Als Katniss Everdeen nach einem Anschlag aus tiefer Bewusstlosigkeit erwacht, hat sie keine Stimme mehr. Das ist fatal – schließlich kommt der jungen Frau eine wichtige Aufgabe zu als Wortführerin und „Gesicht der Revolution“. Wundmale verunstalten jedoch ihren Hals und ihre Kehle, aus der sich nach großer Anstrengung und unter sichtlichen Schmerzen ein Krächzen löst. Immer wieder versucht die Bogenschützin aus dem zerstörten Distrikt 12 Worte zu formulieren. Und endlich ist sie wieder eins mit sich als Mensch: „Mein Name ist Katniss Everdeen“.

Gleich in der ersten Szene von „Die Tribute von Panem – Mockingjay, Teil 2“ ist zur Gänze enthalten, worum es in den folgenden zwei Kinostunden gehen wird: um Heilung, Bewusstsein, Selbstermächtigung und um eine in Kämpfen gewonnene Identität. Es geht indes auch um die Politik der Bilder und Nachrichten in Krisen- und Kriegszeiten und darum, ob und wie man sich von ihr benutzen lässt.

Mut zum Nein

Denn dies ist die Geschichte von Katniss Everdeen. In Teil 1 der Hollywood-Filmreihe „Die Tribute von Panem“ bei den sogenannten Hunger Games angetreten, will sie am Ende lieber den Tod wählen als, wie vom Veranstalter vorgesehen, den unterlegenen Freund liquidieren. Die Hungerspiele – brutale Gladiatorenkämpfe, bei denen menschliche Opfergaben (Tribute der Distrikte) auf Leben und Tod gegeneinander antreten müssen – dienen im totalitären Staat Panem ebenso der Unterhaltung wie Einschüchterung. Mit ihrer furchtlosen Geste legt Katniss jedoch den Keim zu einer landesweiten Rebellion: Sie verlieh den Unterdrückten und bei den Hunger Games zur Schlachtbank Geführten den Mut, gegen den Diktator Snow aufzubegehren.

Der zweite Teil der Film-Reihe nach der Bestsellertrilogie von Suzanne Collins erzählt dann davon, wie Katniss als Symbol und Gesicht des Widerstands reüssiert und mit ihrer neuen Rolle zurechtkommt. Nunmehr eine junge Frau, wurde an ihrem Fall die Adoleszenz mit medialen Techniken der Idolisierung und Dekonstruktion verschränkt – für ein gemeinsam mit der Heldin und deren Darstellerin Jennifer Lawrence erwachsener gewordenes Kinopublikum. Das spannende dystopische Action-Szenario blieb erhalten, ja es wurde sogar effektvoller inszeniert. Dennoch verlagerte sich der Schwerpunkt hin zum medialen Diskurs.

Der Spotttölpel, Symbolvogel von Katniss, gab nun „Mockingjay“ seinen Titel. Dieser letzte Teil der „Panem“-Reihe wurde in zwei Filme aufgespalten, was eigentlich nicht nötig gewesen wäre, aber für doppelte Kinoeinnahmen sorgt. Bereits „Mockingjay 1“ hatte deutlich düstere Töne als die eher Fantasy-geprägten Vorgängerfilme angeschlagen – und hochpathetische dazu. „Mockingjay 2“ ist nun ein Kriegsfilm, der aus dem Untergrund der Rebellion ans Licht, ins Offene führt. In einem perfiden Geländespiel fordern tückische Sprengfallen und mörderische Mutanten viele Opfer auf dem Weg zu Snows Kapitol . Die größte Gefahr droht jedoch von unerwarteter Seite, und als Katniss das erkennt, bleibt sie sich treu im unbedingten Handeln für Gerechtigkeit.

Dennoch ist man unendlich traurig nach dem Ende von „Mockingjay 2“. Das liegt auch an der überirdischen Entspanntheit, ja geradezu jenseitigen Abgeklärtheit, mit der Philip Seymour Hoffman in seinen letzten, wenigen Auftritten als Plutarch den Schützling Katniss stärkt. Einst war Plutarch Spielemacher der Hunger Games, zugleich spionierte er aber in Snows Palast für die Rebellen. Später richtete er Katniss medial als „Gesicht der Revolution“ her – eine ambivalente Rolle für beide. Hier nun scheint Hoffman über allem zu stehen – ganz so, als würde er seinen eigenen, tatsächlichen Tod schon vor sich sehen. Denn dieser großartige Schauspieler starb 2014 noch vor Beendigung der Film-Reihe an einer Überdosis.

Noch trauriger macht einen aber der permanente Krieg, der in „Mockingjay 2“ herrscht: der Krieg des Diktators gegen den Krieg der Rebellen; wer welchen Terror anrichtet, lässt sich kaum mehr unterscheiden. Wer die Entwicklung diverser Rebellenbewegungen oder Revolutionen verfolgt hat oder auch an die Pariser Anschläge denkt, wird vor allem den letzten „Panem“-Film mit Bestürzung sehen. Was zunächst nur den Abschluss einer der erfolgreichsten Hollywood-Reihen bildet, bietet über das profitable Geschäftsmodell und die spannende Kinounterhaltung hinaus eine bedrückende Meta-Erzählung über Ideale, die mit totalitärem Anspruch durchgesetzt und dadurch pervertiert werden. „Töten ist nichts Persönliches“, heißt einmal in „Mockingjay 2“ auf Seiten der Rebellen. Gerade im Science-Fiction-Setting wurden diese „Tribute“ damit zu einer zutiefst heutigen Angelegenheit – die völlig unheroisch endet.