BerlinDie Kirchen schlafen nicht wirklich, nicht alle. Es gibt wohl Gemeindekirchenräte, die alle Gottesdienste bis auf weiteres abgesagt haben, und solche, die verkürzte Andachten erlauben. In der Zehlendorfer Gemeinde, in der ich für die Musik verantwortlich bin, darf der sonntägliche Gottesdienst zurzeit höchstens 40 Minuten dauern. Da sich Pfarrer ungern beim Predigen beschränken lassen, betrifft der Kampf um die einzusparenden Minuten in der Hauptsache Liturgie und Musik. Theoretisch dürfte man noch einen Musiker neben der Orgel beschäftigen, aber wenn der nur wenige Takte musizieren darf, ist das witzlos.

Statt der fünf Lieder, die in unseren Gottesdiensten normalerweise von der Gemeinde gesungen werden, gibt es nun nur noch eines, und das singt der Organist, so wie er auch die liturgischen Antiphonen – die Wechselgesänge mit der Gemeinde bei Sündenbekenntnis und Gnadenzusage – mit sich allein singt. Angesichts der großen Rolle, die Martin Luther der Musik und der singenden Gemeinde in der protestantischen Kirche zugemessen hat, angesichts des großartigen Erbes protestantischer Kirchenmusik von Schütz über Bach bis Hugo Distler, angesichts der starken, dem Wort nicht selten überlegenen Wirkungen, die Musik auf die Kirchenbesucher ausübt, gehören die Kirchen dann doch sehr weitgehend in die Reihe „Schlafender Orte“.

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