Die Aussicht auf einen neuen Teil der Dinosaurier-Reihe „Jurassic Park“, 14 Jahre nach dem dritten Teil mit dem schlichten Titel „Jurassic Park III“, erzeugt kaum Vorfreude. Weder Steven Spielberg noch Michael Crichton, den Autoren des ersten Teils von 1993, ist für die Fortsetzung etwas eingefallen; aus dem dritten Teil haben sie sich gleich ganz herausgehalten. Im ersten Teil ging es noch um das Wunder des Lebens und die Unmöglichkeit, es zu kontrollieren, auch dann, wenn man es selbst gezüchtet hat.

Menschliche Nahrung

In Spielberg-typischer Manier war damals zu erwarten, dass der hagestolze Paläontologe Alan Grant, der zu Beginn selber das Aussterben der Fortpflanzung vorzog, nun mit seiner Freundin Ellie Sattler zur Familiengründung schreiten würde – „das Leben findet einen Weg“ war der zentrale Sinnspruch.

In den Fortsetzungen ging es dann nur noch um groben Situations-Darwinismus, oder einfacher gesagt: Die Drehbücher begnügten sich damit, den Sauriern menschliche Nahrung zuzutreiben. Aber ein Thema, eine Idee fehlte – und das ruinierte das Ansehen der Reihe gründlich. Gerüchte über eine Fortsetzung klangen also nicht verheißungsvoll, und mit dem Schriftsteller Michael Crichton starb 2008 der wichtigste Ideengeber.

Ganz und gar erstaunlich ist es daher, wenn sich „Jurassic World“ nun als Popcorn-Kino von unverhofft hohem Reflexionsniveau entpuppt. Steven Spielberg hat sich auf die Rolle des Executive Producer beschränkt und Colin Trevorrow die Regie und auch das Drehbuch überlassen. Die Geschichte ignoriert die Fortsetzungen und knüpft einfach am ersten Teil an. Der Park von John Hammond wurde von einem indischen Investor gekauft und gewaltig erweitert, er fasst nun über 20.000 Besucher. Um den Publikumszuspruch zu steigern, begnügt man sich jetzt nicht mehr mit der Rekonstruktion ausgestorbener Dinosaurier, sondern entwirft im Gen-Labor InGene neue Dinos, die noch größer und gefährlicher sind als die Originale.

Schon das ist ein selbstreferenzieller Scherz hoher Güte. Der erste „Jurassic Park“ mag heute ziemlich nach Plastik aussehen, war aber 1993 ein Meilenstein in Sachen Computeranimation – und das wollten so viele Menschen sehen, dass der Film fünf Jahre lang, bis John Camerons „Titanic“, der erfolgreichste Film überhaupt war. Die seitdem losgetretene Welle der visuellen Aufrüstung bis zum 3D-Kino heute folgte eben der Logik der permanenten Überbietung, die nun die Herren der „Jurassic World“ antreibt, immer größere Monster zu erschaffen.

Und diese Logik ist – hier findet der Film sein Thema – kapitalistisch. Man kann „Jurassic World“ bis ins Detail als Allegorie auf den Finanzmarkt-Kapitalismus verstehen. Nicht zufällig spricht Claire (Bryce Dallas Howard), eine leitende Managerin des Parks, ständig vom „Produkt“ und vom „Verbraucher“, jene Begriffsschablone, mit der der Kapitalismus alle Unterschiede plattwalzt und seiner Logik gefügig macht. „Produkt“, das kann ein Credit Default Swap sein oder auch ein designter Dinosaurier: Eine Erfindung, die keiner versteht, aber gewaltige Renditeerwartungen weckt – etwa die eines vierten „Jurassic Park“-Teils – , dann aber erst ein Eigenleben entwickelt und schließlich fatale Auswirkungen hat. So springt der Film von seiner Geschichte in die Fabel und spricht zugleich über sich selbst.

Erwartungsgemäß geht auch in „Jurassic World“ alles schief. Das neugestaltete Tier, dessen genetische Zusammensetzung geheim gehalten wird – es ist größer als ein Tyrannosaurus Rex und hat statt dessen Stummelarmen zwei kräftige Füße –, kurz gesagt: „das Produkt“ entkommt mit List und Tücke und sorgt erst für Nervosität und dann für stattliches Blutvergießen.

Kluge Kapitalismuskritik

Was tun? Zumal auch noch Claires Neffen im Park unterwegs sind und gerettet werden wollen. Man versucht es mit Gummigeschossen, MG-Feuer aus dem Hubschrauber, Claire fährt mit dem Velociraptor-Trainer Owen (Chris Pratt) in den Dschungel – natürlich vergeblich. Schließlich will der InGene-Chef Vic Hoskins (Vincent D’Onofrio) die militärische Verwendbarkeit der Velociraptoren testen und schickt sie gegen den Kunst-Saurier in den Krieg – der Teufel soll mit dem Beelzebub ausgetrieben werden.

Aber sind die kleinen Bestien besser beherrschbar als die große? Was bedeutet das auf der allegorischen, kapitalismuskritischen Ebene der Geschichte? Und wann haben wir über ein visuell fettes Effektspektakel zuletzt so viel nachdenken können?