Kirill Petrenko ist nicht der erste, der für Mahlers Wille keine musikalischen Argumente findet.
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BerlinGustav Mahlers Sechste Symphonie ist berühmt wegen ihrer düster monumentalen Aussichtslosigkeit, ihrer Märsche und ihrer klanglichen Bizarrerien wie Hammer und Almglocken innerhalb eines riesigen, blockhaften Orchesters. Die markanteste interpretatorische Entscheidung des Dirigenten ist jedoch in jenem Satz zu treffen, der von dieser Sphäre am weitesten entfernt ist, dem langsamen. Ist dieses Andante moderato lediglich ein Intermezzo wie das Adagietto der Fünften oder die Nachtmusiken der Siebenten? Oder dürfen die seelischen Zwischentöne dieses Satzes und seine enormen Entwicklungen sich ausbreiten wie in Mahlers Adagio-Sätzen? Die Spieldauer liegt je nachdem zwischen zwölf und zwanzig Minuten.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker waren am Donnerstag fließend bis zur Flüchtigkeit unterwegs. Phrasen zielen auf den Schlusston, als könnten sie ihn nicht erwarten, den subtilen Farbwechseln nachzulauschen ist keine Zeit, jede sentimentalische Schwere wird dem Satz genommen. Damit erreicht Petrenko für die ganze Symphonie eine Bestzeit, die noch unter Mahlers eigenhändig notierten 82 Minuten liegt.

„Mahlers Wille“ braucht keine Argumente

In Sachen Mahler greift seit einiger Zeit philologischer Rigorismus um sich, ob es die Orientierung an Mahlers eigenhändigen Spieldauern betrifft oder die Platzierung des Andantes: Mahler hat es als dritten von vier Sätzen zum Druck gegeben, ihn in seinen eigenen Aufführungen jedoch immer an zweiter Stelle gespielt. Das gilt heute als „Mahlers Wille“ und weiterer, vor allem musikalischer Argumente bedarf es nicht.

Mahler wollte mithin, dass das Andante nach dem effektvoll schließenden Kopfsatz schmächtig wirkt, während es nach dem Verlöschen des Scherzos Raum hätte; Mahler wollte, dass das Scherzo zum Vorspann des Finales schrumpft, während es an zweiter Stelle die verdrängten Gespenster des Kopfsatzes zum Tanzen gebracht hätte.

Orchestral ist das vielleicht schon zu wunderbar

Ein Dirigent müsste nun erklären, warum Mahler seine Sätze um Wirkung bringt oder vielmehr, was die eigene Wirkung dieser Reihenfolge ist. Aber weder Simon Rattle, der damit angefangen hat, noch Claudio Abbado, der sich diese Satzfolge später zueigen gemacht hat, haben das wirklich vermocht. Und Petrenko vermag es auch nicht. Es läuft bei ihm auf eine Marginalisierung der Binnensätze heraus: Auch das Scherzo packen Dirigent und Orchester energisch und flott an, die Vortragsbezeichnung „Wuchtig“ kann man anders auslegen, die steife Rhythmik des „Altväterisch“ überschriebenen Trios wird nach barockem Gusto ausgeführt.

Orchestral ist das alles wunderbar und prägnant geformt, vielleicht schon zu wunderbar: Das „schwungvoll“ überschriebene Seitenthema im Kopfsatz hat Mahler vielleicht als Parodie auf die Überschwang-Momente seines Kollegen Richard Strauss verstanden: Immer wieder bleibt das Thema stecken, der Klang bleibt eigentümlich eckig. Petrenko hilft da etwas nach, und plötzlich ist das parodistische Moment in rauschendem Klang und weit greifenden Gesten verschwunden. Erst im Finale erzielt Petrenkos Druck Wirkung, die das Stück zu erklären vermögen: Da jagt etwas zum Ende und greift sich vom Leben wie ein Süchtiger noch so viel Ekstase wie möglich – bis die Posaunen ins Grab rufen und mit lautem Knall der Sargdeckel fällt.