutschland ausgewanderten russischen Juden Wladimir Kaminer. Letzterer ist ebenso wie Schweighöfer eine im öffentlichen Leben durchaus präsente Gestalt. Was bedeutet, das auch noch jeder Gelegenheits-Fernsehzuschauer weiß, wie Kaminer wirkt: Wiewohl schlank, so doch täuschend wuchtig, dunkelhaarig, unverkennbarer russischer Akzent, nicht unsympathisch.

Der blonde Schweighöfer wirkt eher nicht so wuchtig, und seine helle Stimme ist nun wirklich bar eines jeden Akzents. Wer diese Unterschiede für nicht wichtig hält, unterschätzt grob die identifikatorischen Aspekte, die das Publikum gerade mit einem autobiografischen Bestseller wie „Russendisko“ und seinem Urheber verbindet. Unsereins ist ja nun auch Kinopublikum und war unangenehm irritiert davon, dass einem ein schmächtiger Deutscher als eindrucksvoller Russe verkauft wird. Man fühlt sich nicht nur des schönen Akzents beraubt.

Über die Filmhandlung selbst müssen nicht viele Worte verloren werden; schließlich hat sich Kaminers Buch mehr als 1,3 Millionen Mal verkauft – es war sein erster großer Erfolg. Drei junge Russen kommen hier kurz nach dem Mauerfall, aber noch vor der deutsch-deutschen Wiedervereinigung nach Ost-Berlin, um ihr Glück zu suchen. Einem Abkommen zufolge nimmt die in ihren letzten Zügen liegende DDR nun russische Juden auf.

Dumm nur, dass einer der drei Neuzugänge gar kein Jude ist. Er bekommt deswegen nur ein dreimonatiges Touristenvisum; aber wenn er eine Deutsche heiraten würde, wäre sein Problem gelöst. Zunächst landen die drei von der Passstelle in einem Ausländerwohnheim in Berlin-Marzahn, wo buntes Treiben und großes Hallo herrscht, wenn die hier ebenfalls lebenden Roma immer nach Feierabend aus Spaß an der Freud’ ein altes Auto an den Baum im Hof setzen.

Bunt und nostalgisch: Berliner Version von "Amélie"

Erzählt ist dieser Film, wie das Buch, aus der Perspektive eines jungen Mannes, der große Erwartungen sowie Sinn für das Absurde hat und das Leben für eine Art Party hält. Dies ist eigentlich ein schöner, quasi kindlicher Blickwinkel – und hier auch nicht das Problem. „Wir wollen mit dem Film ein warmherziges, modernes Großstadtmärchen und zugleich eine sehr reale Multikulti-Geschichte aus dem Berlin der 90er-Jahre erzählen“, hat der Produzent Christoph Hahnheiser geäußert, und dies „mit den richtigen Kinobildern“. Er hatte sich da eine Berliner Variante des französischen Kinoknallers „Die fabelhafte Welt der Amélie“ vorgestellt.

Entsprechend sind die Bilder in „Russendisko“ sehr bunt und nostalgisch getönt. Als ästhetische Entscheidung mag das der subjektiven Sicht Wladimirs entsprechen. Zurück zu Schweighöfer – ein weiteres Problem des Films besteht darin, dass kein passender Rhythmus gefunden wird für die episodische Struktur des Erzählens. Auch die will ja synkopiert sein. Doch alles plätschert eben so dahin, Freundschaftsglück wie Liebeswirren.

„Russendisko“ verdeutlicht einmal mehr, wie piefig das deutsche Kino doch bei starrem Blick auf den Kassenerfolg tickt. Nach diesem Film kommt einem alles, was Leander Haußmann je gedreht hat, vor wie Kunstkino. Am Ende wird die titelgebende, legendär gewordene „Russendisko“ im Berliner „Kaffe Burger“ begründet. Schön in diesem Film sind immerhin die gezeichneten Animationen von Alla Churikova, anhand derer etwa aus dem Leben Olgas, Kaminers Liebe, erzählt wird. Und keine Angst, einschlafen wird man nicht – das verhindert schon die permanente Musik. Yuriy Gurzhy aus dem echten Russendisko-Team steuerte die Songs zum Soundtrack bei. Der echte Wladimir Kaminer hat übrigens einen vokalen Gastauftritt als Radiodoktor. Da spürt man erst recht, was dem Film fehlt.

Russendisko Dtl. 2012. Drehbuch & Regie: Oliver Ziegenbalg, Kamera: Tetsuo Nagat, Darsteller: Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke, Christian Friedel u. a.; 100 Minuten, Farbe. FSK ab 6 Jahre. Ab Donnerstag im Kino.