BerlinIn seinem Spätwerk vermeidet Richard Strauss die Reflexion seiner grauenvollen Gegenwart. Alliiertes Bombardement, zerstörte Städte, Not – Werke wie das Oboenkonzert oder die Bläsersonaten entwerfen eine arkadische Gegenwelt, vielleicht im klaren Bewusstsein, dass eine künstlerische Reaktion auf die Katastrophe am Ende keine Aufklärung, sondern vor allem Verklärung bewirken würde. Nur einmal hat Strauss dem Elend ins Auge zu blicken versucht: In den „Metamorphosen“ verleiht er der Trauer um die zerstörte Kultur Ausdruck und schafft zugleich eine in seinem Gesamtwerk einzigartige Struktur, die im Titel nicht zufällig auf Goethe Bezug nimmt: „Alle Gestalten sind ähnlich und keine gleichet der andern“.

Plötzlich ist Strauss gedanklich dem von Goethe ähnlich faszinierten Anton Webern nah und realisiert wie dieser ein dichtes musikalisches Motivgeflecht in der vorwiegend intimen Besetzung von 23 Solostreichern. Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker schufen am Donnerstag ein faszinierend transparentes Gebilde, in dem die Nebenstimmen prominent werden und das gleichwohl vorhandene Oberflächengeschehen, das man auch saftigst in den Vordergrund stellen könnte, in der Schwebe halten und in Frage stellen.

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